Kreuzberger Chronik
Oktober 2014 - Ausgabe 163

Geschichten & Geschichte

Das Ende eines Stadtviertels


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von Werner von Westhafen

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Niemand hatte es für möglich gehalten.Doch 1973 begann man mit der Sprengung ganzer Straßenzüge.


Die Stadt war angeschlagen. Noch immer wohnten Menschen in Ruinen, als 1956 ein Flächennutzungsplan neue Wohnviertel und Straßen plante. Unter anderem eine Autobahn, die von Süden kommend die Hasenheide durchquerte, sich über die Admiralstraße bis zum Oranienplatz, ins Herz des alten Kreuzberg, schwingen sollte. Der verwegene Plan der Autobahn wurde verworfen, der Abriss alter Wohnviertel aber dennoch durchgeführt. Im Sommer 1973 begann man entlang der Skalitzer Straße mit den Sprengungen. Ein Jahr zuvor war sämtlichen Mietern in den Altbauten gekündigt worden, ein ganzer Straßenabschnitt war plötzlich menschenleer, zwielichtige Antiquitätenhändler streiften noch durch die Häuser und schraubten Messing und kunstvoll geschnitzte Traljen ab. Dann versank ein ganzes Gründerzeitviertel in einer Staubwolke.

Die vom Krieg kaum beschädigten Häuser hätten gerettet werden können und wären heute begehrte Spekulationsobjekte für Immobilienhändler. Nun stehen an ihrer Stelle wertlose Betonklötze. Aber es geht nicht um Immobilien, es geht um weit mehr: Denn mit der »Kahlschlagsanierung« rund ums Kottbusser Tor verschwanden nicht nur Häuser und Straßen, es verschwand Leben. Dieter Hoffmann- Axthelm schrieb in den Kreuzberger Heften anlässlich der Bauausstellung 1984 von einer »Straßenschlachtung« und »abgerissenen Menschenleben.« Es geht, wenn abgerissen, saniert oder gebaut wird, nicht ums Äußere, sondern ums Innewohnende, um die Seele der Häuser.

Foto: Postkarte
Rund um das Kottbusser Tor existierte die gesunde Kreuzberger Mischung mit kleinen Betrieben in Hinterhöfen und Wohnungen von Angestellten, Gewerbetreibenden, Arbeitern in Vorderhäusern. Es gab Drogerien, Frisöre, Bäcker und Fleischer. Auch einen Fischladen gab es. Am letzten Tag stand eine »lange Schlange anhänglicher Käufer« vor der Tür, und ein alter Herr sagte zur Fischfrau: »Wenn ich Geld hätte, würde ich das Haus kaufen, damit Sie bleiben können.«

Denn das, was die Menschen zum täglichen Leben brauchten, das kauften die Kreuzbergerinnen auch in den Siebzigerjahren nicht in den neuen Supermärkten, sondern in jenen alten Läden, in denen sie die Verkäuferinnen kannten und sich mit den Nachbarn unterhalten konnten. Die Treffpunkte der Hausfrauen wurden weggesprengt, ebenso wie die Kneipen der Männer, die vielleicht wichtigsten Umschlagplätze neuester Neuigkeiten. Hier erfuhr der trinkende Mann, dass der Frisör in der Admiralstraße geschlossen hatte, weil dort gerade berühmte Schauspieler frisiert, geschminkt und eingekleidet wurden. Denn der lichtscheue Hof der Admiralstraße Nummer 4 war für das »Mädchen Rosemarie« die ideale Kulisse. Auch Eddie Constantine kam mit seinem hochgeklappten Mantelkragen zu Dreharbeiten in die Admiralstraße und fiel kaum auf in den Kneipen rund um das Kottbusser Tor, in denen die Gäste noch nie zu den Vornehmsten gehörten (Vgl. Kreuzberger Nr. 162: Die Kohlfurter Straße).

Foto: Dieter Peters
Einer der berühmtesten Treffpunkte der Fünfzigerjahre befand sich gleich am Anfang der Straße, in der Nähe des Kottbusser Tores, da, wo sich einst auch die Linde (vgl. Kreuzberger Nr. 154) , das erste Wirtshaus der Straße befand. Dort stand der Hallo-Kiosk, und dort standen die Kreuzberger von morgens früh bis abends spät. Der legendäre Kiosk war mehr als nur eine Würstchenbude. Er war eine Institution, ein Vierteljahrhundert lang. Es gab nicht nur Schnaps, Bier und Kaffee, nicht nur Würstchen und Bouletten, gelbe Packungen mit Reval und orangene mit Overstolz: Es gab Zigaretten stückweise und Kaffeepulver in 25-Gramm-Portionen. Denn Geld hatten die wenigsten, das Anschreiben war üblich. Gezahlt wurde dann am Anfang des Monats direkt »aus der Lohntüte«. Und jedesmal, wenn die Frauen vom Kiosk ihren Stammkunden die Sammelrechnung präsentierten, wunderten sich die Väter, was da alles zusammengekommen war. Denn nicht nur der Vater, sondern die ganze Familie war ständig bei Hallo. Die Mutter trank beim Einholen schnell mal einen Kaffee zwischendurch im Stehen, und die Kinder standen nach der Schule um Süßigkeiten und Kaugummi an.

Es war ein ganz erträgliches, alltägliches Leben in den Ruinen, und als die ersten Gerüchte von geplanten Sprengungen die Kreuzberger erreichten, da glaubte keiner daran. Aber eines Tages erschienen dann tatsächlich die Bagger mit den Abrissbirnen. So verloren fast dreißig Jahre nach der Beendigung des Krieges noch einmal Tausende von Kreuzbergern nicht nur ihre Wohnungen, sondern auch ihre Heimat. Der Autor Dieter Hoffmann-Axthelm erwähnt in seiner Aufarbeitung der Kahlschlagsanierung 1984 eine Familie mit sieben Geschwistern, die »alle im Kiez«, quasi Haus an Haus gewohnt hatten. Jetzt wurden sie über die ganze Stadt verstreut, bis an den Stadtrand, »von Spandau bis Marienfelde.«

Eines Tages waren die monströsen Neubauten fertig gegossen, »und eine ganz neue Bevölkerungswelle rollte heran«. Es vergingen nicht viele Jahre, da erfüllten sich die Prophezeiungen der Skeptiker, und die Zeitungen schrieben vom sozialen Brennpunkt in einem Arbeitslosenghetto.•

Literaturnachweis: Dieter Hoffmann-Axthelm, Straßen-Schlachtung, Kreuzberger Hefte IV, Dirk Nishen Verlag, 1984

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