Kreuzberger Chronik
Juli 2014 - Ausgabe 160

Kanzlei Hilfreich

Streit auf der Yorckstraße


linie

von Kajo Frings

1pixgif
Der Anwalt Jens Hilfreich hat Überzeugungen und Idole. Eines seiner Vorbilder heißt Don Quichotte.

Jens Hilfreich war nicht der Größte, aber er liebte nichts so sehr wie den Kampf gegen Windmühlen. Angefangen hatte es an einem Abend in Barcelona, als ihn in der Calle Ferran ein rothaariger Ire an der Schulter streifte, der gerade aus einem Irish Pub geflogen kam. Der Werfer, ein bulliger Engländer, kam hinterher, das Ganze drohte auszuarten. Während der Ire begann, sich bis auf die Unterhose auszuziehen und »fight like a man« brüllte, kam ein auffallend kleiner Barmann aus dem Pub, stopfte sich das Spültuch in den Hosenbund, stellte sich zwischen die beiden Kampfhähne, steckte jedem einen Zeigefinger auf die Brust und sagte leise: »Stop and Go!« Die Streithähne zogen ab, Jens war beeindruckt. Seit diesem Tag fühlte er sich berufen, jedes Gemetzel im Keim zu ersticken.

Ob sich Betrunkene in der U-Bahn stritten oder 2 Möchtegern-Rockerbanden bei den Kreuzberger Festlichen Tagen aufeinander losmarschierten, immer ging er dazwischen. Und dann standen sich eines Mittags, Jens wollte gerade in die Kantine im Rathaus, auf dem Mittelstreifen der Yorckstraße vor dem Eingang des unterirdischen Klos zwei Männer drohend gegenüber, der eine hatte einen nietenbesetzten Ledergürtel, der andere ein Butterflymesser in der Hand. Was der Anlass des Streites war, blieb unklar. Jens hatte aber schon davon gehört, dass das »H« und das »D« auf den unterirdischen Toilettentüren schon lange nicht mehr für »Herren« und »Damen«, sondern eher für »Hardcore« und »Drogen« stand. Plötzlich hob einer der beiden Männer den Arm - und Jens griff ein. Irgendwie hielt er plötzlich das Butterflymesser in der Hand, ohne die geringste Ahnung, wie er damit umgehen sollte. Ein kurdischer Mandant, der gerade vorbeikam, nahm es ihm ab, klappte es fachgerecht zusammen und schob es ihm in die Jackentasche. Dann ertönten die Sirenen. Eine »Wanne« hielt, heraus kamen sechs Polizisten in Kampfuniform, sie liefen hintereinander auf dem 20-cm schmalen Stein, der den Mittelstreifen von der Fahrbahn trennte, alle hintereinander, jeder setzte Fuß vor Fuß. Und dann stoppte der erste, bückte sich und band sich die Schuhe. Es war ein ergreifender Anblick. Seine fünf Kollegen fielen über ihn und übereinander wie die Dominosteine, Reifen quietschten, Autos hupten.

Die beiden Kampfhähne starrten verdutzt auf die am Boden liegenden Polizisten. Der einzige, der die Contenance behielt, war Jens Hilfreich, der seinem Namen alle Ehre machte: »Meine Herren!« flüsterte er eindringlich: »Ich denke, jetzt ist für Sie beide die beste Gelegenheit, sich schleunigst zu verpissen.«

Jens ging zum Mittagessen ins Rathaus und summte noch im Fahrstuhl:»And the world will be better for this - that one man, scorned and covered with scars -still strove with his last ounce of courage - to reach the unreachable star.«•




zurück zum Inhalt
© Außenseiter-Verlag 2019, Berlin-Kreuzberg