Kreuzberger Chronik
Februar 2014 - Ausgabe 155

Geschichten & Geschichte

Von Waidmannslust zum Café Achteck


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von Werner von Westhafen

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Es war den Berlinern ein dringendes Bedürfnis, doch der Magistrat hatte schon damals kein Einsehen und kein Geld.


Als das noch immer im mittelalterlichen Dunkel existierende Berlin verstand, dass es auf dem besten Wege war, zu einer der Metropolen Europas zu werden, brannten in den Straßen Wiens, Paris oder Londons längst die Straßenlaternen. Und während in England oder Frankreich oder in Österreich das Wasser längst bis in den vierten Stock hinaufsprudelte und moderne Kanalisationen die Abwasser in die Donau, die Seine oder die Themse leiteten, kippte man in Berlin die menschlichen Bedürfnisse noch mit dem Eimer in die Spree, was ausländische Journalisten mit Spott und Häme beschrieben.

Selbst die Berliner Aristokratie war sich nicht zu vornehm, am Eingang zum Schloss eine Urintonne aufzustellen, damit die aufgeregten Gäste nicht die Gärten und Schlosswände besprengten. Später wurde über der Brücke zur Spree eine »Kommodität« installiert, die als erste öffentliche Toilette Berlins gelten dürfte und gleich in die darunter liegenden Wasser entleert wurde, obwohl das Entleeren von Eimern und sogar das Urinieren in die Spree seit dem großen Kurfürsten unter Strafe verboten worden war.

Abgesehen von dieser kleinen Bedürfnisanstalt am Schlossgraben aber mussten die Berliner ihre mitunter dringenden Bedürfnisse schnell und heimlich befriedigen, falls es sie außer Haus überkam. Jahre lang forderte die Polizei, die nächtens den Frauen mit Nachteimern nachstellte und von hinten an die heimlichen Pinkler herantrat, die Einrichtung öffentlicher Toiletten. Doch der Magistrat wollte dafür kein Geld ausgeben, und obwohl das Volk bereits laut flehte - Ach… macht uns doch für unsere Pinkelei, bitte einen Winkel frei! - dauerte es beinahe 30 Jahre, bis sich der Magistrat dazu entschloss, mit Paris oder London gleich zu ziehen. In den Fünfzigerjahren bot Ernst Litfass, der Berliner Werbekönig, an, 180 seiner Werbesäulen im Innern mit Pissoirs auszustatten, doch der Magistrat versäumte es, Wasserleitungen zu legen. Erst 1862 erklärte sich die Stadt bereit, auf den wachsenden Druck im Unterleib der Berliner zu reagieren und die Kosten für den Bau von 15 Bedürfnisanstalten zu übernehmen. Die erste von ihnen entstand in Kreuzberg, gegenüber des Anhalter Bahnhofs, wo inzwischen Besucher aus aller Welt eintrafen. Sie wurde, auch wenn sie nur zwei stehenden Männern Platz bot, von den Berlinern als wahre Erlösung von unendlichen Qualen gefeiert.

Foto: Dieter Peters
Vier Jahre später gab es 56 Bedürfnisanstalten in der Stadt, die meisten von ihnen im praktischen Achteckformat mit sieben Stehplätzen. Zwar gab man dem gusseisernen, waldgrün lackierten Modell der Firma Rössemann & Kühnemann den offiziellen Namen »Waidmannslust« mit auf den Weg, doch die poetisch veranlagten Berliner tauften das Bauwerk schnell auf jenen Namen, den es bis heute trägt und der über die Grenzen Berlins hinaus bekannt ist: Café Achteck.

Die geometrische Form ist das kunstvolle Produkt der Berliner Eisengießereien, die mit ihren Brücken und Bahnhöfen das Großstadtbild prägten, aber auch kunstvolle Maschinenteile und Ofenplatten herstellten. Einer dieser reich verzierten Ofenplatten war es, die als Vorlage für die acht gusseisernen Wände des Berliner Pissoirs diente.

Der Senat hatte geglaubt schon, seine Schuldigkeit getan zu haben, doch mit den ersten 56 Einrichtungen wuchs plötzlich auch das Bedürfnis nach der Bedürfnisbefriedigung: Es mussten weitere Unterstände aus schmuckvollen Eisenplatten zusammengestellt werden. Sie bekamen verglaste Fenster und trugen kleine Belüftungstürmchen auf den schmuckvollen Dächern. Die aufwendig verzierten Gebäude waren eine wahre Zierde, weshalb die Berliner zur Zeit des amtierenden Polizeipräsidenten von Madai das Café Achteck schnell mal in den »Madai Tempel« verwandelten. Vor dem Eingang saßen die Tempelwächter, achteten auf Ordnung und Hygiene, stellten eine Büchse mit Schlitz auf und nahmen Spenden im Empfang.

Während der männliche Teil der Berliner nun relativ gelassen durch die Stadt laufen konnte, war für die Frauen noch immer keine Lösung in Sicht. Sitzplätze waren eine Seltenheit, sie wurden »aus Sicherheits- und Schicklichkeitsgründen« anfangs nur in öffentlichen Gebäuden eingerichtet. 1879 aber gelang der emanzipatorische Durchbruch: Rudolph Protz erhielt die Genehmigung zur Errichtung von 24 hölzernen »Vollanstalten« mit je sechs Wasserklosetts, wobei je ein Sitzplatz, so die Auflage des Magistrats, kostenlos angeboten werden musste. Die Warteschlangen vor dem begehrten Sozialplatz sollen riesig gewesen sein. Eine der ersten eisernen Vollanstalten entstand in Kreuzberg unter der Hochbahn-Station am Schlesischen Tor. Das Bauwerk ist eines der schönsten Relikte der Berliner Bedürfnisarchitektur und steht heute unter Denkmalschutz.

Am Ende des Jahrhunderts bestätigt die Statistik auf Berlins Straßen 156 Pissoirs, davon »49 zweiständige und 104 siebenständige« , sowie einige Exoten mit bis zu 11 Plätzen und die eisernen Vollanstalten. Heute sind es keine 30 mehr. Die meisten von ihnen stehen in Kreuzberg, wo man sich traditionsgemäß gegen die Abrisskultur sträubt. Eines der wenigen Achtecke, das sich über hundert Jahre lang eines ständigen Besucherstromes erfreute und nie außer Funktion war, ist das Achteck am Chamissoplatz. Auch dieses Relikt steht inzwischen unter berechtigtem Denkmalschutz. •

Literaturnachweis: Hilmar Bärthel, Tempel aus Gusseisen, Berlinische Monatsschrift, November 2000


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