Kreuzberger Chronik
August 2014 - Ausgabe 161

Geschichten & Geschichte

Oskar kocht


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von Hartmut Topf

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Ist es gestattet, in die Erscheinung zu treten? So pflegte er sich anzukündigen, damals, als ich ihn kennenlernte, Ende der 50er Jahre in Berlin.

Der Gerichtsreporter Horst Cornelsen hatte ihn mitgebracht in unsere bunte Wohngemeinschaft. Der Rundfunkmann hatte an Oskar Huth einen Narren gefressen, weil er eine Wertmarke für eine BVG-Karte gefälscht hatte. Es war keine Wochenkarte, auch keine Monatskarte gewesen: Der Schalk hatte eine Drei-Wochen-Marke erfunden, war aufgefallen und vor den Kadi zitiert worden. Schließlich hatte sogar der Richter geschmunzelt, die Sache verlief glimpflich und führte zu wiederholten Begegnungen im Haus des Reporters, wo gern gut gekocht, gegessen und getrunken wurde.

Oskars Kochkünste waren berühmt, obwohl schon damals niemand mehr bezeugen konnte, je ein von Oskar gezaubertes Steak aus gutem, alten Packpapier gegessen zu haben. Das neuzeitliche braune Papier enthielt, so die Auskunft des Kochkünstlers, leider nicht mehr den echten Knochenleim. Von Oskars erhaltenen Rezepten habe ich nur die salzige Haferflockensuppe nachgekocht, mit Muskatnuss und eventuell einer kleinen Butterflocke. Immerhin, der Freund war unerschöpflich im Erfinden von Ausreden für geplatzte Gastmahle.

Was der Kochkünstler an einem Abend mit Freunden in meiner Bude servieren würde, blieb bis zum Ladenschluss Geheimnis. Ich kaufte in letzter Minute auf dem Wochenmarkt allerhand Zutaten, auf Verdacht und für alle Fälle. Die Gäste, ein halbes Dutzend, kamen erwartungsfroh gegen acht des Abends, der berühmte Koch aber war immer noch nicht da. Ich improvisierte dann selbst ein Abendessen, erst kurz vor Mitternacht klingelte das Telefon: Brüderchen, stell dir vor, ich repariere im Johannesstift in Spandau ein Klavier, oben im dritten Stock, und da haben sie mich eingeschlossen und vergessen. Soll ich jetzt noch kommen, was meinst du?

Für ein anderes Gastmahl im Haus unseres Freundes und Geigers Miguel Colom hatte Oskar in der Wohnung einer Freundin in Halensee etliche Töpfe und Pfannen vorbereitet, Salate und einen Braten. Ich hatte ihn nach einem Kneipenbesuch dort abgesetzt und versprochen, ihn am nächsten Tag mit meinem Auto abzuholen und die versprochenen Köstlichkeiten in die Winterfeldstrasse zu transportieren.

Doch ich kam vergebens, auf Klingeln und heftiges Klopfen reagierten nur irritierte Nachbarn. Also gab ich auf, kaufte eine Honigmelone und ging zu dem Freund, den Oskar einen spanischen Edelmann nannte. Nun ja, wir frühstückten ein wenig und gingen in die Nationalgalerie, um eine Ausstellung zu sehen. Später erhielten wir die Botschaft, dass unser Koch mitten in der Nacht von unvorstellbar heftigen Zahnschmerzen geweckt worden war, in seiner Not ein Taxi gerufen hatte, zu einer Pfarrersfamilie im Johannesstift gefahren war, die ihn auslösen musste. Als Gegenleistung, denn er entbehrte ja der Münze, wie er sagte, hatte er den Braten mitgenommen. Pfarrersleute haben ja öfter Gäste und können so etwas immer gebrauchen... . •


Oskar und das House On Fire


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von Heide Tomiak

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Oskar wurde mir vom Galeristen Jes Petersen im Zwiebelfisch vorgestellt. Er trug, was er eigentlich immer trug, Trenchcoat, Schiebermütze, Krawatte und eine ernste Miene zum verschmitzten Blick. Dazu passte sein Gentlemangebaren und dieses leichte Staunen im Auge. Er hatte seine ganz eigene Art, sich gewählt auszudrücken, bedächtig zwar, aber nicht nervtötend-bedächtig.

