Kreuzberger Chronik
April 2015 - Ausgabe 168

Die Geschäfte

Das Kochaus


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von Saskia Vogel

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Es ist schon praktisch für Kreuzbergs Hausfrau, wenn sie abends noch mal kurz im Kochhaus vorbeischauen kann und eine der ältesten Hausfrauen-Sorgen erst einmal los ist: »Was tische ich meinen Lieben auf?« Denn das Kochhaus ist ein Geschäft, in dem Lebensmittel nicht nach Warengruppen, sondern nach Rezepten sortiert sind. Jetzt, so verkündet das Franchise-Unternehmen, sei Schluss mit dem »Zickzack-Kurs durch den Supermarkt«, eine Dose hier, Gewürze und Nudeln ganz woanders. So wie Momos Graue Herren ist man effizient und spart: Zeit! Das Kochhaus ist ein »begehbares Rezeptbuch« mit ständig wechselnden Gerichten, sowohl für den »blutigen Anfänger« wie den »ambitionierten Hobbykoch«.

In der Bergmannstraße ist der neue Laden mit seiner schwarzen Fassade äußerst auffällig. Der Sachbearbeiter beim Bauamt muss Depressionen bekommen haben, als er den geschmacklichen Fauxpas genehmigen musste. Auch drinnen ist alles extrem cool, aber voller Ikea-Stilmöbel. Jeder Holztisch ist einem Gericht gewidmet, unter bunten Fototafeln mit ausführlichen Kochanleitungen sind die Zutaten drapiert: Cocktailtomaten, Lauchstangen, Edelfische in Kühlboxen und Hotelfrühstückspäckchen mit Butter.

Die meisten Zutaten haben so aufregend komplizierte Namen wie die »Grenaille-Kartoffeln« - das ist französisch und bedeutet »kleine Sortierung«. Genau so ist es im Kochhaus auch gemeint: Der Kunde legt sich drei, vier Kartöffelchen aus einem Schüsselchen in ein Papiertütchen, exakt soviel, wie das Rezept angibt und wie er dann auch verspeist. Shoppen im Kochhaus ist Shoppen im Diminutiv. Vorbei die Zeiten der Kilo-Säcke, aus denen man heute Püree, morgen Puffer und in drei Wochen ein Gratin zusammenbackt und mit Käse kaschiert. Keine aufgerissenen Rosinentüten mehr, die – nach der Entnahme einer Handvoll Beeren – im Küchenschrank vermodern. Ein studentisches Aushilfsmädchen, das mit Zöpfen und Schürze aussieht wie das Schwarzkäppchen, füllt die Rezepttische auf und wischt lustig Staub zwischen allerlei Kochaccessoires: Walnussöl in Nussknackerflaschen, die Küchentimeruhr »Speed« und Frühstücksbrettchen mit Weisheiten: »Morgenstund hat Toast im Mund«.

Hat man alle Kochhaus-Zutaten wie ein Vögelchen aufgepickt, das Rezeptkärtchen dabei, muss man sich nur noch vom Kassenboy ungefragt duzen lassen – und schon kann man zuhause das »perfekte Dinner« in 30 Minuten zaubern. Honig Stir-Fry mit Udonnudeln, Blattspinat und Sesam-Tofu. Oder man ruft den Gatten mit »Schatz, das Welsfilet auf Dijonsenf-Kartoffelsalat mit Schnittlauch und Speckhippen ist fertig!« zu Tisch. Bei derartigen kulinarischen Verführungen ist Feierabenderotik – dieses Mal mit Speckhippen – garantiert. Die ganz Faulen und ganz Reichen können sich übrigens ein »Sorglos-Abo« bestellen und sich die Zutaten und Rezepte per DHL liefern lassen.









Der junge Herr mit Lockenkopf und Sakko, der sein Fahrrad vor das Kochhaus geknallt hat, schlägt sich mit seiner Umhängetasche souverän seinen Weg durch die verstreuten Touristen, die nicht so recht wissen, was sie hier wollen und angesichts der mit Geschirr und Kochbüchern beladenen Regale zweifeln, ob sie nicht doch in Butlers Krimskramsladen gelandet sind: Sie stehen herum, schauen sich um, befingern unschlüssig ein paar Lebensmittel. Der junge Herr im Sakko dagegen weiß, was er will. Während ein Paar Jack-Wolfskin-Eltern die quengelnden Kinder aus der Ecke mit den Süßigkeiten holt, um sie später genervt mit Spaghetti und Tomatensauce abzufüttern, sackt der junge Single allerlei Buntes für ein »Massaman Curry« ein. Seine Herzdame wird sich schwer beeindruckt zeigen.

In der Bistroecke des Kochhauses sitzen einiger solche Herzdamen: Blass geschminkte Püppchen, die konzentriert auf den Laptop starren und bei Blumenkohl und Stulle nur kurz mit dem Mundwinkel zucken würden. Die Damen bevorzugen kulinarische Haute Couture, garniert mit vielen, wohlklingenden Fremdwörtern. Unter zwei Fremdwörtern kommt im Rezeptladen kaum ein Hauptgericht aus: Orecchiette alla Barese mit italienischer Fenchelsalami, Broccoli und Provolone. Selbst auf www.passwort-generator.com könnte man kein sichereres Codewort generieren.

Natürlich sind die meisten Lebensmittel in der Bergmannstraße »bio«, doch für die Umwelt rentiert sich der Trend nicht wirklich. Neben Spinat und Schokolade in Tütchen kauft man auch im Kochhaus jede Menge Verpackungsmüll. Da gibt es eine einzelne Physalis zur Dekoration des Schokoladen-»Blitzmousse« und winzige Portionen exotischen Pfeffers nebst winzigen Plastiktütchen zum Abfüllen. Am Suppentisch hat das Kochhaus wirklich an alles gedacht. Zur Suppe »Gloria Gartenkresse«- womöglich von Thurn und Taxis - steht gleich ein wuchtiges Stabmixgerät zum Kauf bereit, dazu ein Design-Salzstreuer mit Himalayasalz, Ursalz, Meersalz, Ayurvedasalz oder auch Wieauchimmersalz. »Cross-Selling« heißt diese Marketing-Strategie, mit der man Kunden so viele Produkte wie möglich verkaufen will.

»Das Leben ist zu kurz, um schlecht zu essen«, steht irgendwo im Kochhaus. Aber nicht zu kurz, um zu viel zu arbeiten! Natürlich ist auch das Kochhaus nur ein Kaufhaus, in dem man Geld verdienen möchte. Vier Portionen Welsfilet mit Kartoffelsalat für eine Durchschnittsfamilie kosten hier schon 27,60 Euro. Das wären - bei all-abendlichem Fisch - 828 Euro monatlich fürs Abendessen. Wer soviel ausgeben will, muss effizient arbeiten. Deshalb braucht er ein Haus wie das Kochhaus, um ohne »Zickzackkurs« ein »Blitzmousse« dank dem Küchentimer »Speed« à la minute auf den Tisch zu bringen.•


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