Kreuzberger Chronik
Februar 2014 - Ausgabe 155

Strassen, Häuser, Höfe

Die Nostitzstraße Nummer 33


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von Hans W. Korfmann

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Die Nummer 33 ist ein unscheinbares Haus, die Wohnungen sind klein, gemütlich, und vor Investoren sicher.


Gustav Ziemer war ein Spieler. Er würfelte nicht, er ging nicht ins Kasino, er setzte auf Pferde. Und er gewann. Jeden Freitag musste das »Hildchen«, die Tochter der Hauswartsfrau, im Wettbüro die Wettzettel abgeben. Wieviel Geld er mit seiner Kaffeerösterei verdiente, und wieviel an den Wochenendschichten in Hoppegarten und Mariendorf, das weiß heute niemand mehr genau. Sicher ist, dass er am 30. August 1919 so ziemlich alles auf eine Karte setzte, was er hatte. Und dass er auch dieses Mal wieder gewann.

In der vergilbten Urkunde heißt es: »Das Verfahren zum Zwecke der Zwangsverwaltung des in Berlin, Nostitzstraße 33 gelegenen, im Grundbuch von Berlin (...) auf den Namen des Kaufmanns Hugo Radlach eingetragenen Grundstücks wird aufgehoben, da beim heutigen Versteigerungstermin dem Geschäftsführer Gustav Ziemer, wohnhaft in der Annenstraße Nummer 8, der Zuschlag erteilt wurde.«

Der Spieler hatte sein gesammeltes Vermögen in das Haus des Kaufmanns Radlach investiert. Ein schmales Wohnhaus, bestehend aus einem kleinen Seitenflügel, einem lichtscheuen Hof und einem Vorderhaus mit je zwei Zweizimmerwohnungen und einer Kammer. Wer es einst baute, ist ungewiss. Die Akten längst nicht mehr vollständig. Sicher ist nur, dass auch dieses Haus eines der ersten in der Gegend war. Das älteste Haus der Straße, das Eckhaus ganz unten an der Bergmannstraße, wurde 1876 gebaut. Die Nummer 33, ein paar Meter weiter oben, folgte schon zwei Jahre später. Ganz oben, in der Fidicinstraße, entstanden die Häuser erst zur Jahrhundertwende.

Am 20. März 1890, so belegen es die Papiere in der Schublade, war das Haus gerade mal 12 Jahre alt, als Radlach eine erste, zeitgemäße Modernisierung im Seitenflügel anordnete. Die »Zeichnung zur Anlage von 2 Closetts und eines Corridors unter dem zweifenstrigen Zimmer in vier Stockwerken des Seitenflügels rechts (...) dem Herrn Justizbeamten T. Radlach gehörig«, ist akribisch und kunstvoll. Der »Architect und Maurermeister« F. Kallmann aus der Kreuzbergstraße 24 verzeichnete auf den Plänen die genaue Lage der neuen Wasserklosetts im Treppenhaus zwischen der ersten und der zweiten, sowie der dritten und der vierten Etage. Da die Räume des bescheidenen Hauses jedoch niedrig waren, ragten die Dächer der zwei stillen Örtchen jeweils etwa einen Meter aus dem Boden der darüber liegenden Küchen in der zweiten und vierten Etage heraus. Die Bewohner im vierten Stock wussten sich zu helfen, indem sie den quadratischen Eindringling in einen großen Küchentisch verwandelten, während die Mieter im zweiten Stock auf die Idee verfielen, eine Art Waschtisch mit integriertem Waschbecken daraus zu machen. Die Leitungen lagen ja schon dort. Weniger glücklich waren die Mieter der ersten und dritten Etage, bei denen nun ein quadratischer Kasten aus der Küchendecke ragte. Doch in Anbetracht des Emaille-Nachttopfes, mit dem sie bislang durch Haus und Hof spazieren mussten, um sich ihrer natürlichen Hinterlassenschaften zu entledigen, nahmen alle Mieter des Seitenflügels die aus ästhetischer Sicht wenig vorteilhaften baulichen Veränderungen gerne in Kauf. Bis heute erfreuen sich die über hundert Jahre alten Außentoiletten in der Nostitzstraße eines regen Betriebs, auch wenn die Keramik, wie die Hausbesitzerin weiß, »inzwischen natürlich schon viele Male ausgetauscht wurde.«

