Kreuzberger Chronik
August 2014 - Ausgabe 161

Die Literatur

Oskar wandert


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von Hans Zischler

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Am Anfang der Illegalität hatte ich überhaupt keine Vorstellung, daß ich irgendeine Art von Widerstand ausüben oder in solchem Zusammenhang irgendjemand mal nützlich sein könnte. Ich hatt’ auch nicht die Vorstellung, durch Widerstand etwas am Getriebe ändern zu können. Am Anfang war die Vorstellung: »Ich werde mir selber helfen, solange ich kann.«

Oskar fabriziert Pässe und andere unentbehrliche amtliche Papiere, so für einen der Mitverschwörer des 20. Juli, den Offizier Ludwig von Hammerstein, dem er in autarker Ermächtigung die Stichworte für eine neue Vita und einen neuen Beruf verpasst. Man muss die bürokratische Verschrobenheit und die Deutschtümelei dieses Regimes nur ironisch zu lesen verstehen, um, wie Oskar, aus einem flüchtigen Offizier einen unbescholtenen Botaniker zu machen: Er hatte dann den schlauen Einfall, er sagte, wir machen Sie am besten zum Auslandsdeutschen, Sie sind irgendwo in Südamerika geboren, dann kennen Sie die deutschen Verhältnisse nicht so genau und außerdem haben solche Leute immer so ’n bisschen Sonderstatus.

Im Keller seines Mietshauses produziert er auf einer unter abenteuerlichen Umständen herbeigeschafften Druckmaschine Buttermarken. Seinen eigenen aufgefrischten Papieren zufolge ist er offiziell als wissenschaftlicher Zeichner am Botanischen Museum in Dahlem angestellt und als unabkömmlich eingestuft - ein Zustand, der so lange währt, wie er nicht von den unentwegt durch die Stadt streunenden »Kettenhunden« (Feldjägern) überprüft oder aus schierer Unachtsamkeit auffällig würde.

Einen Großteil der Zeit verbringt er damit, auf langen Wanderungen durch die Stadt an versteckt lebende Illegale Butter und Papiere zu verteilen. Die Empfänger seiner Gaben will er nie näher kennenlernen.

Er macht es sich zur festen Regel, alle Wege durch die Stadt zu Fuß zurückzulegen: In dieser Zeit habe ich mich niemals den öffentlichen Verkehrsmitteln überantwortet, diese sind so etwas wie der natürliche Feind des Großstadtindianers. Er braucht den Boden unter seinen Füßen, den Asphalt ebenso wie die vielen verschlungenen, bisweilen ländlich anmutenden Wege durch das ausgedehnte, unvermutet ins Grüne und in die Brache ausufernde Groß-Berlin. Und wie den festen Boden braucht er den freien Himmel über sich. In Bahn und Bus wird man im Zeitalter der Angst und des Misstrauens schnell auffällig und kann sich nur schwer entziehen.

Diese Angewohnheit, jegliches Verkehrsmittel zu meiden, hat er sich ein Leben lang bewahrt; so kam es nicht selten vor, dass er nächtens vom Zwiebelfisch am Savignyplatz nach Kreuzberg walzte.•

Hanns Zischler, »Berlin ist zu groß für Berlin«, 2014, Galiani Berlin,

Überlebenslauf - Oskar Huth


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von Alf Trenk

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Es war am ersten Mai 1945. Bis zum zweiten Mai wurde noch gekämpft in der Strecke von der Corneliusbrücke, Budapester Straße bis zur Uhlandstraße. Da stand noch SS in der Meinekestraße, und die Russen kamen vom Kurfürstendamm her. Dann wurden sie wieder zurückgedrängt, und die SS kam die Meinekestraße `rauf.

Im zweiten Hofeingang von Ilse Vogels Haus hatten die Panzergrenadiere etliche Tonnen Sprit gestapelt. Da ging eine russische Panzerfaust `rein und jetzt brannte alles hoch. Wir waren im Keller, und über uns brannte alles ab. Das Haus brach langsam zusammen.

Ilse zog ihre Zyankalikapseln `raus und sagte: »Hier kommen wir nicht weg. Eh´ das über uns einstürzt, machen wir´s lieber!«

Ich sagte: »Ilse, das lassen wir. Leben wir ein bisschen länger.«

Na ja, nun fiel das Haus langsam zusammen. Ich versuchte, die Leute zu beruhigen: »Soll es doch stürzen. Der Keller wird auf jeden Fall halten«. Aber die Beunruhigung war kolossal. Verschiedene wollten `raus.

Es war ein Mann im Keller, zu schätzen so um die Fünfzig. Ein widerwärtiger Nazi und Einpeitscher. Der saß im Rollstuhl, und den mussten wir ständig woanders hinschieben. Der machte nun den Vorschlag: Alle sollten sich weiße Armbinden umtun. Die würden schon die Schießerei einstellen, wenn wir durch das Kellerfenster auf die Straße stiegen.