Oskar fand es toll, Korn wie Wasser trinken zu können. Bier war möglich, doch Korn war sein Frühstück, sein Mittag und sein Abendessen. Erfuhr ich alles gleich in der ersten Stunde, und von Jes wusste ich, dass Oskar die meisten dieser «Mahlzeiten« in der Petersengalerie zu sich nahm.

Wir drei amüsierten uns bombig! Mit Jes zu kichern war das Leichteste von der Welt, doch auch Oskar war in seinem Element. Es war derart perfekt, dass ich uns in London als House on Fire hätte bezeichnen können.

Auch die lustigste Kneipe muss einmal verlassen werden, doch kaum draußen, schlug Oskar einen Absacker im Hegel vor. Für Jes und mich wenig, für Oskar aber so vertraut, dass ihm das Bier entgegengetragen wurde. Von einem Fan, der sich brennend für sein bewegtes Widerstandsleben interessierte, sich dann aber erst mal artig zurückzog. Oskar dankte und setzte sich gut gelaunt ans Klavier. Nachdem er es gestimmt hatte, legte er los. Das Spiel gefiel, und Ludschinka, die etwas rundliche, russische Wirtin, blickte wohlwollend in die Runde. Abrupt stoppte Oskar sein Spiel, trank das nächste Bier, um sich dann erneut ans Klavier zu setzen!

Aber da nahte Ludschinka von hinten und schmiss ihm den Deckel vor der Nase zu. Jetzt blickte sie nicht mehr wohlwollend in die Runde, sondern böse auf Oskar. »Hin und her geht nicht!«, keifte sie lautstark. Ich fand das fies und überlegte mir, wie man diese Frau, die es wagte, unseren Helden zu demütigen, bestrafen könne. Da fing Jes schallend an zu lachen, auch Oskar lachte und am Ende lachte das ganze House on Fire.

Ach die beiden waren schon süß zusammen, die reine Innig- und Einigkeit! Ob sie schon damals über die Stradivari sprachen, die Oskar Jes fünf Jahre später hinterlassen würde?

Jes hat sie mir später mal gezeigt und gestanden, dass es Zeiten gab, in denen er sie für »möglicherweise echt« gehalten hatte. Ich musste lachen, denn so viel Optimismus hätte ich ihm nun doch nicht zugetraut. Er lachte auch, trotzdem denke ich, er hätte sie gern auch weiterhin für »möglicherweise echt« gehalten. Nur leider konnte er‘s nicht lassen, sie einem Experten zu zeigen.

Dabei hätte gerade er doch wissen müssen, dass ein Überlebenskünstler wie Oskar auch ein begnadetes Schlitzohr sein musste.

Aber solange das Schlitzohr so ein liebenswürdiges Wesen und einen so edlen Charakter vorweisen kann, ist die Welt wohl noch in Ordnung. •


Oskar und die Kammerschönheit


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von Alf Trenk

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Oskar Huth verstand sich auf das Erzählen verwickelter und skurriler Geschichten. Zuweilen lieferte er selbst Stoff für eine solche. Als wir, Anfang der 60er Jahre, nach dem Herumstöbern bei einem Trödler schon wieder im Wagen saßen, hörte ich ihn etwas murmeln, was mich hellhörig machte. Er wolle Caspar Hauser heißen, wenn das eben keine Bergonzi gewesen sei.

»Bergonzi?« fragte ich. – »Ein Schüler Stradivaris, Ende 17. Jahrhundert!« – »Du bist dir sicher?« – »Unbedingt!« – »Ganz sicher?« – »Unbedingt!« – »Dann kehren wir um und kaufen sie.« Der Mann werde Verdacht schöpfen, sorgte sich Oskar. Er müsse ihm ja keine Vorlesung über Bergonzi halten, empfahl ich. Tatsächlich war der Trödler froh, die vergammelte Fiedel loszuwerden. Für fünfunddreißig Mark gehörte sie uns.