Auch die Wohnungen im Seitenflügel sind im Grunde unverändert, noch immer werden sie mit Kohlen beheizt, noch immer ist die Miete erschwinglich. Bescheiden ist die Haustür, schmal ist das steile Treppenhaus, die Hofeinfahrt ist so eng, dass keine noch so schmale Kutsche hindurchgepasst hätte. In der kleinen Remise stand nie ein Wagen, vielleicht, dass einmal ein dürrer Gaul dort angeleint war. Bald diente das kleine Häuschen als Kohlenkeller und Abstellraum, denn das Haus des Kaffeerösters Ziemer hatte keinen Keller.

Das Haus in der Nostitzstraße war kein Haus für Offiziere und feine Herrschaften. Die wohnten weiter oben, in der Friesenstraße oder der Belle Alliance, nicht weit von der Kaserne am Tempelhofer Feld. Es war »ein Haus für Kleine Leute«, für einfache Arbeiter und für alleinstehende Frauen. Im Hinterhaus, »drei Treppen«, das weiß Hildegard, die Tochter der Hauswartsfrau, auch heute noch ganz genau, da wohnte in den Zwanzigerjahren die Schneider zur Miete, und zwei Treppen wohnte Frau Steffen, die bei Osram arbeitete. Aber sie wohnten nicht allein, sie hatten ein Zimmer untervermietet. Auch im Vorderhaus wurden die kleinen, ofenlosen Kammern an Schlafburschen vermietet. »Schlafburschen«, so nannten sie die jungen Leute, die nach Berlin kamen, weil sie glaubten, hier ihr Glück zu machen, und die von früh morgens bis spät nachts arbeiteten und vor lauter Müdigkeit nicht mehr brauchten als ein Bett.

Auch in der zweiten Etage, bei Julchen Fischer aus Darmstadt, wohnte einer dieser Männer. »Ich musste immer für sie Einholen, dafür durfte ich dann ein bisschen Klavierspielen.« In der dritten Etage wohnten die Dahlkes. Da der Mann bei der BVG arbeitete, konnten sie irgendwann in eines der Genossenschaftshäuser in der Dudenstraße umziehen. Und in der vierten wohnte die Malschewski, auch so eine, die es vom Lande ins verführerische Berlin verschlagen hatte.

Im Grunde aber waren hier alle immer ganz glücklich und zufrieden. Auch der Justav, dieser Glückspilz, der alles auf eine Karte gesetzt und die Annenstraße verlassen hatte. Jetzt wohnte er in Parterre, im eigenen Haus. Nur sein Nachbar, der alte Krüger, hatte einfach kein Glück. Er war ein Spieler, so wie Gustaf Ziemer, aber er verlor. Eines Tages waren die Schulden so hoch, dass er sich aufhängte, da unten, im Erdgeschoss.

Die kleine Hildegard war damals keine zehn Jahre alt. Sie hat ihn dort hängen sehen. Erst lachte sie, dann erschrak sie. Eines Tages ist sie fortgezogen mit ihrer Familie, aber jetzt wohnt sie wieder in dem Haus in der Nostitzstraße. Die Bewohner der Nummer 33 sind alle alt geworden. »Deshalb will hier auch niemand raus. Ich ja auch nicht!« Das Mädchen, das damals die Wettzettel vom »Onkel Justav« über die Straße brachte, ist heute die Hausbesitzerin. Und sie ist jetzt 90 Jahre alt. Sie weiß, wovon sie spricht. Wenn die Makler anrufen und das Haus kaufen wollen, dann sagt sie: »Hier bin ich geboren, hier will ich sterben, und vorher will ich hundert werden.« Und wenn diese Aasgeier dann noch »weiterquasseln, dann werde ich impertinent. Und dann ist aber ganz schnell Ruhe!« •


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