Kreuzberger Chronik
November 2014 - Ausgabe 164

Geschichten & Geschichte

Die liebe Not mit den Toten


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von Werner von Westhafen

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Es schien ein totsicheres Geschäft zu sein: Der Handel mit den Liegeplätzen für die vielen Toten. Die Kirche investierte.



Das 18. Jahrhundert hatte begonnen, Berlin wurde allmählich zur Stadt. Immer mehr Menschen kamen, um in Fabriken und Handwerksbetrieben an der Spree zu arbeiten, um Kanäle und Häuser zu bauen, Straßen anzulegen, oder um als Kaufleute ihr Glück zu versuchen. Die Gründerzeit brach an, die Bevölkerung verdoppelte sich in wenigen Jahren, in rasantem Tempo entstanden in den Arbeitervierteln an der Spree dicht aneinander gedrängte Wohnhäuser. Aber nicht nur mit den vielen Lebenden, auch mit den vielen neuen Toten hatte die aufblühende Stadt ein Problem.

Allein auf dem Friedhof am Gendarmenmarkt wurden jede Woche 50 Tote begraben, die allerdings nur für eine kurze Zeit ihre ewige Ruhe auf dem Kirchhof fanden. Nach zwei Jahren wurden sie wieder ausgegraben, um für Nachrückende Platz zu machen. Die Zustände waren so unglücklich, dass die Friedrichstädtische Gemeinde im September 1735 vor der Stadt, nicht weit vom Halleschen Stadttor, ein Stück Land kaufte, um einen ersten großen Friedhof anzulegen, »damit sonderlich die Armen ihre Leichen vor das Thor bringen können«. Der Friedhof am Halleschen Tor gilt als »älteste Anlage dieser Art in ganz Berlin«. Natürlich liegt der Friedhof heute nicht mehr zwischen Feldern und Exerzierplätzen, sondern inmitten der Stadt.

Doch auch der große Begräbnisplatz vor der Stadt war bald zu klein für die vielen Toten. 1796 erwarb die Gemeinde weitere 488,5 Quadratruten Ackerland südlich des Friedhofes. Trotzdem wurden die Liegeplätze auf dem Armen-Friedhof immer teuer, das Sterben wurde eine immer kostspieligere Angelegenheit, die Gräber wurden größer und pompöser. 1797 schrieben die Gemeindepfarrer an den König, dass »die Leichen, um anderen Platz zu machen, kaum ein Jahr ungestört in der Erde ruhen können«, weshalb man noch einen weiteren angrenzenden Acker benötige, für den die »Tempelhofer Dorfschaft« allerdings den Wucherpreis von 2100 Thalern verlange, und die »Dreifaltigkeitskirche sei durchaus arm…«

Seufzend gab der Preußenkönig nach, im Januar 1798 wurden weitere 306 Quadratruten gekauft und mit einer Friedhofsmauer umgeben, an der die ersten großen Wandgräber entstanden. Auch in den nächsten Jahrzehnten breitete sich der Friedhof weiter aus, die letzten Mauerlücken wurden geschlossen, und 1827 war die Ruhestätte am Halleschen Tor bereits über 1000 Quadratruten groß.

»Eine Generation« nach der Eröffnung des Halleschen Kirchhofes war kein Platz mehr für weitere Expansionen, die Friedhöfe waren vollständig umbaut, der freie Blick für immer verstellt. 1817 hielt man Ausschau nach geeigneten Plätzen in Stadtnähe, »möglichst zweitausend Schritt vor der Ringmauer« und »auf Anhöhen, welche von allen Winden getroffen werden, wobei, so weit es angeht, zu vermeiden ist, daß der die Fäulnis befördernde Westwind die Leichendünste der Stadt zuführe.« So gerieten die südlich gelegenen Weinberge in den Blick, der vom Halleschen Tor noch frei über Wiesen und Felder bis zu den Weinbergen am Rand der Teltower Ebene schweifen konnte. Der Zimmermeister Fleischinger hatte Wind von der Sache mit den lästigen Winden bekommen und erbot sich, eine Parzelle seines 41 Morgen großen Weinberges am Fuß der Tempelhofer Berge zu verkaufen. Im Dezember 1823 wurde man handelseinig, aus acht Morgen Weinberg wurden laut Vertrag »acht Morgen Ackerland«. Wahrscheinlich fürchtete man den Protest der anderen Weinbauern, wenn das Leben ausgerechnet zwischen ihren Reben enden sollte.

Karte von 1834
Foto: Postkarte
Die Heilig-Kreuz-Kirche und die Friedhöfe am Halleschen Tor, 1954










Die Väter der Dreifaltigkeitsgemeinde aber waren glücklich: »Endlich hatte man die rechte Stätte am Fuße des Tempelhofer Berges gefunden«, und im Frühjahr des Jahres 1925 konnte der erste Tote auf dem Friedhof am Weinberg begraben werden, der sich der »freundlichen Höhenlage« wegen und des »freien Blicks über das unfern gelegene Häusermeer mit seinen zahlreichen Türmen« schon bald großer Beliebtheit erfreute. Besonders Männer »der philologisch-historischen Klasse« kauften sich für die Ewigkeit hier gern ein Liegeplätzchen.

Natürlich wollte bald auch die Luisenstädtische Gemeinde ihre Schäfchen auf dem beliebten Hügel über der Stadt beerdigen und kündigte einen schon genehmigten Vertrag für ein Grundstück an der Hasenheide, um das »lange Weinbergsgut« einer Witwe an der Bergmannstraße zu erwerben. Auch die Werdersche Gemeinde schlug zu und kaufte zunächst bescheidene 9 Morgen bei der Familie Hoth, dann aber gleich noch einmal 23 vom Schlächter Zorn. Auch die Jerusalemer und die Luisenstädter kauften Acker an der Bergmannstraße, bis am Ende alle Weinberge Gräber geworden waren. Es wurden Pappeln, Akazien, Linden und Kastanien an den Berg gepflanzt, Jasmin, Flieder und Berberitze, nicht nur der schönen Blüten wegen, sondern um die »mephitischen Düfte« auf dem Gottesacker im Zaume zu halten, falls der Wind doch einmal von Süden her wehte.

Da die einzelnen Parzellen der jeweiligen Gemeinden manchmal noch weit auseinander lagen, kam es zu einem regen Tauschhandel, bis die Friedhöfe an der Bergmannstraße endlich ihre endgültige Gestalt angenommen hatten und vom Marheinekeplatz bis zum Südstern mit einer 600 Meter langen Mauer eingefriedet waren. •

Literaturnachweis: »Oh ewich is so lanck«; Die historischen Friedhöfe von Berlin-Kreuzberg; Christoph Fischer, Renate Stein; Landesarchiv Berlin;


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