Kreuzberger Chronik
März 2014 - Ausgabe 156

Strassen, Häuser, Höfe

Die Bergmannstraße Nummer 53


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von Werner von Westhafen

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Im Sommer ist es unter dem dicken Knöterich kaum zu sehen. Es ist eines der schönsten Häuser in der Straße.




Foto: Dieter Peters
Als Irmgard Boenack in den Hausflur trat, traute sie ihren Augen nicht: Die glänzenden Messinglöwen neben der Wohnungstür mit dem Klingelring im Maul waren über Nacht verschwunden. Auf allen Etagen. Der Hausbesitzer hatte sie abgeschraubt, einige Tage später ersetzten Klingelknöpfe aus Plastik den Messingschmuck. So erfuhren die Mieter Ende des Jahres 1972, dass das Haus verkauft wurde. Für Irmgard Boenack, die seit 1932 in der Bergmannstraße mit Blick auf die Friedhöfe wohnte, läutete dieser Morgen das letzte Kapitel ihres Lebens ein: Noch bevor das Haus am 1. Januar seinen Besitzer wechselte, starb die alte Frau.

Irmgards Enkeltochter, Heide-Brigitte Binner, hat nur ihre Kindheit in der Nummer 53 verbracht. Aber sie hat dem Haus ein Kapitel im Buch ihres Lebens gewidmet. Der Bewohner wegen, die im Krieg zu einer Art Lebens – und Schicksalsgemeinschaft zusammengewachsen seien. Dieses Haus »war ein guter Ort zum Aufwachsen«, schreibt die Enkeltochter, »es erschien mir stets wie ein sicherer Hafen, auch wenn es keine heile Welt war.« Sie hielten alle zusammen, sie stützten sich gegenseitig. Heide-Brigitte Binner erinnert sich noch gut an die einzelnen Bewohner dieses Hauses:

»Nur die Eva Zehner stützte niemand. Sie war die einzige Überlebende einer wohlhabenden Steinmetz-Familie«, die im Erdgeschoss ein Ladengeschäft besaß. »1946 hatte man zwei ihrer drei Zimmer an eine fremde Familie vergeben – das war üblich nach dem Krieg«, in den Zeiten der Wohnungsnot. Eva Zehner aber »war mit dieser Situation völlig überfordert« und verließ geistig verwirrt eines Tages die Bergmannstraße, um in dem provisorischen Obdachlosenheim im Fichtebunker ihre letzten Tage zu verbringen.

Dann war da die Frau Felmy aus dem dritten Stock, so hoch wie breit – starke Brille, für die Zeit ungewöhnlich kurzer Topfschnitt. »Taach« grüßte sie immer und klappte dabei ihren Mund ganz weit auf. Von ihr ging die Rede, dass sie in der schlechten Zeit gegenüber auf dem Grab ihres Mannes Tomaten kultiviert habe. Auch sie blieb stets abseits. Sie war kinderlos, so wie auch Langes, die daneben in der Mittelwohnung lebten. Man sah sie nur, wenn sie einkaufen ging oder beim Ausschütteln des Staubtuchs.« Ihn dagegen sah und hörte man, er kam oft betrunken nach Hause: »Martha, Martha, mach auf – ich muss mal pullern«, schallte es durchs Treppenhaus. Und dann hörte man den resignierten Ausruf: «Oh Gott – zu spät!«

Auch über Heides Wohnung wurde gerne getrunken. Da wohnten die Emms, deren Familienfeste stets damit endeten, dass sie Alle Vögel fliegen hoch spielten. »Das Pochen der Finger auf der Tischplatte versetzte die Esszimmerlampe im 2. Stock in Schwingungen. Vater Emm verbrachte viel Zeit bei »Rommel« in der Kneipe, ebenso wie auch Heides Großvater. »Das Leben hatte ihnen übel mitgespielt, der Krieg den Lebensweg gründlich umgepflügt und sie ... zum Stolpern gebracht.« Im betrunkenen Zustand sprach der Großvater Dinge aus, die er sonst nie ausgesprochen hätte, die ihm aber auf der Seele lagen. Sätze wie In meinem nächsten Leben heirate ich eine Vollwaise und Engel gehören in den Himmel sind unvergessen und »werfen ein Schlaglicht auf sein Verhältnis zu Omas Mutter und Schwestern.«

Aber nicht alle Familien in der Nummer 53 tranken. Es gab da noch die Grossmanns, engagierte Baptisten, »eine Familie, bei der alles ganz anders war.« Der »Vater Kunstlehrer, zwei Söhne, eine Tochter, alle spielten sie Klavier und Tennis. Zu Silvester hatten sie Knallzeug, während wir gerade mal Papierschlangen und Wunderkerzen besaßen. Zudem waren sie schon in den frühen fünfziger Jahren Besitzer eines Wohnwagens... – ein Dreirad, dessen Ladefläche sie im Eigenbau in einen Wohnraum mit karierten Gardinen verwandelt hatten. Hunderte von Spaziergängern drückten sich an seinen Scheiben die Nasen platt, der Wagen stand immer am Straßenrand. Er soll auf Fehmarn gute Dienste geleistet, sich bei Fahrten in hügligem Gebiet aber nicht so bewährt haben.

Auch bei Familie Held zeigte sich der wirtschaftliche Aufschwung. Sie zogen um 1950 im Haus ein und waren die einzige Familie mit Fernseher in der Umgebung. Manchmal durfte Heide »mit-ansehen, aber nur ganz selten. Sie fuhren auch im Sommer in die Berge – richtig in den Urlaub – aber die Kinder hatten Angst vor ihrem Vater, besonders wenn sie Kratzer in die Möbel gemacht hatten.«

Im vierten Stock wohnte die Hauswartfrau, Frau Neidhardt. Sie regierte die 53 mit »eisernem« Besen. Nie wieder war das Haus so gepflegt wie zu ihrer Zeit, »und der Bürgersteig war selbst im eisigsten Winter sicher« und begehbar. »Neben ihr wohnte die Tochter Dora mit Familie. Das »Dorchen« starb 2006 im Alter von 85 Jahren. Fast ihr ganzes Leben hat sie in diesem Haus in der Bergmannstraße verbracht, und sie wollte »ihre Gegend« auch im Tod nicht verlassen. Sie stellte sich vor, auf dem Friedhof, den sie ein Leben lang vor Augen gehabt hatte, und auf dem schon ihre Töchter Karin und Silvia und auch ihr Mann ruhten, bestattet zu werden. Ihr Sohn hat ihr diesen letzten Gefallen nicht getan. Niemand weiß, warum.

So sind die Leute gekommen und gegangen. Das Haus aber steht noch immer da und blickt nach Süden auf den Friedhof. Stark wie ein Baum ist der Stamm des Knöterichs, der bis zum Dach hinaufgeklettert ist. Ein bisschen sieht es aus wie ein verwunschenes Schloss, auch das Ladengeschäft der Eva Zehner steht schon seit Jahrzehnten leer. Immer wieder möchte jemand ein Café eröffnen, aber die Bewohner bevorzugen die Ruhe. Es war eine Art Lebensgemeinschaft in diesem Haus versammelt, schrieb Heide-Brigitte Binner. Es scheint, als wäre das noch heute so. •

Literaturhinweis: Heide-Brigitte Binner: Sollt ich meinem Gott nicht singen, ISBN 978-3-8423-6664, Books on Demand GmbH, 12.-


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