Kreuzberger Chronik
Mai 2014 - Ausgabe 158

Herr D.

Der Herr D. wollte ein Bier trinken


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von Hans W. Korfmann

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oder: Mit welchen Mitteln man Stimmen gewinnt

Der Herr D. wollte ein Bier trinken. Auf dem Tempelhofer Feld. Weil die Natur dort am größten ist. Weil es da wie in Brandenburg war. Weil die Sonne dort länger schien, die Vögel lauter zwitscherten. Und weil die Menschen dort nicht so dicht beieinander saßen, wenn sie mal ein Bier trinken wollten.

Aber der Biergarten hatte geschlossen. Obwohl die Sonne schien und das Thermometer 20 Grad zeigte. Obwohl Zehntausende auf dem Feld waren und Drachen steigen ließen, Rollschuh liefen, Fahrrad fuhren, Spazieren gingen, Schach spielten, grillten, lasen, tanzten oder es sich sonst auf irgendeine Art und Weise gut gehen ließen, gab es keinen Schluck Bier und keine Bratwurst mehr auf dem ganzen weiten Feld.

»Wieso denn das?«, murmelte verärgert der Herr D. und umkreiste auf der Suche nach einer Antwort den Luftgarten. Da stieß er auf ein Transparent des Berliner Senats: »Der bevorstehende Volksentscheid hat Auswirkungen auf die ursprünglichen Planungen für das Tempelhofer Feld!« - »Ist ja sonderbar!«, murmelte der Herr D.

Er las weiter: »Die geplante bauliche Erweiterung des gastronomischen Betriebes in der Picknick-Area ist nicht vereinbar mit dem Gesetzentwurf der Bürgerinitiative!« - »Wer hätte das gedacht?« murmelte der Herr D.

Weiter las er: »Um dem Ergebnis des Volksentscheids nicht vorwegzugreifen, werden alle notwendigen baulichen Maßnahmen ausgesetzt.« - »Ach,« murmelte der Herr D. »was für ein Großmut!«

Da kicherte hinter ihm eine Frauenstimme. Der Herr D. sagte: »Wenn das mal kein Trick ist, um sämtliche Biertrinker Berlins gegen die Bürgerinitiative aufzuhetzen!«

»Sie sagen es!«, lachte die junge Frau, die plötzlich hinter ihm stand. »Die haben ja sonst auch nie Rücksicht genommen auf uns. Da musste erst das Gericht einschreiten, damit sie aufhörten, das Loch für ihren blöden See zu graben! Bäume haben sie auch schon überall gepflanzt, so sicher schien ihnen der Ausgang des Volksentscheids.«

»Hatten die denn keinen Vertrag?«

»Fragt sich nur, was für einen? Sechs Monate auf Wiederruf...«

»Quatsch«, sagte ein junger Mann, der plötzlich hinter der jungen Frau stand. »Wir hatten gerade einen Vertrag für vier Jahre abgeschlossen. Und dann kamen die eine Woche vor der Eröffnung und erklärten uns, dass wir wegen geplanter Bauvorhaben erst mal schließen müssten. Aber...«, sagte der junge Mann und legte eine kleine Kunstpause ein - »dann sagten sie und, dass wir am Tag nach dem Volksentscheid gleich wieder aufmachen dürften!«

»Wahrscheinlich«, sagte die junge Frau, »damit sie nach dem Scheitern der Bürgerinitiative lautstark verkünden können: Seht, liebe Berliner, ihr habt Euch richtig entschieden! Und jetzt dürft ihr auch wieder Bier trinken!«•


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