In der Folgezeit erfuhr mein Wissen über Geigenbau ungeahnten Zuwachs. Oskar wurde nicht müde, zu demonstrieren, daß sämtliche Details unserer Erwerbung sein Urteil bestätigten. Übrigens tat das, wie ich beim Hineinleuchten feststellte, auch ein Schild im Bauch der Antiquität: » Michel Angelo Bergonzi - Figlio di Carlo - fece in Cremona - l’anno 1755 »

Da stand es, schwarz auf vergilbtem Grund! Dem Verkauf stand nichts mehr im Wege, wir würden im Geld schwimmen. Oskar lächelte dünn, als ich ihm meine Entdeckung zeigte. Solche Dinger klebten in jeder um 1900 gefertigten Geige, für die Echtheit der unseren spreche jedoch ihre Bauart. Um sie zu veräußern, bräuchten wir die Expertise eines anerkannten Gutachters … Diese Leute seien durch die Bank ignorante, korrupte Scharlatane. Vor meinem geistigen Auge entstand eine Szenerie dunkler Gestalten, die in Hinterzimmern dubiose Geschäfte tätigten. Oskar schien das Problem zu ignorieren. Vorerst gelte es, Lack und Bespannung zu erneuern.

Die Ausführung dieses Plans zog sich hin. Oskars »Alltagslage« (seine Metapher für die Folgen nächtlichen Kunsttrinkens) widerstand hartnäckig allen guten Vorsätzen. Doch eines Tages erschien er mit Saiten, Geigenlack und Pinsel, und ging ans Werk.

Ich schöpfte Hoffnung. Womöglich hatte er im Hinterkopf schon einen Plan für das Gutachten? Beim nächsten Treffen wollte ich das Gespräch darauf lenken, doch er wich aus und enthüllte stattdessen ein neues Problem: Bewährt sich die Bergonzi im Konzertsaal oder ist sie nur eine Kammerschönheit? Er fügte hinzu: Dann sei sie nichts für einen Orchestermusiker, wohl aber ein attraktives Sammlerobjekt.

»Und wie finden wir das heraus?« »Wir bitten einen unserer Freunde von den Symphonikern, sie zu spielen. Am besten in der Philharmonie.« Der Musiker sagte auch bereitwillig zu, kam aber nie. Schließlich erbarmte sich ein Berufsfiedler aus dem Dunstkreis der Nulpe. Ort der Hörprobe war ein Gemeindesaal.

Unser Geiger strich die Saiten, während Oskar fortwährend den Platz wechselte und den Ton aus allen Richtungen prüfte. Nachdem er das Manöver wiederholt hatte, äußerte er Zweifel an der Eignung der Räumlichkeit. Mir dünkte, er hatte sich längst für die »Kammerschönheit« entschieden.

In den folgenden Jahren wanderte die Geige durch viele Hände. Darunter auch solche von Leuten mit Fachwissen. Sie bestritten dreist, eine Bergonzi vor sich zu haben, was sie in Oskars Augen als Mitglieder der Geigenmafia auswies. In der Szene sprach sich die Sache herum, angereichert mit den üblichen abenteuerlichen Ausschmückungen. Die Künstlerkneipenrunden hatten ihren Spaß mit Oskar, wenn er bei der scheinheiligen Frage nach dem Stand der Dinge unbeugsam auf die Urheberschaft Bergonzis pochte und seinen Bannstrahl gegen die Geigenmafia schleuderte.

Umso mehr verblüffte es mich, als er sich plötzlich entschloß, das Instrument noch einmal gründlich aufzuarbeiten. Danach, prophezeite er, würde dessen Echtheit jedem ins Auge springen. Valeria, eine Freundin von uns, habe ihm angeboten, bei ihr zu arbeiten. Sie war Restauratorin im Schloß. Dort habe er die nötige Ruhe und Inspiration. Mir war es recht, seit der ersten eiligen Verschönerung hatte der Zahn der Zeit einige Spuren an Bergonzis Werk hinterlassen.

