Kreuzberger Chronik
April 2015 - Ausgabe 168

Kreuzberger
Christian Anwander




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von Hans W. Korfmann

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Die lange, schmale Gestalt mit den schlaksigen Armen und der neckischen Locke über der hohen Stirn bewegt sich in der allgemeinen Hektik der Markthalle mit aufregender Langsamkeit. Wie sehr die anderen sich auch beeilen, der Mann hinter dieser Theke lässt sich Zeit. Selbst wenn er Serranoschinken in hauchdünne Scheiben schneidet und die Kundschaft hinter seinem Rücken vor Ungeduld schon mit den Füßen scharrt, lässt er sich nicht aus der Ruhe bringen.

Wenn sich der Verkäufer dann umdreht, sieht der Kunde einen Mann, der gerade von einer langen Reise zurückzukommen scheint: Um den Hals trägt er ein Batiktuch, das aus Goa stammen könnte, und der Pullover sieht aus, als habe er eine lange Reise hinter sich. Auch sein erstaunter Blick deutet darauf hin, dass er sich erst wieder zurechtfinden muss in dieser Welt. Anwander erweckt den Eindruck, lange in ein Aquarium geblickt zu haben und gerade erst wieder aufzustauchen aus seiner wunderbar bunten Unterwasserwelt.

Dennoch beginnt der Kunde, eilig alle seine Wünsche aufzuzählen: 200 Gramm Manchego, 100 Gramm Chorizo, 150 Gramm Salami... - eine lange Liste unerfüllter Wünsche, die sich kein Mensch merken kann. Aber Christian Anwander hat sich alles gemerkt. Er hat ein erstaunliches Gedächtnis. Aus der ganzen Halle kommen sie zu ihm, wenn sie etwas wissen wollen. »Sag mal, wie hieß noch dieser Pirat der Queen?« – Wieder sieht er aus, als würde er nicht die geringste Anstrengung unternehmen, diese Frage zu lösen. Doch während Anwander noch verträumt in die Ferne schaut, sagt er, ohne besondere Aufregung oder eine Spur von Stolz: »Das war Sir Francis Drake.«

Christian Anwander ist kein »Heringsbändiger« geworden, kein Wurst- und Käseverkäufer. Aber er besitzt diesen Berufsabschluss eines Einzelhandelskaufmanns, den zwei Freunde eines Tages dringend benötigten, um den spanischen Feinkoststand in der Halle übernehmen zu können. Inzwischen haben die beiden Anfänger Berlin wieder verlassen, Anwander kann jetzt in aller Seelenruhe seinen Schinken und seinen Wein allein verkaufen. Er war Geschäftsführer bei einer Bäckerei mit vier Filialen, er war Filialleiter eines Biomarktes in Wilmersdorf, 12 Jahre lang war er bei einem anderen Biomarkt für die Logistik zuständig. Das alles war ok. Aber die Markthalle »macht total Spaß«. »Schließlich verkaufe ich keinen Hustensaft, sondern Wein. Und Schinken und Schokolade. Das braucht kein Mensch zum Leben. Das ist der pure Luxus.« Die Leute kommen, weil sie was übrig haben im Portemonnaie. Die Stimmung ist super hier.«

