Kreuzberger Chronik
November 2014 - Ausgabe 164

Kanzlei Hilfreich

Der Klassenausflug


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von Kajo Frings

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Es war Mitte der 80er, als Kinder aus libanesischen Flüchtlingsfamilien in Kreuzbergs Schulen ihre Kriegstraumata aufarbeiten mussten. Rechtsanwalt Jens Hilfreich weiß nicht mehr, wie die beiden Lehramtsanwärterinnen hießen - vielleicht Sabine und Susanne -, aber er erinnert sich noch genau, wie furchtbar die engagierten Frauen die Kriegstraumata der Kinder fanden. Also beschlossen sie, ihnen die Sonnenseite des Lebens zu zeigen, und ihre Schülerschar zum Tempel von Luxus, Geschmack und kapitalistischer Warenvielfalt zu führen. Am Schul-„Wandertag“ eröffneten sie ihrer Klasse, dass sie nur bis zur Haltestelle des 119er Busses am Mehringdamm zu laufen brauchten, um dann... . Die Lehrerinnen ließen das Ziel offen, verrieten nur, dass am nächsten Tag ein Aufsatz zu schreiben sei: „Mein erster Tag im KaDeWe“.

Khalid, der Streber, hob die Hand und fragte: „Dürfen wir denn da überhaupt rein?“-„Aber natürlich“ meinten Susanne und Sabine wie aus einem Mund. „Da darf jeder rein. Wir haben eine demokratische Wirtschaftsordnung“. Ganz überzeugt schienen Khalid, Nasrallah, Samir und die anderen nicht. Aber Sabine und Susanne waren guten Mutes. Also Busfahrt bis Wittenbergplatz, dann rein in die gute Stube Westberlins. Kaum hatten Sabine und Susanne mit diesen Regenschirmen, die man von Reiseleitern aus Venedig kennt, ihre Klasse ins Kaufhaus geführt, ging es auch schon los. Aus allen Ecken und Etagen kamen die Mitglieder des Sicherheitsservice angerannt, als würde man hier das Massaker von Sabra und Schatila nachstellen wollen, und zeigten mit ihren christlichen Fingern auf jeden Schüler und jede Schülerin: „Du hast Hausverbot, du hast Hausverbot, du hast Hausverbot“. Susanne und Sabine erfuhren zu ihrer Überraschung, dass sich ihre Schüler nicht das erste Mal im KadeWe befanden, sondern mehr als einmal ihren Bedarf an Südfrüchten und Winkeldreiecken auch ohne Hingabe ihres Taschengeldes gestillt hatten.

Jens Hilfreich erhielt alle als Mandanten: die vom Strafrecht bedrohten Schüler und die vom Disziplinarrecht bedrohten Lehrerinnen. Kindheitsbedingt tat er nichts lieber, als einer Lehrerin einen Vortrag zu halten: Wer trotz Hausverbots ein Haus betritt, begeht Hausfriedensbruch. Und dass ausgerechnet eine Lehrerin einem sagt, was erlaubt ist, führt bestimmt nicht zu einem „unvermeidbaren Verbotsirrtum“. Und wer andere zum Hausfriedensbruch anstiftet... - Bei Lehramtsanwärterinnen sieht das anders aus. Da ist schon der Berufswunsch ein unvermeidbarer Irrtum. Außerdem hatten sich die Frauen im KaDeWe im wahrsten Sinne des Wortes als „Pädagoginnen“ betätigt: als „Kindesführerinnen“. Jens Hilfreich schaffte das Unvermeidliche: Die Ermittlungs- und Disziplinarverfahren wurden eingestellt, und die Kreuzberger Lehramtsanwärterinnen auch. •


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