Die feudale Atmosphäre steigerte Oskars Engagement merklich. Alle paar Wochen berichtete er von jüngsten Fortschritten. Den alten Lack habe er abgetragen, die Bespannung völlig erneuert, zahlreiche Korrekturen vollzogen. Er untermauerte seinen Bericht mit detailgenauen Schilderungen, denen ich ebenso fasziniert wie verständnislos lauschte.

Es leuchtete ein, daß solch umfangreiche Restauration einen angemessenen Zeitraum beanspruchen würde. Es verging ein Monat, ein Viertel, ein halbes Jahr. Eines Tages erschien er wie gewöhnlich, doch mit seltsam verschmitzter Miene: »Brüderchen, deine Geige ist fertig!«

»Unsere«, verbesserte ich ihn. »Wo ist sie denn?« – »Im Schloß. Bei Valeria.« – »Können wir sie holen?« – »Valeria wird nicht mehr da sein.« – »Rufen wir sie an!« Das habe er gerade getan, aber es habe niemand abgehoben. Ich war dafür, es nochmals zu versuchen. Valeria meldete sich sofort und freute sich, uns zu sehen.

Es dämmerte schon, wir tranken Tee in ihrem Arbeitsraum, umgeben von alten Bildern, Goldrahmen, Farbpaletten und einem summenden Samovar, während draußen die Sonne hinter den Parkbäumen versank. Wir kamen ins Plaudern, vergaßen die Zeit, bis uns der Schlag einer Pendeluhr aufschreckte. Ja also, die Geige!!

»Hol sie mal runter, Oskar,« sagte Valeria und wies auf das oberste Brett eines mit Büchern, Farben, Leinwandresten und Papieren vollgestopften Regals. Es war gut vier Meter hoch. Oskar brauchte eine Leiter, um den Kasten zu bergen. Vollführte er jedesmal, wenn er kam und ging, dieses Akrobatenstück? Er verabschiedete sich mit einem Handkuß von unserer Freundin, wollte den Kasten unter den Arm klemmen und gehen.

»Laß sie mich wenigstens mal kurz anschauen«, bat ich, »das ist ja ein großer Moment!« Ich öffnete den Kasten. Die Geige lag darin, so wie Oskar sie vor einem Jahr mitgenommen hatte, abgegriffen, angestaubt, mit zersprungenen Saiten. Ich war perplex: »Du hast ja nichts daran gemacht!« Oskar schwieg, und Valeria sah ihn verwundert an: »Hattest du wirklich vor, sie zu restaurieren?« Auf dem Rückweg durch die stille Schloßstraße bemühte ich mich vergeblich, das Schweigen zu durchbrechen. Ich wußte: Wenn er meinte, sein Gesicht verloren zu haben, ging er auf Tauchstation. So war es auch diesmal. Über ein Jahr mied er sorgfältig unsere Kreise. Als wir uns dann wiedersahen, war alles wie gewöhnlich. Nur das Wort »Bergonzi« fiel nie wieder zwischen uns.•


Oskar hat ein Loch im Kinn


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von Olaf Durkamp

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Es war eine dieser Feten, die mehrere Tage dauerten, und Oskar Huth war einer von jenen, die auch drei Tage lang blieben. Er blieb eigentlich »immer so lange, bis nichts mehr zu essen oder zu trinken da war«.

Es war der dritte Tag einer dieser Feten, und es waren kaum noch Gäste da, als Oskar Huth plötzlich verwirrt im Raum stand. Er sah nicht gut aus: Der Mann, der stets auf seine korrekte Kleidung achtete und nie ohne den korrekt gebundenen Schlips auf die Straße trat, hatte die Krawatte gelockert, der Hals und sein Hemd waren von Rotwein besudelt. Obwohl Oskar Huth eigentlich nur Schnaps trank.