Abends ist sie am besten. Da verwandelt sich die Ladentheke in einen Kneipentresen, wird der Einzelhandelskaufmann zum Barkeeper. Den ganzen Tresen entlang stehen die Gläser, Weißwein, Sekt, Rotwein. Anwander hat ständig eine Flasche in der Hand, spricht hier ein paar Worte, beantwortet da ein paar Fragen, kennt alle mit Vornamen. Seit die Kneipen sterben, ist die Markthalle die letzte Zuflucht. »Es gibt Leute, die kommen schon mittags um 11 und bleiben bis um acht.« Abends stehen sie manchmal in zwei Reihen vor der Theke. So wie am anderen Ende der Halle beim Italiener, und reden über Kunst, Politik, das Essen, den Wein, die Frauen, die Arbeit. Und immer wieder tauchen Fragen auf: »Sag mal, Christian, wann war noch mal die Machtergreifung der Nazis?« Er nennt drei Daten: »30. Januar: Tag der Machtergreifung; 1. September: Es wird zurückgeschossen; 8. Mai: Es wird nicht mehr zurückgeschossen.« Als sie über die Einwandererproblematik diskutieren, sagt er: »So ein bisschen Nachbarschaftshilfe können wir uns doch leisten. Wir haben gerade 90 Millionen Einwohner in Deutschland, und wir sind Europas größte Volkswirtschaft. Ich weiß, wovon ich rede. Ich selbst profitiere ja auch davon.«

In der Halle nennen sie ihn »Wikipedia«. Auf diese Idee wären die Lehrer auf dem Isolde-Kurz-Gymnasium in Reutlingen nicht gekommen. Gleich viermal hatten sie Christian, der stundenlang vor seinem Aquarium sitzen und träumen konnte und dabei die Hausaufgaben vergaß, sitzen lassen. Es schien ihn nicht einmal sonderlich zu kümmern.
Er wollte sowieso nur Ichthyologe, Fischkundler, werden. Er hatte einfach keine Zeit zum Lernen. Er brauchte die Zeit zum Träumen. Ohne Träume ging gar nichts. Das schrieb schon Ernst Bloch. Die Träume sind der Anfang von allem. »Und ich wollte immer alles Mögliche. Aber ich war eigentlich immer der Beginner, nie der Beender«, sagt Anwander. Christian war für die Lehrer ein hoffnungsloser Fall.

Doch als sie ihn von der Schule warfen, wachte er auf und beschloss, sich »ein bisschen zu intellektualisieren«. Er begann zu lesen. Goethe war ihm in der Schule »nie begegnet«, jetzt verschlang er ihn, den Faust, »die Wahlverwandtschaften, einfach genial!« Manns Zauberberg war »eine richtige Reise«, und er war »total traurig, als auf Seite 980 plötzlich Schluss war«. Er las die Klassiker, Tolstoi, die Anna Karenina, bei der auch alles irgendwie langsamer ist, und unzählige Bücher über Kunst und Philosophie. Und natürlich die Geschichtsbücher. »Das Unternehmen Barbarossa«. Geschichte hatte ihn schon immer interessiert, spätestens, seit der Opa mit dem zerschossenen Bein vom Krieg in Russland erzählt hatte und der kleine Christian fragte: »Opa, hast du auch jemanden erschossen?« Woraufhin die Oma aus der Küche rief: »Nein, das hat er nicht getan.« Und der Opa entgegnete: »Doch, natürlich habe ich das getan.«

Diese ungereimte, finstere Geschichte weckte seine Neugierde. Er beschloss, die Fische im Aquarium alleine weiterschwimmen zu lassen und Historiker zu werden. Und weil in Opas Erzählungen und in den Geschichtsbüchern immer von Berlin die Rede gewesen war, wollte er unbedingt nach Berlin. Er war 21 Jahre alt, als er 1985 auf der Abschlussreise der Berufsschule das erste Mal in die Stadt kam. Und Berlin war tatsächlich wie der Nabel der Welt. Am liebsten wäre er sofort geblieben. Aber die Bundeswehr wartete auf ihn. Anwander hatte das mit der Verweigerung irgendwie nicht hinbekommen. Er war im Grunde gut vorbereitet gewesen, hatte sich Bücher besorgt, aber er war kein Freund von Prüfungen. Also wurde er Sanitäter in Engstingen, »wir haben 15 Monate lang eigentlich nur gesoffen.«

