Kreuzberger Chronik
Juni 2014 - Ausgabe 159

Herr D.

Der Herr D. und die SPD


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von Hans W. Korfmann

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oderWie fortschrittlich der Fortschritt ist.

Der Herr D. ärgerte sich. Wäre er jünger gewesen, dann wäre er sämtliche Laternenpfähle hinaufgeklettert und hätte diese Plakate der SPD wieder heruntergerissen, auf denen sie Stimmen für eine Bebauung des Tempelhofer Feldes gewinnen wollten, indem sie »Bebauung statt Stillstand« oder »Fortschritt statt Stillstand« schrieben. Als wäre der Erhalt eines Stückes Natur in einer Millionenstadt nicht fortschrittlicher und weitsichtiger als die weltweit übliche Bebauung der letzten Stadtlücken.

Der Herr D. kletterte also keine Laternenpfähle hoch, sondern ging zum Gleisdreieck, wo der Fortschritt am Rande eines Designerparks den Betonklotz eines Baumarktes ermöglicht hatte. Der Herr D. hatte die alten Backsteinmauern der Yorckbrücken schöner gefunden, aber er brauchte einen Spachtel, und da der Fortschritt auch den Haushaltswarenladen von Frau Spreu aus der Markthalle verdrängt hatte, lag der neue Baumarkt nun am nächsten.

Bei Frau Spreu hätte der Kauf des Spachtels keine zwei Minuten gekostet. Zwischen den vielen Regalen des fortschrittlichen Baumarktes suchte er vergeblich sowohl nach dem Spachtel als auch nach der Verkäuferin. Nach zehn Minuten stand er an der Kasse, wartete fünf Minuten in einer Schlange, bis die Verkäuferin seinen Spachtel über das fortschrittliche Lesegerät hielt. Aber das Lesegerät konnte nicht lesen. Die Verkäuferin griff zum Telefon, wo ihr nach einer etwa dreiminütigen Konversation ein Kollege eine Nummer mitteilte, die sie in ihre Kasse eintippen konnte. Dann verkündete sie:

»78,95!« Der Herr D. stutzte: »Das kann nicht sein!« Die Verkäuferin sah auf ihren Bildschirm und wiederholte: »78,95.« – »Halten Sie das wirklich für möglich?«, fragte der Herr D. Die Verkäuferin lenkte ihren Blick vom Bildschirm auf den real existierenden Spachtel, griff zum Telefon, erhielt abermals eine Nummer, aber abermals kam der fortschrittliche Rechner zum gleichen Ergebnis. Die Schlange hinter dem Herrn D. scharrte bereits mit den Füßen, als der Herr D. endlich einlenkte: »Ach, lassen Sie, ich hole mir den Spachtel ein andermal.«

Am nächsten Morgen hatte er die Sache beinahe vergessen. Da ging er zum neuen Bäcker an der Ecke und verlangte zwei Schrippen. Die neue Verkäuferin wusste zuerst nicht, was Schrippen sind, aber dann tippte sie eine Zahl in ihre neue Kasse und rief noch im selben Augenblick: »Au, Scheiße!« – Ganz aufgeregt begann sie, auf der Tastatur der fortschrittlichen Kasse herumzudrücken, bis der Herr D. sagte: »Das macht 70 Cent. Darf ich Ihnen die vielleicht schon einmal geben.« Die junge Frau hörte den Herrn D. gar nicht mehr, so sehr war sie in ihren Rechner vertieft.

An diesem Morgen verlor der Herr D. den letzte Glauben an den Fortschritt.

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