Ich war dagegen und sagte: »Sobald hier jemand `raussteigt, kriegt der sofort Zunder von beiden Seiten!« Denn die schossen ja aufeinander. Die hätten dann zugleich den Kampf einstellen müssen, und das lag nicht in der Luft.

Aber dieser Kerl kommandierte und sagte zu einer Frau: »So, Sie nehmen jetzt Ihr Kleinkind auf den Arm und gehen `raus!«

Die Frau kam gerade so weit ´raus, dass der Hintern noch drin war – da patschte das schon, und da waren sie und ihr Kind tot. Wir haben sie dann an den Beinen zurückgezogen. Und dieser Wahnsinnskerl blieb weiter dabei: Das sei eben noch nicht deutlich genug gewesen. Wir müssten eine weiße Fahne nehmen und sie werden das Feuer einstellen. Wir können hier nicht verrecken, wir müssen raus! So…

Unter den Leuten im Keller war ein junger Franzose, der hier arbeitsverpflichtet war und den ganzen Wahnsinn spürte, auf die Befreiung hoffte. Der und ich, wir haben diesem Nazi eingeredet: Dahinten wär´ noch eine Tür offen. Wohin sie führt, das wollten wir jetzt mal ausprobieren. Er sollte mal mitkommen, die Sache überschauen.

Wir nahmen den also mit. Aber diese Tür, die schon heiß war – dahinter gab es nichts mehr. Da brannte es schon.

Da machten wir auf, und weg mit dem Stuhl.

Da war einer weniger da. - •

Oskar Huth, Überlebenslauf, Merve Verlag, ISBN: 978-3-88396-164-41, 13,00 €


Übermut im Untergrund


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von Ilse-Margret Vogel

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Die Dreizimmerwohnung war gemütlich, die Räume nicht groß und auf typische Art der deutschen Mittelschicht eingerichtet. Doch in einem Raum gab es eine Überraschung: Ein wunderschönes Klavichord.

Oskar ließ seine Hand liebevoll über den Deckel gleiten, der mit Intarsien aus Perlmutt und Elfenbein verziert war. »Auch selbstgemacht«, sagte er.

»Du hast es selbst gebaut?«

Oskar nickte. Er setzte sich und begann zu spielen. Aber im selben Augenblick wurde er vom Heulen der Sirenen unterbrochen. »Komm«, sagte er, »wir müssen in den Luftschutzkeller.«

»Du kannst gehen, wenn du willst«, sagte ich trotzig. »Du weißt, dass ich keinen Bunker betrete.«

»Aber du musst, Ilse, bitte! Ich muss mich dort bei den Hausbewohnern sehen lassen, um mich so normal wie möglich zu verhalten. Ich kann es mir nicht leisten, aufzufallen.«

Immer noch zögerte ich. »Außerdem«, sagte Oskar, »wirst du meinen Arbeitsraum sehen. Mein Laboratorium sozusagen – und mein Schlachtfeld«.

Das erregte meine Neugier und ich folgte ihm.

Oskar begrüßte die Menge im Keller mit einem gutgelaunten »Heil Hitler«, stellte mich als seine Kollegin Erika vor und sagte, während dieser lästigen Luftangriffe könne er endlich seine Arbeit an der Druckermaschine nachholen. Dabei öffnete er das Vorhängeschloss an der Tür eines Verschlages, der vom Hauptkeller abgeteilt war.

»Heute«, sagte er und hob die Stimme, so dass jeder ihn hören konnte, »drucke ich ein Merkblatt mit den Forschungsergebnissen meines Vorgesetzten, des Veterinärs Dr. Pfeffer. Es betrifft die sogenannte Feiertagskrankheit bei Pferden«.

Wir betraten den Verschlag. Noch wusste ich nicht, was ich von dem schweren Einrichtungsgegenstand in der Mitte des engen Raumes halten sollte, doch sofort führte Oskar ein weißes Blatt Papier ein und drückte auf einen Knopf. Das Ganze begann laut zu rattern, und im nächsten Moment zog er einen mit Buttermarken bedruckten Bogen heraus.

Er legte den Finger auf die Lippen, um mir zu bedeuten, ich solle schweigen. Doch das war überflüssig. Ich war sprachlos. Er fuhr fort, bis er ungefähr ein Dutzend Bogen bedruckt hatte. Dann hielt er die Maschine an. Schnell nahm er ein anderes Stück Papier, für diesen Zweck schon vorbereitet, trat aus dem Verschlag zu den Leuten.

Sie wurden gut unterhalten, als Oskar ihnen vorlas, was er vor-gab, gerade gedruckt zu haben: »Arbeitspferde, die an harte Arbeit gewöhnt sind, werden krank, wenn sie einige Zeit(...).«•

Vorabdruck aus »Übermut im Untergrund«, Hrsg. Jutta Hercher und Barbara Schieb,

Lukas Verlag Berlin, Oktober 2014, ISBN: 978-3-86732-157-0, 24,90 €


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