Kreuzberger Chronik
Dez. 2014/Jan. 2015 - Ausgabe 165

Kanzlei Hilfreich

Die Weihnachtsüberraschung


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von Kajo Frings

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Jens Hilfreich soll sich für zwei seiner Klienten mit der Firma Karstadt anlegen. Das macht er auch sehr gerne

Es war die Zeit, als das Wort »Merchandising« noch nicht geläufig war, aber alle Mädchen Stofffiguren aus der Hörspiel-Serie »Regina Regenbogen« haben wollten. Die Eltern von Lena staunten am Heiligen Abend nicht schlecht: Unter dem Weihnachtsbaum lag nicht nur die für teures Geld gekaufte »Regina Regenbogen«, sondern da lagen auch »Viola Veilchenscheu«, »Nina Nachtigall« und das Pferd »Sternschnuppe«; außerdem ein quietsch-bunter Plastikschulranzen mit den Bildern der »Farbenkinder«. Lena war sehr erfreut und bestand darauf, dass es sich wohl um Geschenke des Christkindes handeln müsse, schließlich habe auch ihre Freundin Jenny so viele Geschenke erhalten. Die Eltern von Jenny bestätigten: Auch ihre Tochter war vom Christkind reichlich mit Regenbogengeschöpfen beschenkt worden und außerdem im Besitz eines Kassenbons von Karstadt über 198 DM, 2 Schulranzen, 6 Stofftiere.

Also saßen nach Weihnachten 2 Väter in Hilfreichs Büro: Franz, Taxifahrer, Vater von Lena, sowie Klaus, Freiberufler, Vater von Jenny. Klaus pflegte einen etwas lässigen Umgang mit Quittungen; wenn Kunden ohne Quittung zahlten, steckte er die Einnahmen in die Hosentasche statt in die Firmenkasse. Jenny hatte den Begriff »Taschengeld« etwas eigenwillig ausgelegt, sich 200 DM aus seiner Hosentasche entnommen und war bei Karstadt am Hermannplatz einkaufen gewesen. Jens erklärte den Vätern, dass Kinder ab einem Alter von 7 Jahren frei über ihr »Taschengeld« verfügen dürfen, jedoch ohne Erlaubnis der Eltern keine anderen Gelder ausgeben könnten. Das Risiko trage dann derjenige, der den Kindern was verkaufe. Also forderten die Väter vom Anwalt einen bösen Brief an das Kaufhaus Karstadt.

Hilfreich, der von Kindererziehung mehr Ahnung hatte als Franz oder Klaus, ließ sich von den Vätern je eine Vollmacht sowie eine Kopie der Geburtsurkunde der Kinder geben und bat die Mädchen, am nächsten Tag mit den »Weihnachtsgeschenken« in seine Kanzlei zu kommen. Die Mädchen erschienen mit ihren Ranzen und Märchenfiguren und Jens fuhr mit ihnen zum Hermannplatz. In der Kundendienstabteilung legten sie die gesamte Bescherung auf den Tresen, und Jens sagte: »Der Vater von Jenny hätte gern das Geld zurück.«

Erwartungsgemäß sah Karstadt das nicht ohne weiteres ein, der Abteilungsleiter kam, der Justitiar kam, und Jens sagte zu den Mädchen: »Dann erzählt mal«. Wie zuvor in der Kanzlei besprochen, erzählte Jenny nun, wie das Geld aus Papas Tasche rausgekommen - nur nicht, wie es dort hineingekommen war.

Karstadt war die Sache peinlich, den Mädchen war es peinlich, Jens berechnete 170 DM, und alle lernten daraus. Nur nicht Klaus. Peinlich war es ihm trotzdem, und als er später wegen Steuerhinterziehung vor Gericht musste, nahm er sich einen anderen Anwalt.•


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