Kreuzberger Chronik
April 2015 - Ausgabe 168

Essen, Trinken, Rauchen

Fische in der Pagode


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von Michael Unfried

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Das hätten sich die alten Backsteinmauern im Keller der Bergmannstraße nicht träumen lassen, als man sie 1897 zu einem Haus aufeinander stapelte: Dass 100 Jahre später ein paar Thailänder mit singenden Stimmen drei Meter aus der Kellerwand einfach herausstemmen und ein blau-schimmerndes Aquarium hineinsetzen. Ganze Fischschwärme schwammen nun zwischen ihnen hin und her, es herrschte immer ein reger Verkehr.

»Du, Mami, hier waren doch mal viel mehr Fische!«, sagt ein kleines Mädchen. Tatsächlich ist es ruhiger geworden im Aquarium der Pagode. Sie sind nur noch zu viert. »Wahrscheinlich«, sagt das Mädchen, das seinen Teller mit Hühnersuppe, die legendäre Nr. 10, nur zur Hälfte ausgelöffelt hat und nun mit dem Finger an die Scheibe klopft, woraufhin die beiden Goldfische sofort angeschwommen kommen und ihr den Finger abbeißen wollen, »sind sie verhungert!«

Dafür spricht, dass auch der Schwarze mit seinen riesigen Augen immer nach den Tellern der Leute schielt, die sich im Kellergewölbe unter der Bergmannstraße über Currys und Suppen mit Zitronengras beugen. »Kannst du bitte deine Suppe aufessen!«– »Das ist doch gemein! Die müssen den ganzen Tag zugucken, wie wir essen!« – »Dann iss doch bitte auch mal!« – »Guck, die machen immer so den Mund ganz weit auf, die haben bestimmt Hunger…« – »Jetzt setz dich bitte wieder hin!«, sagt die Neukreuzbergerin zur Tochter. Tatsächlich setzt sich die Tochter und fischt in der Suppe nach Hühnerfleischstückchen.

»Die Nummer 68 bitte!«, ruft eine dünne Stimme die Treppe herunter. Zwei Minuten später ruft sie die »Nummern 67, 89, 34 und 10« aus. Die Tische im Kellergewölbe, das die Thailänder ausbauen mussten, da die Kreuzberger mit ihren Tellern schon auf der Straße standen und aßen, sind alle besetzt. Nach zwanzig Jahren ist die Garküche Legende, und nach zwanzig Jahren stehen sie immer noch da wie ganz am Anfang, die vier Thailänderinnen in ihrer winzigen Küche mit vier Flammen, stellen Töpfe und Pfannen aufs Feuer, greifen in Dosen und Schalen nach Kräutern, Pilzen, Fleisch, Gemüse und Früchten. Alles hat seinen Platz auf den vier schmalen Quadratmetern, jeder Handgriff ist Routine, sie bräuchten nicht einmal hinzuschauen, die vier Frauen hantieren mit traumwandlerischer Sicherheit - so, als könnten sie das alles längst im Schlaf, als träumten sie jede Nacht davon. Und dann singen sie noch dabei, oder reden miteinander, während die hungrigen Kreuzberger in der Warteschlange am Tresen stehen und darauf hoffen, dass endlich ihre Nummer aufgerufen wird. Genau so, wie am Morgen noch auf dem Bezirksamt.

Nicht nur im Keller, auch oben sind alle Tische besetzt, und als das Mädchen hinter seiner Mutter her die steile Treppe hinauf zurück ins Tageslicht steigt und die vielen Menschen dort beim Essen sieht, sagt es: »Aber vielleicht haben sie die auch alle aufgegessen…« •




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