Als der Gastgeber näher trat, sah er, dass es nicht Rotwein war, der Hemd und Kragen verfärbte, sondern Blut. Oskar Huth, der standfeste Trinker, taumelte und murmelte, er habe sich doch sonst nie geprügelt, er sei doch kein Unhold, er verstehe das nicht. Bei näherer Betrachtung stellte sich heraus, dass er ein großes Loch im Kinn hatte. Offensichtlich war er im Flur gestolpert und hatte sich einen alten Nagel ins Kinn gerammt, der als Kleiderhaken in der Wand steckte.

»Oskar, du hast ein Loch im Hals!«

»Ach, Brüderchen, das kann doch nicht sein...«

Sie setzten ihn in einen Sessel und gaben ihm erst mal einen Schnaps. Aber die Hälfte des Schnapses lief aus dem Loch wieder raus. Dann riefen sie den »Sonntagsrussen« an. Der Sonntagsrusse war ein entfernter Bekannter, der Balalaika spielte und Russisch lernte, damit sich sein Spiel möglichst authentisch anhörte. Außerdem war er Arzt. Aber der Arzt hatte keine Lust, mitten in der Nacht einen Trinker zu verarzten. Auch Gauger, der Lebensgefährte der Nulpenwirtin, wollte sich nachts um zwei nicht an den hippokratischen Eid erinnern und riet den Freunden, ins Krankenhaus zu fahren.

Endlich erklärte sich der Mann von Valeria bereit, einen Blick auf Huth zu werfen. Sie legten den Verletzten auf den Schultheisstisch, auf dem noch der Kartoffelsalat und die Würstchen standen, der Arzt öffnete sein Köfferchen, reinigte die Wunde und sagte: »Also, Oskar, das muss ordentlich genäht werden, du musst ins Krankenhaus.«

Oskar wehrte sich mit Händen und Füßen. Er wollte auf keinen Fall ins Krankenhaus. Da goss ihm der Gastgeber ein weiteres Glas Schnaps ein, und als Oskar trank und wieder die Hälfte des Schnapses durch das Loch tropfte, sagte er: »Du, Oskar, der ganze Schnaps läuft raus aus dem Loch. Du wirst nie wieder betrunken sein, wenn du dich so anstellst und das nicht ordentlich nähen lässt.«

»Meinst du wirklich, Brüderchen?« Einen kleinen Moment zögerte er noch, dann ließ er sich widerstandslos ins Krankenhaus transportieren. Die Freunde legten sich schlafen und glaubten, eine Weile auf Oskar verzichten zu müssen. Aber am nächsten Morgen klopfte es an der Tür: »Brüderchen, eine kleine Erfrischung würde mir gut tun!«

Die Sache war ihm so peinlich, dass er von allen Zeugen ein Schweigegelübde verlangte und sich zum Menjoubärtchen noch einen Gamsbart wachsen ließ , um den Beweis des Fehltritts zu verbergen. •


Oskar und die Beerdigung


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Autor unbekannt

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von Harboe Mini Tode

Aus dem fast undurchdringbaren Nebel der Erinnerung an Vorvorgestern, auf der Suche nach einer - oder waren es zwei oder gar drei Begegnungen mit diesem Oskar Huth, eine kleine Geschichte zu machen, fällt einem so viele Jahre danach (auch nicht nüchtern) nicht leicht.

War es bei einer Freundin, zu der er kam, um zu stimmen - wobei der Beo ständig zwischendurch die Klaviertöne, das Telefon oder die Türklingel nachahmte - oder war es doch im Zwiebelfisch bei irgendeinem Treffen »danach«? Und wer mit wem und wieso und warum überhaupt? Nebel...

Obwohl er, so glaube ich mich zu erinnern, nie im Mittelpunkt stehen wollte, was ihn wohl auch so sympathisch machte, versammelte sich groß und klein um ihn, um seinen in einer trockenen, leicht stockenden, nie nüchternen Art und Weise vorgetragenen Geschichten zu lauschen, ja, andächtig zuzuhören. Dies hier ist eine dieser Geschichten, möglicherweise eine nicht nüchtern zu lesende:

Am 19. April 1977 starb Günter Bruno Fuchs und wurde auf dem Friedhof am Columbiadamm bestattet. Oskar Huth, besser Hütchen, machte sich, da er Beerdigungen nicht mochte, leicht widerwillig, wie er selbst erzählte, auf den Weg, um an der Beisetzung seines Freundes teilzunehmen.

