Kreuzberger Chronik
Dez. 2014/Jan. 2015 - Ausgabe 165

Geschäfte

Die Perlen von der Bergmannstraße


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von Ernst Niemann

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Der Mann, aus dessen grauem Weihnachtsmannbart der Regen in kleinen Perlen auf den alten Holzfußboden des Souterrains tropft, nimmt aufgeregt zwei Perlen aus dem Korb und läuft damit zur Kasse, wo ihn die blonde Verkäuferin mit einem Blick empfängt, in dem das nachsichtige Lächeln allmählich einer unverhohlenen Neugierde darauf Platz macht, mit welcher Frage dieser merkwürdige Exot nun kommen würde.

Er legt die Perlen, die gar nicht wie Perlen aussehen, sondern wie längliche Röhrchen, und die auch sonst, außer dem Loch, durch das man sie auffädeln und zu einer Kette aneinanderreihen könnte, nichts mit Perlen gemein haben, auf die Theke und fragt: »Sagen Sie, diese Steine hier, woher haben Sie die?«

Die blonde Verkäuferin, die ebenso gut hinter der Käsetheke bei Karstadt stehen könnte, sieht ihn verständnislos an und sagt: »Die haben wir gekauft.«

»Ok,« sagt der Kunde. »hätte ich mir denken können. Aber das sind Guelmim-Beads! Die hab ich Jahre lang gesucht.« Die Mimik der Verkäuferin verrät, dass er hier nicht einfach hereinstolpern und Fragen stellen kann wie ein Kommissar aus dem Tatort. Der Kunde versteht, dass er jetzt etwas erklären muss.

»Wissen Sie, wo ich diese Perlen zuletzt gesehen habe? In Marokko. Ok? 1972. Am Strand von Mirleft, weit im Süden, fast schon spanische Sahara, ein riesiger Strand vor einer hohen Felswand, und darüber segelten den ganzen Tag riesige weiße Vögel. Der Strand war voller Hippies, die den ganzen heißen Tag herumsaßen und Haschisch rauchten, und jeder hatte ein Lederband mit Guelmim-Beads ums Handgelenk. Man erzählte, dass die Beduinen früher nicht mit Münzen, sondern mit Beads bezahlt hätten, und so entstand ein lebhafter Handel, die Steine wurden gegen Haschisch, gegen Lederpantoffeln, Batikhemden und natürlich gegen andere Steine getauscht.«

Auf dem Gesicht der Verkäuferin weicht die Neugierde allmählich wieder der Nachsicht. »Das könnte schon sein, dass es die da gab. Mein Chef ist auch mal viel unterwegs gewesen. Jedenfalls hat er noch ein paar davon. Aber wo genau er die her hat? Da müssen Sie ihn schon selber fragen.«

»Ich dachte ja, das wäre hier wieder so eine von diesen Ketten, die jetzt alle in die Bergmannstraße wollen, um ihre 236. Filiale aufzumachen und den gleichen Schrott zu verkaufen, den es sowieso schon überall gibt.«

»Nein«, sagt die Blonde, »das ist der einzige Laden von uns. Und Perlen sammelt mein Chef schon seit über 20 Jahren. Sie können sich das ja mal ansehen, was er so alles gesammelt hat, wenn es Sie interessiert...«

»Ok!«, murmelt der Kunde und betritt den Nebenraum, in dem, in kleinen Schachteln und Körben, in allen möglichen Farben, Formen und Größen Tausende von Perlen glitzern. Perlen in allen möglichen geometrischen Formen, es gibt Kegel, Kuben, Kugeln, Röhren und Scheiben. Und Herzen. Herzen aus Marmorstein und Eisen, zerbrechliche Herzen und unverwüstliche, schwere Herzen und federleichte, Herzen aus Glas und Herzen aus Silber, blutrote und himmelblaue Herzen, gestreifte, gepunktete und gläserne Herzen. Es gibt aber auch Frösche, Katzen, Delphine, Schildkröten, Mäuse oder Vögel, die man sich ans Ohr hängen kann. Und es gibt leuchtend rote Kirschen, quietschgelbe Zitronen, rosafarbene Erdbeeren, orangefarbene Orangen und pfefferrote Pfefferschoten, sonnengelbe Kürbisse und gläserne Fliegenpilze, die man auf Nadeln fädeln und sich ins Haar oder die Nase oder die Lippen oder ins andere Ohr stecken kann.

Und es gibt Perlen für die Kleinen, die sehen aus wie die Bonbons in den Gläsern beim Bäcker, wie die Fruchtgummis im Edekaladen oder die Glasmurmeln, mit denen sie schon seit Jahrhunderten spielen. Und es gibt Perlen, die liegen einfach da wie Kiesel am Strand. Es gibt Perlen aus dem blinden, von wütenden Wellen rau gewordenem Glas grüner Bierflaschen, die durstige Seemänner nachts über Bord werfen. Es gibt Perlen aus Holz, Lava, Stein, Muscheln, Silber und Kunststoff. Doch es gibt nichts, was so schön ist wie die bunten Glasperlen in ihren kleinen Boxen. Nicht einmal das Meer hat so viele Schattierungen wie das Blau im Souterrain der Bergmannstraße, keine Wiese leuchtete so viel Grün, keine Blume lockt so rot.

Anna Prinzinger
Nach einer Stunde steht der bärtige Kunde wieder am Tresen bei der Blonden, vier von seinen Guelmim-Beads in der Hand: »Die kaufe ich. Auf dem Schild steht, das wären alte venezianische Glasperlen?«

»Mitte 19. Jahrhundert. Die werden auch nicht mehr hergestellt. Ich kann Ihnen mal ein Buch geben…«, sagt die Verkäuferin, die plötzlich gar nicht mehr hinter die Käsetheke von Karstadt passt, und schiebt dem Kunden einen Bildband hin.« - »Ok!«, sagt der Bärtige, und während immer mehr Menschen in das glitzernde Souterrain hinabsteigen - Schulmädchen, die ein Geburtstagsgeschenk für die Freundin suchen, erwachsene Männer, die schönen Frauen Schönes zu Weihnachten schenken möchten, grauhaarige Damen, die einmal indische Batikblusen und Lederbänder mit bunten Steinen am Handgelenk trugen - kehrt der Kunde weit zurück in die Vergangenheit, noch viel weiter als bis nach Mirleft, und liest, dass die venezianischen Perlen tatsächlich einmal für den Handel mit Afrika hergestellt wurden, und dass die Rezepte venezianischer Glasherstellung geheim gehalten und niemals schriftlich weitergereicht wurden, und dass den Glasperlenherstellern bei Verrat der Rezepturen die Todesstrafe drohte, und dass man sie auf die Insel Murano verbannte, damit sie nicht irgendwann samt ihren Geheimnissen in Richtung Afrika verschwänden. •




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