Kreuzberger Chronik
Juli 2014 - Ausgabe 160

Reportagen, Gespräche, Interviews

Die Christllichen Zentren am Südstern


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von Werner von Westhafen

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Einst waren die Kirchen bis zum letzten Rang gefüllt. Heute werben sie um Besucher - mit verschiedenen Mitteln.


Foto: Dieter Peters
Es ist Sonntag. Es regnet in Strömen, aber auch aus der U-Bahn-Station am Südstern strömt es. Der Menschenstrom bewegt sich unter dem Schutz vieler Regenschirme die Lilienthalstraße hinauf bis zu der Stelle, an der ein Bettler seine Decke ausgebreitet hat. Der Bedürftige wechselt ein paar eilige Worte auf Polnisch mit seinen Spendern, denn viel Zeit haben sie nicht mehr, es ist schon vierzehn Minuten nach zehn.

Eine Minute später läutet in der St. Johannes Basilika Kirche energisch eine kleine Glocke. Augenblicklich erhebt sich die Gemeinde von den Bänken, drei Sekunden später beginnen sie zu singen - als hätten sie das Jahre lang einstudiert. Es sind einfache Arbeiter, die sich hier versammeln, vornehme Frauen, Familien mit kleinen Kindern, die mitten im turbulenten Kreuzberg plötzlich in stille Andacht verfallen. »Die polnische Gemeinde ist die größte in Berlin«, sagt Joanna, die Wirtin des kleinen Cafés gegenüber. Zuerst verkaufte sie Bücher, »aber ich bin ein schlechter Geschäftsmann«, und so wurde aus dem Buchladen allmählich ein Café. »Manchmal sind 5000 Leute in der Kirche. Sie kommen hierher, um sich zu treffen, und wenn die Sonne scheint, sitzen sie nach dem Gottesdienst bei mir auf der Terrasse.« Vor ein paar Jahren gab es vor der Kirche noch einen fliegenden Händler, der polnische Zeitungen und Journale für seine Landsleute anbot. Heute posieren die kaum bekleideten Glamourgirls der Illustrierten im alten Bücherregal bei Joanna gleich neben dem Bildnis des Papstes. Und weil die Gemeinde polnischer Arbeitnehmer immer größer wird, hat ein paar Häuser weiter Der Kleine Prinz eröffnet, ein Ladencafé, in dem es neben Kaffee und Kuchen auch polnische Wurst, Käse und andere »polnische Spezialitäten« gibt.

Foto: Dieter Peters
»Wir haben eine Kirche, die lebt!«, sagt Joanna. Sonntags gibt es drei Gottesdienste, samstags wird getauft und geheiratet, und auch an den Wochentagen ist Gott täglich um 18 Uhr für die gläubigen Polen in der ehemaligen katholischen Garnisonskirche zu sprechen. Es sind nicht wenige, die sich nach getaner Arbeit auf dem Heimweg kurz noch Gottes Segen abholen - bevor sie zu ihren Familien, in ihren Freundeskreis oder ihre Stammkneipen in Neukölln heimkehren.

Auch in der evangelischen Zweigstelle in der Mitte des Südsterns wird täglich gebetet. In aller Herrgottsfrühe, um halb sieben, trifft sich ein kleiner Kreis zum Morgengebet. »Manchmal sind es zehn, manchmal auch nur zwei oder drei«, lächelt der Pfarrer Eberhard Sachse. »Das Gebet findet jeden Morgen statt«, aber für einen täglichen Gottesdienst ist die Gemeinde des »Christlichen Zentrums Berlin« schlicht zu klein. In den Achtzigerjahren, als der Verein das leer stehende Gotteshaus von der evangelischen Kirche kaufen konnte, »war die Kirche an den Sonntagen bis zum letzten Platz gefüllt«, erinnert sich der Pastor.

Foto: Dieter Peters
An diesem regnerischen Sonntag aber sind es nur etwa 50, die sich zum Gottesdienst am Südstern eingefunden haben. Sie sind über den gesamten Saal verteilt, stehen still da und wenden die Innenflächen ihrer Hände nach oben, um Gott zu empfangen. Oder sie haben beide Arme zum Himmel gehoben, oder sie wiegen ihre Körper zur Musik und wippen mit den Füßen. Sie sind schwarz, braun und weiß, sie kommen mit Rucksäcken und mit Laptoptaschen, mit modischen Halstüchern und altmodischen Karomustern auf den Pullovern, aber sie schunkeln und winken, als stünde ein Schlagersänger auf der Bühne. Und während parallel zur musikalischen Untermalung des Gottesdienstes auf einer Leinwand Bilder von Sonnenuntergängen und Sonnenaufgängen erscheinen, Bilder des Ozeans und sich öffnender Pforten, singen viele der Gläubigen mit, wenn, begleitet von der Hammondorgel und der Gitarre, Lieder mit Titeln wie »Keiner ist wie Du« angestimmt werden. Die imposante Lautsprecheranlage lässt Gottes Wort so eindrucksvoll erschallen, dass die Kirchengänger vor dem Hifi-Zeitalter noch an ein Wunder hätten glauben müssen.