Seit Jahrzehnten gab es und gibt es immer noch einen Imbiss gleich am Anfang der Dudenstraße direkt neben der Haltestelle des 104ers, in dem sich in den Siebzigern und in den Achtzigern Trinker aller Couleur festsetzten, um ihre Brat- oder Currywurst, ihre Pommes mit Mayo oder ihre halben Hähnchen zu verspeisen und, selbstverständlich, dazu Bier und Schnäpschen in allen Mengen und Variationen zu trinken. Auch ein Käffchen war wohl möglich.

Wenn ich mich recht erinnere, war Oskar, wie er es selbst erzählte, mit dem 19er, der jetzt der 119er ist, an jenem Tag aus der Innenstadt gekommen und am Mehringdamm, Ecke Dudenstraße, wo es damals noch eine Haltestelle gab, ausgestiegen, um Richtung Friedhof zu gehen oder zu fahren und stellte nun fest, dass er ja »noch etwas Zeit« hätte.

Da ihm kalt war und ihm »eine kleine Stärkung für das traurige Ereignis« wahrscheinlich guttun würde, entschloss er sich, bei dem besagten Imbiss einzukehren, um einen, natürlich wie immer, mit der Kaffeebohne zu trinken – von dem andere sagen, dass er auch den Morgenkaffee ersetzt...

Wie viele davon er an diesem Tag trank, ist unbekannt. Ebenso unbekannt ist, wie lange er dort war und worüber er mit den dort Ansässigen sprach, wie auch, ob seine Trauer sich an diesem Tag noch relativierte.

Auf der Beerdigung jedenfalls war er nicht mehr erschienen, und somit hatte er sich auf seine ganz besondere Art und Weise von seinem guten alten Freund verabschiedet. •


Oskar und das Klavier


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von Olaf Durkamp

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Bei Herbert Dahl am Ku´damm traf sich einmal im Monat die Kreuzberger Boheme zum Jour Fix, unter ihnen auch Oskar Huth. Als der reiche Mäzen aus Charlottenburg eines Tages die große Wohnung aufgab, wusste man nicht, wohin mit seinem Flügel. Oskar Huth, der Sohn des Klavierbauers, witterte ein Geschäft, erzählte im Zwiebelfisch so lange und so begeistert von einem wunderbaren Konzertflügel, bis der Wirt beschloss, das gute Stück zu kaufen. Oskar versprach, ihn gewissenhaft zu restaurieren, dann sollte das gute Stück weiter verkauft und der Gewinn brüderlich geteilt werden. Zu diesem Zweck brachte man das Instrument zunächst einmal in die Werkstatt eines Klavierbauers in der Zossener Straße. Doch Oskar Huth war ein vielbeschäftigter Mann, auf der glänzenden Schellackpolitur ließ sich eine dicke Staubschicht nieder, bis Huth eines Tages zu seinem Klavierbauer sagte: »Ich komme nicht dazu, Brüderchen, ich habe so viel zu tun... Könntest du vielleicht mal...« - Der Kollege konnte, »na selbstverständlich.«

Nun handelte Huth aber nicht nur mit Flügeln, sondern auch mit Bildern. Eines dieser Bilder - das Aquarell einer Musikergruppe aus dem Pinsel Oskar Huths persönlich - gefiel dem Klavierbauer so gut, dass er Oskar Huth nach dem Preis fragte. »Naja, Brüderchen, also für dich...« Am Ende einigte man sich auf 3500 Mark und beschloss, es rahmen zu lassen. Oskar bot sich an, diese Arbeit selbst zu übernehmen, aber es vergingen Monate, ohne dass etwas geschah. Bis der Klavierbauer mit schwarzer Farbe der Einfachheit halber einen Rahmen um das Bild an die Wand malte. Dabei kleckste allerdings etwas Farbe auf das Bild. Als Oskar Huth sein Bild wiedersah, schlug er erschüttert die Hände über dem Kopf zusammen: »Brüderchen, was hast du gemacht! Das muss ich unbedingt sofort restaurieren.«

Also holte sich Huth die Musikergruppe eines Tages wieder ab. Wieder verging viel Zeit, bis der neue Eigentümer des Bildes sich nach dem Fortschritt der Restaurationsarbeiten erkundigte. Doch Huth war ein vielbeschäftigter Mann, das Bild noch immer nicht fertig.

