Kreuzberger Chronik
Februar 2014 - Ausgabe 155

Open Page

Als die Inge einen fahren ließ


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von Hermann Berndt

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Essen im 10. Stock, Bezirksamt Kreuzberg, und dieser Ausblick, unter einem liegt das Yorckschlösschen, direkt vor meinen Füßen, stolper fast drüber. Und da fällt mir Wolfgang Graetz ein, der im Yorckschlösschen gekocht hat, muss Anfang der Achtziger gewesen sein. Ein unruhiger Mensch, getrieben von der Hoffnung, ein Herz zu finden. Heute, 15 Jahre nach seinem Tod, weiß ich, dass er es nie finden konnte.

Er war immer irgendwo.....und dann wollte er auch gleich wieder weg. Diese Geschichte mit der Meisengeige, dieser Kneipe in der Goebenstraße, die er zusammen mit Robert Wolfgang Schnell aufgemacht und nach einem Jahr wieder weiterverkauft hat. Die beiden, Graetz und Schnell, waren gute Trinker. Aber jeden Tag hinterm Tresen, das war nicht ihre Sache. Schnell verstarb schon im April 1986, hat, so hoffe ich, seinen Frieden gefunden. Graetz starb 1999, einsam.

Sitze jetzt in einer Kneipe in der Gneisenaustraße. Da treff ich die, die ich schon seit Jahren kenne: Franky, Stübi, Ofencharly, Winni , Micha, der nie was sagt, nur dasitzt und kiekt, und nicht erst seit gestern. Auch Tenzer kommt dann und wann vorbei, bekannter Kreuzberger Maler und Trinker, und wenn der anfängt zu erzählen, dann kommste nicht mehr weg, dann musste dich übern Hinterausgang verpissen. Komisch, bei Tenzer fällt mir die Geschichte aus dem Leierkasten wieder ein: Tenzer war Drummer bei der White Eagle New Orleans Jazz-Band und spielte am Wochenende im Kasten. Einmal stürmte die Dicke Inge, die bis dahin den Eintritt kassierte, auf die Bühne und legte einen Boogie hin, sowas hatte es noch nie gegeben in Kreuzberg. Man muss wissen, die Dicke Inge hatte ein Lebendgewicht von ca. zweieinhalb Tonnen, und wenn die ihren Rock in die Höhe riss, kammen da unvorstellbare Gerüche hervor. Peter Müller, der Chef der Band, kam irgendwann runtergestürmt und sagte: Wenn Ihr dieses Mondkalb nicht von der Bühne holt, hören wir auf zu spielen. Wir kriegen da oben keine Luft mehr, diese Gerüche!

Zum Glück tauchte dann dieser Dussel vom Gewerbe-Außendienst auf und wollte die Hygienebedingungen überprüfen. Ich fragte: »Wie? Jetzt, um diese Zeit?« - »Ich kann kommen, wann ich will!« Als ich noch so zu mir selber sage, dass ich das auch gern täte, da war er schon Richtung Toiletten unterwegs. Ich rief: »Inge, hier ist einer, der findet den Leierkasten nicht hygienisch genug!« - Hab noch nie einen erlebt, der so schnell seine Plinsen eingepackt hat, nur ein fehlendes Handtuch auf der Damentoilette hat er moniert.

Die Dicke Inge, Mühlenhaupts Geliebte, hat ihren klaren Sieg mit einem großen Schluck Bier runtergespült und so einen fahren lassen, dass ich Peter Müller richtig gut verstehen konnte. •

Die »Open Page« ist eine journalistisch-literarische »Open Stage«. Eine offene Seite für alle, die etwas zu schreiben haben. Hier veröffentlichen wir Texte, die nicht ins Konzept passen, aber alle eines gemeinsam haben: Sie erzählen von Kreuzberg.


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