Kreuzberger Chronik
Juli 2014 - Ausgabe 160

Literatur

Überlebenslauf


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von Alf Trenk

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von Oskar Huth, herausgegeben von Alf Trenk

De Idee für eine kleine Druckerei hatt´ ich schon im Jahre neunzehnhundertvierzig, bevor überhaupt der erste Gestellungsbefehl kam. Ich hatte die Überlegung: Wenn ich mal aussteige, dann muss ich versuchen, für den Eigenbedarf mir diejenigen Papiere, die zur Existenz notwendig sind, selbst herzustellen.

Weil ich bei meinen Eltern in der Boxhagener Straße ja nichts machen konnte, aber begehrte, aus Hoffmannschen Erzählungen Verschiedenes in Kupfer zu stechen, hatte mir Käte damals angeboten, in ihrer Wohnung einen stillen Arbeitswinkel für mich einzurichten. Dort hatt´ ich dann mein handwerkliches Instrumentarium deponiert. Also die unmittelbaren Werkzeuge, die man für Hoch-, Tief- und Flachdruck braucht, mit Ausnahme der Presse und der photographischen Einrichtung.

Da hab ich auch mal die Erzählung »Ritter Gluck« in Kupfer gestochen. Das hab ich dann in die Boxhagener Straße zurückgetragen, und da ist es verbrannt. Mein ganzes handwerkliches Werkzeug war also noch in der Dillenburger Straße.

Ich habe nur Reisemarken gedruckt. Denn die normalen Lebensmittelkarten hatten ja den sogenannten »Stammabschnitt«, wo der Name und die Adresse draufstanden. Wenn man damit einkaufen wollte, mußte man auf Verlangen den Ausweis vorlegen.

Zuerst habe ich angefangen mit Fleisch und Brotmarken, aber es stellte sich ganz schnell heraus, dass das unsinnig war. Das Brot war zu sperrig, Fleisch hält sich nicht. Ich habe dann nur noch Buttermarken gedruckt, die ließen sich dann wieder tauschen.

Die Vorlagen für die ersten Marken habe ich von Bardewyck bekommen. Als wir bei Rupek saßen und ich ihm sagte, ich fahre jetzt selbstverständlich wieder nach Berlin zurück, da hatten wir eine Vereinbarung, uns einmal auf dem Bahnhof Savignyplatz zu treffen und einmal auf dem Anhalter Bahnhof. Das hat funktioniert.

Auf dem Savignyplatz haben wir uns auf dem Bahnsteig getroffen. Unten, am Westausgang, gab´s ein Café, da haben wir gesessen. Und ich hab noch im Sinn, dass er seine Reisemarken aufblätterte und uns was bestellte. Bei dieser Gelegenheit – er wusste ja, dass ich von jeder Versorgung abgeschnitten war – schenkte er mir vier Reise-Buttermarken. Diese Marken hab ich dann als Vorlagen benutzt. (...)

Ich habe bis zum Ende des Krieges von der Möglichkeit, mit der Butter Geschäfte zu machen, keinen Gebrauch gemacht. Nur fürs nackte Überleben.

Selber habe ich in dieser Zeit nur von Butter und Brot gelebt. Und hier und da, wo ich die Butter hinbrachte, merkte ich manchmal, da ist´n Stück Fleisch im Topf. Das kam bei mir in dieser ganzen Zeit drei Mal vor. •

Oskar Huth, Überlebenslauf, Merve Verlag, ISBN:

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