Eines Tages aber erzählte ein Freund dem Klavierbauer, dass er besagtes Aquarell in der Wohnung einer gewissen Margret Hoffmeister gesehen habe. Die Bekannte hatte es als Pfand erhalten, als Oskar Huth dringend eine größere Summe Geldes benötigte. Allerdings hatte er das Bild unter irgendeinem Vorwand schon bald wieder abgeholt. Monate später tauchten die Musiker, nach unzähligen Stationen in halb Berlin, dann in der Galerie Jes Petersen auf, schräg gegenüber von Huths Wohnung. Bis sich die Spur irgendwann ganz verlor.

Als der Kollege aus der Zossener Straße seinen alten Freund nach dem Verbleib des Bildes fragte, antwortete der ohne viel Umschweife und mit reinstem Gewissen: »Ja aber, Brüderchen, aber du hast doch meinen Flügel als Pfand!« - Dass der zumindest zur Hälfte dem Wirt vom Zwiebelfisch gehörte, war ein zu vernachlässigendes Detail. Und dass der Wirt bis zum heutigen Tag auf seinen Flügel wartet, damit hatte der Oskar Huth nun tatsächlich nicht rechnen können. •


Zwei Nachrufe


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von Renate Moser & Hartmut Volmerhaus

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Hartmut Volmerhaus und Renate Moser

Februar 2007 im Zwiebelfisch. Ein Ehepaar, so um achtzig, und zwei Mädchen, vielleicht so acht und zehn Jahre alt, stehen vor der Tür, diskutierend. Er kommt herein: »Verzeihen Sie die vielleicht eigentümliche Frage, aber man hat gesagt, hier hinge ein Foto von Oskar Huth?!«

»Wenn Sie mal schauen möchten: Da, da, da, und dort…«

»Dürfen wir hereinkommen?«

»Jederzeit, bitte sehr!« - Er winkt. Er erklärt, da, da, da, da, da und dort… - Sie entscheidet sich für das Doppelporträt, links Oskar Huth, rechts Paul Gehring.

Sie nimmt die Mädchen bei der Hand, zeigt dann auf das Bild: »The left man has saved the life of your granduncles!«

Es war Frau Zorn, die Schwester der Hitlerattentäter Ludwig und Kunrat von Hammerstein. Oskar hatte deren Papiere gefälscht. Sie überlebten. Frau Zorn gab ihrer Familiengeschichte ein Gesicht. Das Gesicht des Retters und Fälschers. Sechzehn Jahre nach Oskar Huths Tod. Respekt! • Hartmut Volmerhaus

Juli 2014: Hütchen lebte nach dem Brahms´schen Motto: Einsam aber frei. So ist er auch seinem Väterchen die von diesem des öfteren eingeforderten Enkelkinder schuldig geblieben. Obwohl es ihm an Freunden und Verehrerinnen nicht mangelte, bei denen er nach Belieben in Erscheinung treten konnte, um sie mit seiner Sprachakrobatik zu erfreuen und gelegentlich zu erfrischen. (...)

Husch trat er auf, husch war er wieder weg. So ist er auch davongegangen, ohne Abschied. Während eines Mittagsschläfchens bei Freunden. Vielleicht hat er den »Vater aller Dinge« gefunden, den er oft erwähnte. Oder er sitzt wie der Engel Alois auf seiner Wolke und sehnt sich nach einer doppelten irdischen Verklärung. Wir erwarten ihn täglich. • Renate Michal Moser


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