Kreuzberger Chronik
November 2014 - Ausgabe 164

Essen, Trinken, Rauchen

Regen bei Kaisers


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von Ina Winkler

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Draußen regnet es. Hinter der großen Scheibe sitzen an drei runden, grauen Kunststofftischen müde Menschen. Sie scheinen darauf zu warten, dass der Regen endlich aufhört, und verfolgen die Fußgänger, die unter ihren Regenschirmen vorübereilen, die Autos mit den kleinen Fontänen im Schlepptau. Am ersten Tisch sitzt ein Mann mit einer Baseballmütze, dem der Kopf auf die Brust gesunken ist vor Müdigkeit. Am mittleren Tisch sitzt mit krummem Rücken ein alter Mann und betrachtet durch die großen Gläser seiner Rentnerbrille abwechselnd die Zeitung und die Menschen auf der Straße. Am dritten Tisch sitzt vor der großen Fototapete mit den Kaffeebohnen, die daran erinnern soll, dass Kaisers einmal ein Kaffeegeschäft war, eine alte Frau mit einem Stock und einem Kopftuch. Sie schaut abwechselnd zum Fenster hinaus und zur Tür hinüber. Sie wartet darauf, dass der Regen aufhört, und dass ihr Mann zurückkommt. Gleich neben der Tür im Vorraum der Lebensmittelfiliale fährt die Rolltreppe zum Gesundheitszentrum hinauf.

Ein jüngerer Mann kommt, betrachtet die drei Tische mit je vier Stühlen, von denen immer nur einer besetzt ist. Er stellt einen Karton voller Einkäufe auf den Tisch der alten Frau, dann fragt er, ob er sich setzen dürfe. Sie nickt. Der junge Mann geht zum Tresen, wo Menschen in der Schlange stehen und Würste, Premiumcroissants oder Laugenbretzeln kaufen. Wer hier sitzt, gehört nicht zu den Biologischen oder den Veganern, wer hier sitzt, der hat einfach Hunger.

Der junge Mann braucht Kaffee. »Sofort! Sonst schlafe ich ein bei diesem Wetter.« Der Kaffee kostet 1,20, zwei Häuser weiter, wo die jungen Franzosen unter der Markise sitzen, kostet er fast drei Euro. »Komm, wir trinken einen Kaffee…«, sagt der Nachbar, der gerade seine Nachbarin auf der Straße getroffen hat. Und weil drinnen kein Platz mehr ist, und weil es »da drinnen eh nicht so richtig kuschelig ist«, gehen sie auf die Straße, unter Kaisers´ roten Coca-Cola-Schirm.

Drinnen beißt der Rentner mit der großen Brille in eine Leberkässemmel »mit viel Senf«, die seine Frau ihm gebracht hat. Auch dem eingeschlafenen Baseballspieler hat eine Frau eine Semmel mit einer zwei Zentimeter dicken Schicht Zwiebelmett gebracht. Nicht weit von den Tischen entfernt sitzen zwei Kinder in einem bunten Polizeiauto, das für einen Euro zu schaukeln, zu heulen und zu blinken beginnt, und sind glücklich. Vor der Fototapete sagt der Mann mit dem Einkaufskarton zu der alten Frau mit dem Kopftuch: »Den gibt’s nirgends mehr so billig wie hier!« Die Frau nickt wieder. Wahrscheinlich wartet sie auf ihren Mann, der gerade beim Kardiologen ist, schon zum dritten Mal in dieser Woche. Sie blickt aus dem Fenster. »Dieser verdammte Nieselregen immer«, sagt der Mann mit dem Karton. Alle warten, dass der Regen endlich aufhört. Aber es ist erst November. Es wird noch viel Regen fallen. Bis es wieder Sommer wird in der Bergmannstraße.•


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