»Die Anlage war ja auch nicht billig!«, lächelt der Pfarrer, der einst »eher Hardrock« hörte und »alles mögliche« gearbeitet und getan hatte, bevor er endlich Gott traf. Seine Geschichte ist die Geschichte einer Erleuchtung, in seiner ersten Predigt berichtete er der erstaunten Gemeinde, wie er 1981, »ausgerechnet an Christi Himmelfahrt«, die DDR verließ und nach Kreuzberg kam. Wie ihn der Nachbar mitnahm ins Theater am Nollendorfplatz, wo das Christliche Zentrum sich damals traf. Wie er in der Welt der Geschäftsleute unterzugehen drohte, die Familie zu zerfallen drohte, die Gesundheit auf dem Spiel stand, und wie er dann eines Tages tatsächlich Gott begegnete.

Die Geschichte des Predigers Sachse aus Thüringen passt zu der des Vereinsgründers. Auch Harold Herman, ein ehemaliger Bildredakteur der Columbia Filmstudios, der verstört aus den Ruinen von Hiroshima zurückkehrte, war am Ende. Der Mann, der einst mit Rita Hayworth und Glenn Ford gearbeitet hatte, saß an einem Palmsonntag in seinem Zimmer, in der einen Hand die Bibel, in der anderen die Zigarette. Und »plötzlich«, so erinnert er sich später, »dachte ich: Es ist nicht sehr ehrfurchtsvoll, eine Zigarette zu rauchen, während ich dieses heilige Buch lese. - Sofort drückte ich die Zigarette aus. Es war die letzte, die ich geraucht habe.«

Das war das erste Wunder im Leben von Harold Herman, der prompt zum Wanderprediger wurde und am Potsdamer Platz sein Zelt aufschlug, um zwischen 1953 und 1956 Tausende vom Krieg traumatisierte Berliner zum Christentum zu bekehren. Die Berliner Illustrierte schrieb von Wunderheilungen, die Sonntagszeitung verkündete in Rot auf der Titelseite: Lahme gehen und Blinde sehen. Bald schon trifft sich die Gemeinde seiner Anhänger im »Christlichen Zentrum« am Theater am Nollendorfplatz. Wortgewaltige Redner lösten den Mann aus Hollywood ab, ein Glück für viele Drogenabhängige, die in den Sechzigerjahren unter dem Dach des Vereins zur Gemeinde der Jesus-People werden. 1982 ermöglichen großzügige Spenden sogar den Kauf einer Kirche: der ehemaligen evangelischen Garnisonskirche.

Inzwischen ist die Gemeinde der Wundergläubigen kleiner geworden. Dafür hat das »Christliche Zentrum Berlin« zehn Tochtergemeinden unter seinem Schirm. Einige von ihnen haben eigene Kirchen, andere nutzen die Räumlichkeiten am Südstern. Geradezu berühmt waren die Gospel-Gottesdienste der International Christian Church, die einige Jahre in der Kreuzberger Kirche abgehalten wurden. Eine kleine afrikanische Gemeinde trifft sich noch heute im Souterrain der Kirche am Südstern, während um 15 Uhr im großen Saal die Tamilen ihren Gottesdienst abhalten. »Da geht es musikalisch dann etwas dynamischer zu«, sagt Pastor Sachse. Acht Musiker stehen auf der Bühne, ein Schlagzeuger, ein Organist, zwei Gitarristen und ein Chor aus vier Sängerinnen sorgen für schwungvolle Stimmung. Vor einer Gemeinde aus Frauen in bunten Trachten und Männern in seidenen Anzügen singen sie in englischer und tamilischer Sprache, auch deutsche Verszeilen streut der Sänger mit herzzerreißender Stimme ein: »Der Weg ist lang, der Weg ist schwer, und alles, was ich hab´, bist Du, oh Herr.« Für Konzerte weltlicher Art steht die Kirche trotz hervorragender Akustik und modernster Technik bis heute nicht zur Verfügung. Das »Christliche Zentrum Berlin« ist eine strenge Gemeinde, und die tamilischen Prediger müssen noch während des Gottesdienstes ihre Mitglieder daran erinnern, den Kindern in der Kirche kein Essen zu geben, die Toiletten sauber zu halten und »das Licht abzudrehen - Hallelujah-Hallelujah«.

Die Prediger der Neuzeit stehen nicht mehr oben auf der Kanzel, sie reden auch nicht mit andächtiger Stimme. Sie werden laut und werden leise, ihre Rede kann zum schnellen Stakkato anschwellen und in beruhigendes Flüstern abgleiten. Sie laufen vor der Bühne auf und ab, die Mikrophone in der Hand... - es ist eine Art Wechselgesang, Englisch und Tamilisch. Auch die Redner des christlichen Zentrums setzen auf die Kraft des Auftritts, und es passiert, dass die Fangemeinde mit lauten Amen-Rufen ihren Prediger anspornt und laut applaudiert. Gegenüber, in der katholischen Gemeinde, ist es stiller. Kein Mensch wagt sich zu räuspern, wenn der Pfarrer das letzte Wort gesprochen hat. »Wir haben eine lebendige Kirche«, sagt Joanna. •


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