Kreuzberger Chronik
Juli 2014 - Ausgabe 160

Kreuzberger
Eveline Henrietta Noack

Haltung ist mir wichtig


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von Saskia Vogel

Titelfoto: Cornelia Schmidt

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Haltung ist mir wichtig


Ihre Familie hat es nie gewollt. Ihre Mutter vielleicht, ihr Vater jedoch nicht: »Das war das Patriarchat der 50er Jahre, dagegen konnte ich kaum etwas ausrichten.« Der Vater wollte nicht, dass Rosina ihren eigenen Lebensweg geht, dass sie Mode entwirft, Ballett tanzt und schauspielert – auch dann noch nicht, als sie in ihrer Heimatstadt Gelsenkirchen für die Bühne entdeckt wird. Einzelhandelskauffrau sollte das Mädchen werden. Doch in ihrem Beruf arbeitete Eveline Henrietta Noack nur wenig. »Ich bin trotz aller Restriktionen meinen eigenen Weg gegangen, und schlussendlich waren meine Eltern stolz auf mich.«

Der eigene Weg begann schon mit dem Gang zum Bus. Weil der Vater, ein bekannter Profifußballer der damaligen Ober- und heutigen Bundesliga, »absolut« gegen Miniröcke war, zogen seine Töchter zur Tarnung lange Röcke drüber, verabschiedeten sich vom Herrn Papa – um dann spätestens an der Bushaltestelle wieder kniefrei dazustehen. Mit 17 ist das eigensinnige Mädchen »heimlich aus dem Gelsenkirchener Haus geschlichen«, wie es heute mit rauchiger Stimme erzählt, und in die Modestadt Düsseldorf gezogen. Dort wurde es eines Tages von einer Agentur entdeckt, machte als Model »die Laufstege unsicher« und verdiente gutes Geld. Eine schöne Frau ist das Mädchen von damals heute noch.


Foto: Privat
Später in den Achtzigerjahren, am Rathaus Charlottenburg, besaß Eveline Henrietta ein eigenes Atelier und entwarf Kostüme für Messen und für die Deutsche Oper. Während es heute nur noch wenigen gelingt, in der Modebranche erfolgreich zu sein, konnte sie von ihren künstlerischen Aktivitäten damals gut leben. »Vor dem Mauerfall waren die Wege zum Erfolg in Berlin noch weit offen.« Und nebenbei blieb noch Zeit genug, um das Leben zu genießen. Bis zum Morgengrauen trieb sie sich in der legendären Lützower Lampe rum, in der David Bowie und andere Berühmtheiten verkehrten. »Noch morgens standen wir auf der Tanzfläche … so«: Sie hebt die Arme und tanzt. »Geschlafen hab´ ich dann bis zum Nachmittag und war total matsch«.

Heute geht sie kaum noch aus, zum Tanzen schon gar nicht. »Wohin denn auch, in meinem Alter?«, fragt die Frau, die ihr Geburtsjahr nicht verraten möchte, obwohl sie noch immer jung aussieht. »Ich pflege mich, laufe auf dem Tempelhofer Feld und mache täglich meine Yogaübungen! Und ich rauche nur bei Gelegenheit mal ein Zigarettchen.« Außerdem macht sie Ballettübungen, um ihre »Haltung« zu bewahren. Im Rücken ebenso wie im Geist.

Sie war Schülerin auf einer Ballettakademie, und sie besuchte die Schauspielschule Lee Strasberg an der Hasenheide. »Leider musste ich wieder aufhören. Die Monatsgebühren betrugen unglaubliche 600 Mark, das konnte ich mir nicht leisten«. Umtriebig aber blieb sie trotzdem, stellte eine Fashionshow in der Kantstraße und im Metropol am Nollendorfplatz auf die Beine. Es hätte auch eine Schauspielerin aus ihr werden können, aber am Schauspielhaus in Bochum, bei Peter Zadek, scheiterte sie schon beim Vorsprechen an einem der schwierigsten aller Sartre-Texte: Bei verschlossenen Türen. Aber sie erzählt vom Scheitern in ihrem Leben ohne Bitternis oder Resignation, manchmal schmunzelt sie sogar dabei.

Hinter verschlossenen Türen fühlt sich die Frau, die früher im Rampenlicht stand, heute manchmal am wohlsten: »Ich bin eigentlich schüchtern, ich genieße die Einsamkeit.« Andererseits genießt sie »auch mal die Blicke anderer Menschen, wenn ich mich zurechtmache.« Schließlich tue sie damit niemandem weh. Sie ist weder affektiert noch oberflächlich, und sie bewahrt immer ihre Haltung, ihren eigenen Stil. »Haltung zu bewahren ist eine der Grundregeln meines Lebens. Und sich Mühe zu geben. Ansonsten lebt man nur von Steuergeldern und verliert allmählich die Contenance.«

Haltung bewahrte sie auch, als vor einigen Jahren ihre Mutter erkrankte: »Alle drei Wochen bin ich nach Gelsenkirchen gefahren, die nächsten drei Wochen mein Bruder. Und das, obwohl wir beide berufstätig sind.« Das war nicht einfach. Hinzu kam, dass sie damals unglücklich verliebt war. Aber die Geschwister kümmerten sich um die Mutter bis zum Tod. Heute glaubt sie keinem mehr, der behauptet, seine Eltern nicht pflegen zu können: »Es ist eine Frage der Organisation.«

Auch ihr Bruder wohnt im Bergmannkiez, und er ist der einzige, von dessen Weihnachtsrouladen die überzeugte Vegetarierin zum Fest ein »winzigkleines Stückchen« kostet. Gelegentlich betreut sie auch die vier Katzen ihres Bruders in dessen Erdgeschosswohnung. »Ich öffne für die Stubentiger die Flügeltür zur wunderschönen Gartenterrasse und atme die klare Luft ein – das ist Freiheit für mich.« Freiheit ist eines der wichtigsten Stichworte in ihrem Lebenslauf. Die Freiheit, Minis zu tragen, auf den Laufsteg zu gehen, an die Schauspielschule, und zum Tanzen bis zum Morgengrauen. Und die Freiheit, ein kleines »Rosina« Vintage-Lädchen in der Nostitzstraße zu eröffnen. Heute ist es die Grundlage ihrer Existenz. Heute ist die Frau mit dem wunderschönen Namen Eveline Henrietta Noack nur noch »die Rosina«.

