Kreuzberger Chronik
November 2014 - Ausgabe 164

Kreuzberger
Karl Schlarb

Unglaublich aufregend


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von Saskia Vogel

Titelfoto: Wolfgang Krolow

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Arthur ist eine der ersten Salonpuppen, die Karl Schlarb in seinem Puppenatelier gebaut hat. Sie trägt zum blassen Keramikkopf einen rosa Mozartfrack. Arthur geht mit seinem Schöpfer gerne auf »Arttour«, in das Schloss Sanssouci etwa oder in die Surrealisten-Ausstellung in Charlottenburg. Und dort, vor den wechselnden Kulissen, wird Arthur dann fotografiert. Über 1000 Fotos hat Arthurs Schöpfer bereits von seinem Arthur gemacht, und eine Freundin des Puppenbauers ist schon ganz verärgert über diese ständige Fotografiererei, man könne sich unterwegs ja kaum mehr unterhalten mit ihm. Dabei sei der Puppenbauer ein angenehmer Gesprächspartner, intelligent und feinfühlig.

Auf »Arttour« gehen weltweit, Modemessen besuchen in Paris, Mailand und anderswo, das tat der Schöpfer auch schon ohne Arthur. Ihm standen verheißungsvolle Türen offen, nach dem Modestudium beim Lette Verein in Berlin arbeitete er als Kundenberater in einem renommierten Haute Couture Laden. Die Markennamen der edlen Kleidung gehen ihm schnell von den Lippen: Givenchy, Kenzo und natürlich Balenciaga, und er ist verwundert, wenn jemand das nicht weiß: Dass das Modelabel durch ein Madonna-Video zum Hype wurde. Den Weg nach oben also hätte Karl Schlarb gehen können. Doch lebten in der Welt der Inszenierungen Menschen mit bösartigen Absichten, fluoreszierende Könige, die sich einen Hofstaat von Sklaven hielten. Und prätentiöse Kunden, die ihre Neurosen beim Modekauf auslebten. Karl Schlarb konnte die Theatralik in seinem Umfeld nur schwer ertragen

Überhaupt entdeckte er Widersprüche in seinem Leben: Wollte er auf der einen Seite in der Modebranche arbeiten, faszinierte ihn auf der anderen Seite die Welt der Bücher. Schlug sein Herz als Mann, schlug es zugleich als Frau. Verkaufte er einerseits Haute Couture, lebte er andererseits in einem besetzten Haus. Als er eines Morgens aus seinem Fenster auf das Nachbargrundstück blickte, wurden dort gerade Bäume gefällt. Karl Schlarb fühlte sich existenziell bedroht, Verlustängste beschlichen ihn. Das Fallen der Bäume gleich neben seinem Zuhause, das sei wie ein »surrealistischer Impuls« für ihn gewesen. Er geriet aus dem Gleichgewicht, musste die Stellschrauben in seinem Leben noch einmal justieren.


Foto: Wolfgang Krolow
Das war Ende der Neunzigerjahre. In einer Zeit, in der das Leben für ihn eigentlich »unglaublich aufregend« gewesen ist: Partys im Café Moskau, durchfeierte Nächte in der Szene, gerne das eine oder andere Glas Champagner. Dann das Coming-Out, modische Exzesse, Bekanntschaften wie Seifenblasen. Karl Schlarb war ein schillernder Schein in der Berliner Nacht, ohne feste Beziehung, »narzisstisch und mit Bezugsstörungen«. Der »große Kelch der Drogen« aber ging glücklicherweise an ihm vorüber. Inzwischen hat er auch wieder Bodenkontakt, lebt in einer Partnerschaft, darüber verwundert, dass Liebe so beständig sein kann. In dem idyllischen Fachwerkhof in der Solmsstraße, in dem er vor vier Jahren sein Atelier eingerichtet hat, betätigt er sich schon als Hausmeister, auch wenn er lieber sagt, er verdinge sich «als Concierge«. Denn Karl wurde in der Pfalz geboren, an der südlichen Weinstraße, wo das Französische noch allgegenwärtig ist.

Ob Concierge oder Hausmeister, das ist den Blumen des Nachbarn egal. Karl gießt sie. Er nimmt auch die Pakete für die Hofleute entgegen, und er kümmert sich um das Gärtchen im Künstlerhof. Und er richtet die Weihnachtsfeier aus. Es scheint, als hätte er im Fachwerkhof seinen Platz gefunden. Als sei er im Leben angekommen.

Der Rückzug aus der Modeszene, dem Ballsaal der schillernden Verkleidungen, führte ihn jedoch nicht nur heim zu Blumen und Natur, sondern auch zu seiner zweiten großen Leidenschaft: der Literatur. Schon immer habe er viel gelesen: Die Blendung von Elias Canetti, in der ein Sonderling dem Wahnsinn verfällt. Hans Henny Jahnn, umstritten wegen seiner Darstellung von Sexualität und Gewalt. Kafka und Nietzsche, den Zarathustra habe er »zehn Jahre lang in der Hosentasche getragen«. Es war also nur logisch, wenn er sich nach den schrillen Jahren der Modeszene in die Ruhe eines Antiquariats zurückzog und Romane, Kunstbände und Fotografien verkaufte. Um am Ende die Mode dann doch wieder schmerzlich zu vermissen. Also entschied er sich, beides irgendwie zusammenzubringen, Literatur und Mode. Und das Maskenspiel nahm er auch noch dazu. »Das sind die drei Eckpunkte meiner Biografie«. So entstand Arthur.

