Kreuzberger Chronik
November 2014 - Ausgabe 164

Strassen, Häuser, Höfe

Die Bergmannstraße Nummer 55


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von Werner von Westhafen

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Das Haus mit der Nummer 55 tanzt aus der Reihe: Es ist zu niedrig, es ist zurückgesetzt, und es hat einen Vorgarten.


Es ist nur ein winzig kleiner Punkt. Aber es ist der einzige auf der Karte von 1834, der auf ein Haus an der Bergmannstraße hinweist. Dieses Haus war das Anwesen eines Steinmetzes, der gegenüber dem Jerusalemfriedhof Grabsteine für die Toten meißelte, die auf den neuen Friedhöfen zwischen den Weinbergen bestattet wurden.

Es könnte ein Mann namens Sperner gewesen sein, dessen Name etwa 150 Jahre später auf einer alten Visitenkarte im Haus mit der Nummer 55 auftauchte, und der auf dem Grundstück gegenüber den Friedhöfen offensichtlich einen Schuppen errichtet hatte. Alte Bau-akten verzeichnen seinen Namen schon im Jahre 1810, als zwischen den Weinbergen noch keine einzige Leiche ruhte.

Foto: Privatarchiv
Es könnte aber auch sein, dass das Haus auf der alten Karte längst schon einem anderen Steinhauer gehörte. Ebenso könnte es sein, dass noch eine ganze Reihe anderer Handwerker mit ihrem Meißel Buchstaben und Zahlen in Grabsteine meißelten, bis im Jahre 1883 der Steinmetzmeister Hermann Albrecht das Anwesen mit den beiden Grundstücken kaufte. 13 Jahre später auf jeden Fall wird die erste fotografische Aufnahme von der kleinen Steinmetzwerkstatt gemacht. Vielleicht hat Meister Albrecht gerade den Entschluss gefasst, das Fachwerkhäuschen aus Lehmziegeln, das noch immer einsam in einer Garten- und Wiesenlandschaft zwischen der Bergmannstraße und der Gneisenaustraße lag, demnächst einmal abreißen zu lassen.

Am 4. September 1899 wird mit dem »Lageplan von dem in der Bergmannstraße 55/56 belegenen im Grundbuche von Tempelhof verzeichneten Grundstücke des Steinmetzmeisters Herrn H. Albrecht zu Berlin« das Land vom Regierungslandvermesser Hildebrandt neu vermessen und der Abriss des alten Häuschens, das sich in der Mitte beider Grundstücke befand, genehmigt. Ein Jahr später baute Albrecht sich auf dem Grund der Nummer 55 eine neue Werkstatt mit drei Wohnzimmern in der 1. Etage. Das Grundstück mit der Nummer 56 verkaufte er an einen Investor, der schon bald ein Wohnhaus errichtete. Noch heute liegt das niedrige Haus des Steinmetzmeisters Albrecht zurückgesetzt und eingezwängt zwischen der geschlossenen Reihe aus Gründerzeitfassaden. Es ist das einzige Haus der Bergmannstraße, das einen Vorderhof besitzt, und damals wie heute standen dort keine Bäume, sondern Grabsteine.Zwar hatte der Steinmetz nun drei Zimmer über der Werkstatt, doch er baute auch eines der stattlichsten Wohnhäuser in der Bergmannstraße mit großen Balkonen und viel Stuck: Das Eckhaus im Schnittpunkt zwischen Bergmannstraße und Gneisenaustraße am damaligen Kaiser Friedrich Platz.

Foto: Privatarchiv
Als 1932 die Familie Rüdiger den Betrieb des alten Albrecht übernahm, wurde auch das Haus auf dem Grundstück Nr. 55 höher: Eine Fotografie von 1934 zeigt schon jene drei Stockwerke, die es noch heute gibt. In der ersten Etage wohnte in drei nebeneinander liegenden Zimmern Margarete Rüdiger, im zweiten Stock ihr Sohn Helmut, der die Geschäfte des verstorbenen Betriebsgründers fortführte. Im dritten Stock lagen Waschküche und Dachzimmer. Als Margarete starb, zog Helmut mit seiner Frau in die erste Etage, darüber lagen drei Kinderzimmer, und ganz oben »Opa Pietsch, der wurde fast 100. Det war hier immer ne große WG, Onkel, Tanten, Kinder, und im Krieg haben sie oben in der Waschküche auch noch zwei Schweine gehalten!« Frank Rüdiger ist der Urenkel Margaretes. Mit seinem Bruder Bodo hält er die Tradition des Familienbetriebes aufrecht.


Foto: Privatarchiv
Auch sie haben weiter gebaut, den Hof unterkellert und eine neue Werkstatt angebaut. Anstelle des fast 30 Meter hohen Gerüstturmes der »Baumertschen Patenthebemaschine«, die 1887 zu Versuchszwecken auf dem Grundstück des Steinmetzbetriebes errichtet worden war, bewegt nun ein moderner Schiebekran die schweren Steine. Von der Hebemaschine existieren nur noch die Pläne. Auch von dem hübschen Lagergebäude, dessen Bau 1894 genehmigt wurde, ist keine Spur mehr erhalten. Vielleicht wurde es nie errichtet.

Geblieben aber ist ein kleines Stück Granit. Es hat die Form einer Raute und ist blank poliert wie ein Grabstein. Das Schild wies schon der trauernden Kundschaft den Weg zum »Kontor«, als 1896 die erste Fotografie von der Steinmetzwerkstatt an der Bergmannstraße aufgenommen wurde, und als am Fuße der Tempelhofer Weinberge überall noch Wiesen und Gärten lagen. Frank Rüdiger hat das alte Schild jetzt endlich wieder angeschraubt.•

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