Als er wieder nüchtern war, fuhr er zurück nach Berlin. Die Stadt faszinierte ihn. Seine erste Wohnung war im Wedding, am Plötzensee, »dem schönsten See der Stadt. Und dann diese abenteuerlichen Fahrten mit der U6 nach Kreuzberg, durch die verlassenen U-Bahnhöfe unter der Friedrichstraße.« Ruinen, Paläste, zerstörten Theater, die Mauer… - überall in der Stadt standen die steinernen Zeugen eines der dunkelsten Kapitel der Weltgeschichte. Und auch abends, im Theater, in den großen Häusern und in den Kreuzberger Hinterhöfen, wurde dieses Kapitel aufgearbeitet. Anwanders »Intellektualisierungsdrang« war ungebrochen, der ehemalige Floyd- und Genesisfan besuchte »ungelogen« in vier Jahren 400 klassische Konzerte. Er scheute nicht davor zurück, ein Konzert zu besuchen, das aus einem einzigen, fünfstündigen Satz bestand. Er hatte die Karte im Radio gewonnen, und die Redakteurin sagte am Telefon: »Ich habe leider keine zweite mehr für Sie, Sie müssen da alleine hingehen.« Anwander lacht: »Da wäre eh keiner mitgekommen. Fünf Stunden und zwanzig Minuten nur Schlagwerk, Flöte, Klavier! Aber es war phantastisch«.

Aber nicht nur in Berlin stillte er seinen Wissensdurst. Er war in der Toskana und in Barcelona. Und er fuhr nach Florenz, »16 mal in vier Jahren – ungelogen. Ich habe diese Stadt geliebt.« Bis Friederike kam und er Friederike liebte, die ihn mitnahm an einen kleinen Ort an der Südküste Kretas, weit weg von klassischen Theatern und gediegenen Bildungspalästen, dafür voller Althippies, die abends am Strand saßen, aufs Meer hinausschauten und träumten. So ähnlich, wie er einst vor seinem Aquarium träumte. Jetzt fahren sie jedes Jahr dorthin. »Nach drei Tagen am Libyschen Meer ist alles ganz anders.«

Vielleicht hätte er auch auf Kreta leben können, als Ichthyologe. Oder einfach nur als Hippie. Oder als Wirt in einem Kafenion. Mit dem Batiktuch um den Hals. Hinter der Theke, vor dem Regal mit den Weinflaschen und den tönernen Tapas-Tellern, steht das Bild eines blonden Jungen. Er sitzt auf einem wackligen Stuhl in einer Taverne am Meer, mit langen, von der Sonne hellblonden Haaren, und schaut mit ruhigem, verträumtem Blick in die Kamera, die der Vater auf ihn gerichtet hat. So, als bemerke er gar nicht, dass er fotografiert wird. Oder als interessiere es ihn nicht. So, als ihn nichts aus der Ruhe bringen.

Vor der Fotografie steht ein kleiner Ford Mustang, ein Geschenk seines Sohnes. Der Ford Mustang war das Traumauto von Christian Anwander. Denn natürlich hatte er auch von der Route 66 geträumt, der Freiheit und dem Rock´n Roll. So wie der Sohn davon träumt, einmal Wirt zu werden. In Lentas vielleicht. Er ist nicht der Beste in der Schule. Aber er wird seine Träume schon verwirklichen. Wie der Vater auch. Der hat zwar keinen Ford Mustang in der Garage und er ist auch kein Fischkundler geworden. Aber die wirklich großen Träume haben sich alle erfüllt: Er ist nach Berlin gekommen, in die Stadt, von der er immer träumte. Er hat die Frau gefunden, von der er immer träumte. Er ist ein Hobbyhistoriker geworden, ein wandelndes Lexikon.

Sie hätten einen Filialleiter in einer Provinzstadt aus ihm machen können. Oder einen grauen Karstadtverkäufer. Oder einen langweiligen Schullehrer. Aber sie haben ihn sitzen gelassen. Was blieb ihm übrig, als Goethe selbst zu erobern. Dostojewski, Mann, Tolstoi. Florenz, Berlin, Kreta. Die Welt. •


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