Kreuzberger Chronik
Oktober 2014 - Ausgabe 163

Geschäfte

Satici


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von Erwin Tichatschek

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Ahmet Satici war einer der ersten türkischen Gemüsehändler Kreuzbergs. Aus der Bergmannstraße ist er nicht wegzudenken.

Vor 32 Jahren war er einer von vielen. Sie kamen aus der ganzen Türkei, von der Mittelmeerküste und von der Schwarzmeerküste, um in Deutschland ihr Glück zu machen. Einige der Männer, die als Arbeiter gekommen waren, begannen irgendwann damit, Obst und Gemüse zu verkaufen. Während die deutschen Gemüsehändler ihre Waren im Laden verkauften, boten die Einwanderer Gurken, Zucchini und Tomaten vor dem Geschäft auf der Straße an, wie sie es aus ihrer Heimat gewohnt waren. Spätestens in den Achtzigerjahren gehörten die türkischen Gemüsehändler in Kreuzberg 36 zum Stadtbild. Auch in der Bergmannstraße, die bereits zur Touristenattraktion mutierte, gab es Ende der Achtziger zwei türkische Lebensmittelgeschäfte: Den Laden von Herrn Celik und den von Herrn Satici.

Der Laden von Herrn Celik heißt inzwischen Knofi und handelt schon lange nicht mehr mit Gemüse. Er handelt mit den Reizen des Orients und hat in seinen Regalen alles, was irgendwie orientalisch aussieht, duftet, schmeckt oder klingt. Er hat Tische und Stühle auf die Straße gestellt und serviert den Berlinbesuchern Kaffee und Kuchen, Bier und Wein. So wie die meisten in der Bergmannstraße.

Bei Ahmet Satici sitzen keine Touristen auf der Straße. Bei Satici gehen Nachbarn einkaufen. Bei ihm gibt es das, was es in der Markthalle gegenüber und im Biosupermarkt nebenan nicht gibt: Okraschoten, frische Feigen, kleine, süße Sultaninen. Niemals würde der Bioladen nebenan ein so unbiologisches und sündhaft kalorienreiches Yoghurt mit 10 % Fett verkaufen. Satici hat Unmengen davon, in kleinen Bechern und in großen Eimern zu zweieinhalb Kilogramm. Auch Feta aus Ziegen-, Schaf- oder Kuhmilch hat er in kleinen Portionen wie auch in großen und sehr großen Kanistern. Bei Satici gab es schon immer große Portionen für die großen Familien. Gemahlene Paprika, das Kilo für sechs Euro, Säcke mit Reis und Bohnen, und riesige Konservendosen mit Tomatenmark, genug, um eine türkische Großfamilie ein halbes Jahr lang mit Tomatensoße zu versorgen.

Satici hat alles, was man in der türkischen Küche braucht. Plus Nutella. Plus Sojasoßen. Es gibt Blätterteig und Halloumi, Weinblätter und Oliven, Kekse mit zuckersüßen Füllungen und Türkischen Honig, türkischen Mokka und türkischen Tee. In der Kühltruhe frieren Fische des Mittelmeeres, die roten Meerbarben für 5 Euro das Kilo und die gefrorenen Sardellen für 2,99 Euro. Das Leben bei Satici ist erschwinglich. Obwohl sich auch der alte Gemüseladen auf die neue Kundschaft eingestellt hat und gleich am Eingang selbstgemachte Pasten und Brotaufstriche anbietet: Paprikacreme, Olivenpaste, Tsatsik, Bulgur, Auberginenpaste, all die kleinen Schälchen, die auch bei Knofi und in der Markthalle so dekorativ um Kundschaft werben.

Ganz nach hinten verirren sich die Touristen jedoch nur selten. Denn hinten, hinter dem Glas der Fleischtheke, liegen die Lammkoteletts und die Kalbsschnitzel, das Gulaschfleisch und das Rindfleisch, die riesigen Hähnchenschenkel und die winzigen Hähnchenflügel. Früher hingen hier die ganzen Tiere, kopfüber, so wie in den Markthallen der Türkei oder Griechenlands. Aber das ist inzwischen verboten, sagt der Chef, der in seinem weißen Kittel hinter der Theke steht. Seine Töchter sagen, er sei jetzt 70, er könne den Kittel allmählich an den Haken hängen. Aber als Satici 1982 den Laden eröffnete, da trugen alle Lebensmittelhändler in Deutschland weiße Kittel, und als ein Stammgast aus der Molle gegenüber den Laden auf Leinwand verewigte, da stand in der Tür natürlich der Mann mit dem weißen Kittel. Satici ist nicht denkbar ohne weißen Kittel.

Ahmet Satici trägt ihn viel zu lange, um ihn noch einmal auszuziehen. Seit 32 Jahren steht er hinter der Fleischtheke. Fleisch ist Männersache, die scharfen Messer und Beilchen, mit denen er die zarten Lammkoteletts schneidet und die dicken Schenkelknochen teilt, sind nichts für die zarten Hände seiner Töchter oder seiner Frau.

»Es war viel Arbeit, das alles aufzubauen. Hier war ja nicht so viel Kundschaft wie jetzt. Jetzt ist hier ja Ku´damm II!«, sagt die Tochter. Ohne die Töchter, den Sohn und die Frau hätte der ehemalige Fabrikarbeiter aus Hannover es nicht geschafft. Niemand in der Straße ist so früh im Laden wie sie. Um halb sieben werden die hölzernen Auslagen aufgeklappt, steht die Sackkarre auf dem Gehsteig. Wenig später kommt der Chef mit dem Lieferwagen und dem frischen Obst und Gemüse vom Großmarkt in der Beusselstraße vorgefahren. Jeden Tag. Denn auch das Obst und das Gemüse sollen frisch sein.

»Es war viel Arbeit, das ganze hier aufzubauen…«, sagt die Tochter, aber es hat sich gelohnt. Samstags, wenn sie aus allen Ecken Berlins nach Kreuzberg kommen, um in der Markthalle einzukaufen und in der Bergmannstraße Kaffee zu trinken, dann stehen auch bei Satici die Leute mit ihren kleinen Einkaufskörbchen vorne an der Kasse in der Schlange. Die Lammkoteletts sind schon seit 10 Uhr ausverkauft, etwas Gulasch und Köfte und ein paar Hähnchenteile sind noch da. Der letzte Fleischer in der Bergmannstraße kauft in kleinen Mengen ein, sein Fleisch soll immer frisch und rosig aussehen. Auch ohne rote Glühbirne und ohne Konservierungsstoffe.

Es ist Samstag, 14 Uhr, alle sind müde, es war eine arbeitsreiche Woche. Eigentlich möchten sie nachhause, aber es kommt immer noch Kundschaft herein. Obwohl auch die Butterkringel und das Fladenbrot längst ausverkauft sind, ebenso wie die duftende Pfefferminze, die sonst immer in kleinen Sträußen neben der Kasse steht. Nur das Obst und das Gemüse, mit dem alles vor 32 Jahren begann, das steht immer noch reichlich draußen auf der Straße. •


Foto: Cornelia Schmidt
Satici und der Mann im weißen Kittel- Aquarell eines Gastes aus der Molle


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