Kreuzberger Chronik
März 2014 - Ausgabe 156

Geschichten & Geschichte

Carola Neher


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von Hans W. Korfmann

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Sie wurde von allen geliebt, von den Zuschauern ebenso wie von den Intendanten und Regisseuren. Und doch fast vergessen.





Geich ihr erster Auftritt im Theater am Landwehrkanal, nicht weit vom Halleschen Tor, brachte die ersehnte Wende. Sie hatte kaum an ihrem Talent gezweifelt, schon ganz am Anfang ihrer Karriere, als sie sich beim Theater für eine Rolle bewarb, schrieb sie: »Ich komme nächste Woche nach München und werde Ihnen so gut gefallen, dass Sie mich engagieren.« Sie behielt recht und engagiert, aber es waren nur kleine Rollen auf kleinen Bühnen in Baden-Baden, Breslau oder Nürnberg. Jetzt, 1926, betrat sie jene Stadt, in der sich alles traf. Berlin »nahm jeden auf, Scharlatane und Genies, Künstler und Dilettanten. Hier lebten sie inzwischen alle, die Regisseure, Dichter, Dramatiker, Mimen, entschlossen, das alte Theater, »rettungslos vermufft und vermottet«, zu begraben.«

Carola Neher wird in Berlin vom berühmt-berüchtigten, mit spitzer Feder schreibenden Theaterkritiker Alfred Kerr als »holdes Liebkerlchen weiblichen Geschlechts« freundlichst begrüßt, und gleich ihr erster Auftritt in Cowards Komödie »Gefallene Engel« im Theater an der Königgrätzer Straße, nicht weit vom Halleschen Tor und dem hübschen Landwehrkanal, ist für Carola Neher der Beginn eines Aufstiegs in Schwindel erregende Höhen. Nichts schien ferner zu sein als der tiefe Fall dieses wahren Engels.

Schnell entdeckte auch Brecht die Mimin und bot ihr die Rolle der Polly in seiner Dreigroschenoper an. Doch Carolas geliebtem Mann, dem lungenkranken Dichter Klabund, geht es schlecht. Sie reist mitten in den Proben ab, Brecht drängt sie, zurückzukommen, doch sie bleibt in Davos. Erst als Klabund stirbt, kehrt sie zurück nach Berlin. Es sind Disziplin und Pflichtgefühl, denen sie nachgibt, doch sie hält nicht durch, fällt in Ohnmacht, probt weiter, dann sagt sie zu Brecht: »Spielen Sie das Zeug allein!«. Und geht.

So ist Klabunds große Geliebte nicht dabei, als Brechts berühmtes Theaterstück an der Friedrichstraße 1928 uraufgeführt wird. Erst als die überarbeitete Fassung 1929 wieder auf den Spielplan gesetzt wird, kann sie endlich als Polly triumphieren. Die Zeitungen waren begeistert, sie wetteiferten um die schönsten Superlative und schrieben von einem »wahren Triumph« und einer »brillanten Leistung«. Sie spiele »mit ebenso beweglichem Körper wie beweglichem Geist«, »anmutig, zierlich, verführerisch«, »wundervoll«. Wenn sie sprach, dann »schien es, als hielten alle den Atem an«. »Sie war die Seele der ganzen Aufführung.«

Doch die Bretter, die für Brecht die Welt bedeuteten, bedeuteteten »der Neher« weitaus weniger. Diese Frau wollte mehr. Sie wollte die Welt verändern. Man schrieb das Jahr 1933. Hitler betrat die Weltbühne. Carola Neher besuchte die Marxistische Arbeiterschule, wo Anatol Becker Russisch unterrichtete, und verliebte sich in den enthusiastischen Revolutionär. Sie unterschreibt einen Aufruf gegen Hitler, wenige Monate später verlässt sie mit Becker die Stadt und reist nach Moskau, »wo lautes Gerede von goldener Zukunft tönte«,

In Moskau taucht der Star der Berliner Bühnen in der Filmfabrik »Meschrabpom-Film« unter, schreibt Rezensionen, gibt Schauspielunterricht. Am 26. Dezember 1934 wird Georg geboren. Ein letztes Mal zieht ein Hauch von Glück durch ihr Leben. Dann kommt der Fall des Engels. Ihr Mann wird verdächtigt, ein Attentat auf Stalin geplant zu haben, und erschossen. Auch die Schauspielerin wird der Sabotage verdächtigt und zu 10 Jahren Kerker verurteilt, Georg kommt in ein Heim. Er ist vierzig Jahre alt, als er zum ersten Mal die Stimme seiner Mutter hört, eine kratzige, aber wunderschöne Aufnahme der Dreigroschenoper. Ein Leben lang hat er nach ihr gesucht, bis er in den Unterlagen des Kinderheimes endlich auf die Namen seiner Eltern stieß. Bis sich endlich diese ganze tragische Geschichte auftat, bis er erfuhr, wie unschuldig die Mutter an seinem Schicksal war, was für eine wunderbare Künstlerin und Frau sie war. Dass sie schon als Kind viele Stunden am Klavier saß, dass die schlimmste Strafe des Vaters das »Klavierverbot« war, dass sie immer schon eigenwillig und rebellisch war, dass schon der Bruder sie als »sympathischen Teufel« bezeichnet hatte. Dass sie nur aus Pflichtgefühl gegenüber den Eltern ihre Ausbildung bei der Filiale einer Bank absolvierte, um danach gleich ans Theater zu gehen. Dass es eine große, ehrliche Liebe war, die sie mit dem blassen Dichter Klabund verband, und dass ihre Schönheit ihn zum Wahnsinn trieb, und dass sie dennoch unzertrennlich waren. Er schrieb, er habe »ein brennendes Herz. Wie soll das enden?«, und sie schrieb: »Ich liebe meinen Mann so sehr wie nichts auf der Welt!« In Zeesen, an einem See nicht weit von Berlin, verbringen sie glückliche Tage, der Dichter schreibt: »Auch wir / Mädchen / Geliebte / Frau / Mensch / Immer zu zweit zu zweit seit zweien Jahren / Schwimmen wir auf den Wassern des Lebens ...«

Im Sommer 1942 trägt das Wasser nicht mehr. In den Archiven des Kinderheimes findet der Sohn einen Brief seiner Mutter vom 10. März 1941. Sie schrieb an die Leiterin. Es ist ein Brief voller Sorge und Lieber, voller unruhiger Fragen »....Ich bitte Sie sehr, mir sein letztes Foto zu schicken. Ist er musikalisch? Zeichnet er? Wenn ja, schicken Sie mir doch bitte eine Zeichnung, die er gemacht hat! Ich danke von ganzem Herzen für alles Gute, das Sie für mein geliebtes Kind tun können!« Der Brief rührte die Heimleitung so sehr, dass die Mutter sogar Antwort erhielt. »Aber sie durfte den Brief nur einmal und unter Aufsicht lesen«, wie Dietrich Nummert anlässlich des 100. Geburtstages von Carola Neher in einem wunderbaren Porträt über die fast vergessene Künstlerin schreibt.

Dann kam der Typhus. »Sie glühte furchtbar ...«, und man brachte sie in den »Isolator«, eine schmucklose Quarantänezelle. Wenig später teilte die Wärterin den Mitgefangenen mit: »Carola prikasala dolgo shitj!« - Man schrieb den 26. Juni 1942. Carola Neher war keine 42 Jahre alt geworden. •

Literaturnachweis: Dietrich Nummert: »Als hielten alle den Atem an«, Berlinische Monatszeitschrift, Edition Luisenstadt, November 2000.


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