Kreuzberger Chronik
April 2015 - Ausgabe 168

Geschichten & Geschichte

Kreuzberger Brandwände


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von Ina Winkler

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Die Yorckbrücken waren so etwas wie das Brandenburger Tor Kreuzbergs. Die 42 rostigen Monumente aus der Glanzzeit der Eisenbahn trugen den maroden Charme der Nachkriegsjahre und wurden zum Symbol für die Ruhe nach dem Sturm. Fünfzig Jahre lang rosteten sie ungestört vor sich hin, zwischen den Geleisen auf den eisernen Brücken über der Yorckstraße wuchsen Birken.

Die einzigen, die mit den alten Eisenbahnbrücken etwas anzufangen wussten, waren die Kreuzberger, die mit Pinseln und Spray-dosen Tausende von Passanten auf ihrem Weg nach Kreuzberg an die Bezirksgrenze erinnerten: Sie betreten jetzt den Kreuzberger Sektor! Wer die Brücken von West nach Ost passierte, wusste sofort, wo er ist. Die Sprüche und Nachrichten auf den rostigen Wänden der Eisenbahnbrücke umwehte ein Hauch von Freiheit und Anarchie, ganz egal, ob es Parolen politischen Inhalts waren oder nicht, ob dort oben »Wir wollen nicht nur ein Stück vom Ganzen, wir wollen den ganzen Kuchen« oder »Stoppt den Rinderwahn!« stand. Selbst »Ina, ich liebe Dich!« oder »Guten Morgen, du Schöne!« waren noch politisch korrekt. Ein besonders wagemutiger Galan schrieb, weit über das marode Brückengeländer gebeugt: »Tausend Sonnenstrahlen für Erika.« Ein anderer: »Lieber Sonne als Reagan«











Die Nachrichten auf den Brücken waren Nachrichten an den Rest der Republik. Sie standen auf Bretterzäunen, Bauwagen, Transparenten, Hauswänden. In kaum einem anderen Stadtteil gab es so viele nackte Brandwände, derart viele Plattformen für Warnungen und Erinnerungen wie im Stadtteil an der Mauer. Seit den Sechzigerjahren nutzten die Kreuzberger ihre Häuserwände, um Werbung für ihre »freie Republik Kreuzberg« zu machen.

Es dauerte nicht lange, da waren die Berliner Brandmauern auf Postkarten um die ganze Welt unterwegs. Der Spruch auf einem besetzten Haus in der Nähe des Mauerstreifens wurde zum Symbol nicht nur für das widerständische Kreuzberg, sondern für das geteilte Berlin überhaupt: »Die Grenze verläuft nicht zwischen den Völkern, sondern zwischen oben und unten.«

Die bröckelnden Fassaden waren Ausdruck eines politischen Widerstandes. »Wer sich nicht wehrt, lebt verkehrt«, »Nur tote Fische schwimmen mit dem Strom« und »To be or Nato be« waren humorvolle Formulierungen des Zeitgeistes, die auch auf den Transparenten der Demonstrationen am 1. Mai zu lesen waren. Neben ihnen wirkten die in »Westdeutschland« üblichen Parolen wie »Amis raus aus Vietnam« und »Enteignet Springer« nur militant und bieder.

Besonders interessanten Lesestoff boten die Wände der Hausbesetzer: »Lieber instandbesetzen als kaputtbesitzen« ist ein Slogan, der von den Häuserwänden längst ins Museum gewandert ist. Sprüche wie »Hier wird renoviert, nicht ab(sahniert)« oder »Leerstand ist kein Zustand« zeugen davon, dass die Germanistikstudenten unter den Hausbesetzern neben dem Demonstrieren noch Zeit genug hatten, ihren Jandl zu lesen und sich mit Anagrammen und ähnlichen Kunstformen der Poesie zu beschäftigen.












Auch als der wortstarke Protest nicht half und die ersten Häuser geräumt und gesprengt wurden, verloren die Kreuzberger den Humor nicht. Sie schrieben: »Leute, bleibt heiter, der Häuserkampf geht weiter« und »Seien wir realistisch, fordern wir das Unmögliche!« Sie bewiesen den Mut der Verzweifelten: »Wir haben keine Chance, also nutzen wir sie.« Selbst vor einer grauen Zementwand machten sie nicht Halt und hinterließen die Spur ihrer Wachsamkeit: »Schade, dass Beton nicht brennt«. Selten wurde Protest von so viel Humor und Lebenslust begleitet wie im Kreuzberg der Siebzigerjahre, sogar die militanten Kreuzberger Lesben bewiesen einen gewissen Sinn für laissez faire und nutzten die Wände, um zu verkünden: »Als Gott, den Mann schuf, übte sie bloß«.

Unermüdlich waren die Sprayer in Kreuzbergs Straßen unterwegs, getreu ihrem Motto: »Ihr habt die Macht, uns gehört die Nacht.« Und sie gehört ihnen noch immer. Auch wenn das geschriebene Wort zugunsten verschnörkelter und bunter Graffity weit in den Hintergrund geraten ist. Nur manchmal taucht zwischen all den Belanglosigkeiten des neuen Zeitgeistes noch ein sinnvolles, meist englisches Wort auf und erinnert an jene Zeiten, als man auf Häuserwänden Politik machte. Meistens hat dieses Wort nur vier Buchstaben, aber es sagt alles: Fuck!•


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