Vor 16 Jahren schon kündigte die EDV-Sachbearbeiterin und eröffnete gemeinsam mit ihrem damaligen Freund den Rosina-Laden. Der Name sei »auf dem Mist« ihres Ex-Freundes gewachsen, sagt sie. Eveline ist ein altfranzösischer Name, Henrietta hießen im Mittelalter viele Herzoginnen. Rosina wiederum sei ein lateinischer Blumenname, aber eine besondere emotionale Beziehung habe sie zu dem Namen nicht. Aber jetzt sei sie »halt die Rosina”, und in der Bergmannstraße kennt sie jeder.

Mit dem Second-Hand-Laden hat sich Rosina ihre »eigene kleine Bühne« geschaffen. Am Abend aber ist sie froh, bei verschlossenen Türen wieder ganz ins Private abtauchen zu können. Sie ist tatsächlich eher ein zurückhaltender Mensch, erst als Verkäuferin in der Nostitzstraße wurde sie gesprächiger. Schließlich zieht ihr kleiner Laden Menschen aus aller Welt an. Rosina spricht von »ihren« Frauen, und sie ist stolz auf ihre Frauen, denn ihre »Kundinnen sind immer alle gut angezogen, immer gepflegt und manikürt«. Die Däninnen »schön und feminin«, die Engländerinnen am kreativsten gestylt. Nur »die Deutschen tragen viel zu viel Jeans und viel zu flache Schuhe. In Kreuzberg kann man immer noch im Schlafanzug spazieren gehen, ohne dass es auffällt. Das finde ich schade.« Denn Haltung ist ihr wichtig.

Aber im Bergmannkiez leben inzwischen auch Damen, die sich besser kleiden. Und die ihre hochwertige Kleidung nur ein paar Mal tragen, um sie dann gleich wieder bei ihr abzugeben. »Davon profitiere ich natürlich.« Auch die vielen Touristinnen, die seit ein paar Jahren durch die Straße flanieren, sind ein Vorteil für sie. Die haben ein »lockeres Geld in der Tasche«. Dabei geht es ihr aber gar nicht »um den größtmöglichen Umsatz. Ich sage, wenn mir ein Kleid an einer Frau nicht gefällt.« Werbung für ihr Lädchen macht Rosina auch nicht, Facebook und Social Media sind ihr fremd. »Meine Kundinnen finden mich auch ohne Eintrag im Internet«, sagt die Frau, die nicht mal einen E-Mail-Account besitzt. Als letztens eine Kreuzberger Modelagentur an Rosina Interesse zeigte, scheiterte die Aufnahme in die Kartei daran, dass man sie nicht per E-mail zu den Castings einladen konnte: »Ohne E-Mail keine Fotoaufnahmen, so einfach war das.«

Dass Rosinas Vintage-Lädchen trotzdem ein Erfolg ist, verdankt es dem guten Geschmack und dem unerbittlichen Durchhaltevermögen der Chefin. Nicht immer war die Geschäftsbilanz positiv, nicht von Anfang an kamen die Kundinnen so gerne und so oft wieder wie jetzt. »Früher habe ich Selbstgeschneidertes auf Ibiza und an der Côte d‘Azur bis auf das letzte Stück auf der Straße verkauft, aber in Berlin funktionierte das nicht annähernd so gut.« Die Anfangsjahre in der Nostitzstraße waren hart, »drogenabhängige Nachbarn haben mich bestohlen, die Euro-Umstellung machte mit einem Mal alles teurer ... ich habe bereits morgens kalte Kartoffeln gegessen.« Erst als sie von Neu auf Alt, von Konfektionsware auf Second-Hand umstieg, wurde das Geschäft mit den schönen Stoffen wieder rentabel.

Foto: Cornelia Schmidt
Foto: Cornalia Schmidt

Noch immer leidenschaftlich bei der Arbeit: Rosina










Rosina ist »halt Optimistin. Ich habe sehr viel Kraft.« Sie kann ihr Lädchen ganz alleine führen, vom Ankauf der ausgesuchten Stücke für ihre Vintage-Kollektion bis hin zur Buchhaltung. Morgens wischt sie auf dem Kronleuchter Staub, abends putzt sie den Boden. Es ist ein anderes Leben als das am Laufsteg, aber langweilig ist es nie auf den goldenen Treppenstufen ins Souterrain, auf denen sie manchmal sitzt und über alles nachdenkt. »Auf keinen Fall! Ich habe immer etwas zu tun, und ich habe wirklich eine interessante Kundschaft.«

Rosina ist ganz für ihren Laden da. Es sei denn, sie macht gerade ihre Yoga-Übungen. Damit die Haltung erhalten bleibt. Die Haltung ist ihr wichtig. Haltung ist Stil. Den hat sie auch dann noch, wenn sie auf dem Tempelhofer Feld Joggen geht - mit hochgesteckter Frisur. •


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