Dann las er eines Tages das Schild: Atelier zu vermieten. Karl Schlarb stellte sich im Künstlerhof vor und erklärte sein Konzept. Er wolle Romanfiguren als Puppen nachbauen und Mode für sie entwerfen. Die großen Protagonisten der Weltliteratur und ihre Erschaffer: So wie die attraktive Russin Madame Chauchat aus dem Zauberberg, oder den pedantischen Thomas Mann. Den Herr K. aus Kafkas Schloss, und den dazugehörigen Autor mit der problematischen Vaterbeziehung. Und Heinrich Heine und Virginia Woolf...

Genäht werden seine einen halben Meter langen Stoffmenschen aus Baumwolltuch, anschließend mit Sand und Styropor gefüllt. Die Gliedmaßen bestreicht der Künstler mit Naturlatex, so dass die Puppen, egal wie man sie – Alla Hopp! – auch immer hinwirft, stets Position einnehmen. Und nicht einfach erschlaffen. Mindestens 15 Arbeitsstunden investiert er in eine Figur, und oft sei das Ergebnis zunächst frustrierend. Ein »Perfektionist« aber sei er nicht: »Alla Hopp« bedeute auf Französisch ein 95-prozentiges, und kein 100-prozentiges »Ja!« - Den Namen für sein Atelier habe er außerdem gewählt, weil »Alla Hopp« in Kombination mit dem Wort »Puppen« so schön »dadaistisch« klinge: »Fünf Mal hintereinander der Buchstabe P.«

Foto: Wolfgang Krolow
Seine Inspiration, das sind die antiken Salonpuppen der Zwanzigerjahre, die sich das betuchte Bürgertum auf die Chaiselongue setzte oder als Büste auf das Klavier. Über 200 Figuren hat Karl Schlarb inzwischen verkauft an »geistreiche und humorvolle« Puppen- und Literaturliebhaber. Intellektuelle, die bereit sind, 220 oder 550 Euro zu bezahlen, um sich eine Virginia Woolf in die Vitrine zu stellen. Eine Buchhandlung in Nikolassee hat mit seinen Autorenpuppen ihr Schaufenster dekoriert. Die meisten Käufer seien begeisterte Touristen, aber Karl Schlarb hat längst seine Fangemeinde. Es gibt Leute, die kommen regelmäßig, immer nur zum Gucken. Das stört ihn nicht. Er ist für »jede Art von Wertschätzung« dankbar, »egal, ob einer meine Arbeit lobt oder sie honoriert, indem er eine Puppe kauft.« Auch wenn er - um ehrlich zu sein - auf jeden zahlenden Besucher angewiesen sei. Ein Museum, in das die Schaulustigen zum Vergnügen und zum Kaffeeplausch hereinkämen, das könne er sich nicht leisten. Er muss verkaufen. Deshalb will er einen Onlineshop aufbauen. Sein »Nischenprodukt« soll weltbekannt werden. Und sein ständiger Begleiter Arthur soll seine eigene Domain erhalten. Arthur auf Arttour.

Sein Puppenatelier, dieses kleine, im Souterrain eines alten Fachwerkhofs in der Solmsstraße versteckte Reich, soll endlich entdeckt werden. Sie soll ans Licht kommen, die unterirdische Welt des Karl Schlarb, wo die Puppen unter der bemalten Stuckdecke auf Wandregalen sitzen. Wo auf Miniatur-Kleiderbügeln, die der Vater in der Pfalz schreinert und nach Kreuzberg schickt, die kleine Garderobe der Literaten hängt: ein Frack, ein Ballkleid, eine Stola, ein Mäntelchen. Um seinen Heinrich Heine angemessen auszustatten, hat sich Karl Schlarb sogar ein historisches Schnittmuster aus dem Revolutionsjahr 1848 besorgt. »Mode stellt in der Literatur einen viel zu vernachlässigten Aspekt dar«. Der gute Leser visualisiere beim Lesen, »aber wie eine Madame Chauchat um die Jahrhundertwende tatsächlich gekleidet war, wenn sie auf dem Zauberberg zum Abendessen rauschte«, das kann er sich nur vorstellen, wenn er die Mode dieser Zeit auch kennt. Mit den Puppen möchte der Künstler nun die literarische Imagination beflügeln. Schlarb träumt davon, wie seine Charaktere in Zukunft auf dem eBook als interaktive Anziehpuppen zu sehen sein werden, oder wie sie in Trickfilmen auftreten. Und er träumt davon, einmal die komplette Figurengesellschaft vom Zauberberg darzustellen. Künstler brauchen Träume, um weiterzumachen.

Das Wagnis, sich mit seinen Romanpuppen als Künstler selbstständig zu machen, das empfanden viele seiner Freunde als groß. Er selber irgendwie auch. Sie war greifbar nah gewesen in den Neunzigern, die Jet-Set-Karriere in der Modebranche. Champs-Élysées statt Solmsstraße, Taxifahrten statt Kreuzberger U-Bahnstation. Doch Karl Schlarb hat sich entschieden. Für einen Zauberkeller unter dem Gärtchen. In dem er seinem Arthur einen Mozartfrack schneidert und netten Besuchern mal einen Cappuccino serviert. Auch wenn er manchmal etwas wehmütig zurückdenkt an die wilden Jahre: Er hat sich entschieden. Und er ist angekommen. •


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