Kreuzberger Chronik
April 2014 - Ausgabe 157

Geschichten & Geschichte

Die Kneipen der alten Zeiten


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von Werner von Westhafen

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Kürzlich feierte ein Stadtmagazin die Renaissance der Eckkneipe.mDoch geblieben sind nur Fassaden.


Nach dem Krieg, als die Bergmannstraße noch eine Trödelmeile in der Nähe des ehemaligen Schwarzmarktes am Viktoriapark war, gab es nur zwei Lokale: Das eine war die Molle mit dem Flipper, der Musicbox und der Putzfrau, die gegen 6 Uhr morgens auftauchte und zwischen den Beinen den betrunkenen Gäste mit dem Aufnehmer durchging. Das andere war die ehemalige Rheingauer Weinstube an der Ecke zur Nostitzstraße. In diesen Kneipen saßen ganz gewöhnliche Leute und lebten ein ganz gewöhnliches Leben. Die Kneipen der alten Zeiten gehörten zum Alltag wie der Kohlenhändler und der Gemüseladen. Geöffnet wurde nicht erst abends, sondern gleich früh morgens. Denn wer »ausging«, der ging zum Tanzen in die Festsäle, nicht in Bier- oder Weinlokale, Destillen oder Schmale Handtücher. Die Gäste waren keine Fremden, sondern immer dieselben, ebenso wie die Gespräche.

Auch in der Cuvrystraße, in der Gertrud Valentins Eltern 1918 eine Kneipe übernahmen, saßen die ganz normalen Leute, »fast alle kannten sich.« Nur ab und zu kam ein neuer Gast. Gefiel es ihm, blieb er treu, gefiel es ihm nicht, kam er nie wieder. So wie der eitle Dicke, der stolz erzählte, dass er schon 52 Jahre alt sei. »Na, viel älter sehen Sie auch nicht aus!«, antwortete die Wirtin. Der Gast kam nie wieder.

Die meisten kamen wieder, und sie kamen jeden Tag. So wie die Lüdemanns, die saßen jeden Abend bis nachts um drei. Nach der Arbeit schliefen sie ein Stündchen oder zwei, und um halb elf »kreuzten sie dann« auf. »Eine Molle, ein Korn, sie hielt immer mit, und dann konnte es so spät werden, wie es wollte.« Die Kinder des Wirts mochten das Ehepaar nicht sonderlich. Besonders im Winter, wenn sie auf ihrem Stammplatz neben dem Ofen bestanden. Höflich standen die Kinder auf und sagten ihr Sprüchlein: »Bitte nehmen Sie doch Platz, hier ist es schön warm!« Aber am liebsten hätten sie die Lüdemanns »beim Kanthaken genommen und rausgeschmissen.«

Oft wurde es drei, bis der Vater Feierabend machen konnte. Wenn es ganz spät wurde, ging die Mutter noch einmal runter, um nach dem Rechten zu sehen, und dann saß da der Vater auf seinem Hocker hinterm Tresen und aß Obst. »Am schlimmsten war es, wenn es Äpfel gab. Die schälte er ab, der alte Hocker quietschte und knarrte, und er knispelte, knackte und kaute auf den Äpfeln herum, so recht gemütlich.« Und Mutter konnte kein »Auge zumachen.«

Was ungemütlich war, denn sie stand morgens so früh auf wie die Bauern. Um halb sieben spätestens machte sie auf, denn dann kamen die Arbeiter, die an der Stadt bauten, und holten sich »ein paar Kästen Bier – sauber auf einen Metallring gefädelt, immer 30 Stück!« Sie hätten auch in die Großdestille, ein paar Häuser weiter, gehen können. Aber da »sind die Gäste nüchtern hineingegangen und ne halbe Stunde später rausgetorkelt. Es muss dort ein fürchterlicher Fusel gewesen sein...«

Waren die Arbeiter weg, kamen die üblichen Vormittagsgäste: der Schutzmann, der Verkäufer auf dem Weg zur Arbeit, oder der Postbote, der schon mal die nicht ausgetragene Post »im Tischkasten im Vereinszimmer versteckte«, um sie dann am nächsten Tag auszutragen. Immer wieder kam es vor, dass Gäste »hängen blieben« und dann in aller Eile aufbrechen mussten.

Auch die Kassierer der GASAG kamen auf ihrer täglichen Tour in vorbei, und »Karlchen« Pieper von der BEWAG. Während die anderen mit einem Korn und einer Molle den Tag begannen, trank der brave BEWAG-Kassierer seinen Kaffee, frühstückte und ging dann weiter auf Tour, wie er immer sagte. »Einmal aber hat er doch mitgehalten« mit den Trinkern, »allerdings nicht lange. Ihm wurde schlecht, und »schon stürzte er auf die »Pinkelbude im Hof«. So etwas geschah öfter, nur hatte der ungeübte Trinker vergessen, vor dem Erbrechen das Gebiss herauszunehmen, und nun »lagen seine Zähne im Klosett.« Aber ein Wirt war eben noch ein Wirt in den Kneipen der alten Zeiten, der konnte nicht nur zapfen und quatschen, »der kannte sich auch mit den Abflussrohren im Haus aus, rannte in den Hauskeller und wartete, bis die Zähne unten ankamen. Er fischte sie heraus, ehe sie in das große Rohr gerieten und brachte sie nach oben. Die Zähne wurden abgespült« und dem Karlchen übergeben mit dem »Rat, sie zuhause gründlich zu säubern. Es dauerte aber nicht lange, und Karlchen lachte schon wieder mit seinen Zähnen. Er sagte, er könne doch zuhause nicht ohne Zähne ankommen.«


Das Rheingauer Weinstübchen
Foto: Wolfgang Krolow
Auch der Nachbar von Opa Wilhelm hatte Probleme mit den Zähnen. Er war mit dem Vierer unterwegs zur Zigarettenfabrik, »zu Muratti oder Manoli« oder so ähnlich, als er sich auf dem Trittbrett übergeben musste und »beide Teile«, oben und unten, verlor. Also tauchte er ohne Gebiss bei den Valentins auf, was für alle eine Erleichterung war, da er die Angewohnheit hatte, die falschen Zahnleisten nach dem Sprechen so lautstark »rauf und runter klappen zu lassen«, dass die zart besaitete Frau eines verehrten Stammgastes jedes Mal in Ohmacht fiel. »Das war ein Theater, ihr Mann schimpfte, alle hatten schon ein Ding weg, und sie lag ohnmächtig daneben.« Schulze aber meinte nur: »Sie braucht doch nicht hinzugucken.«

»Es war eigentlich, trotz der vielen Arbeit, eine schöne Zeit in der Kneipe«, schreibt viele Jahre später Gertrud Valentin, die Tochter jenes Wirts, der spät abends immer einen Apfel aß. »Fast alle kannten sich« und waren eine große Familie. »Das Wort Stress muss wohl erst, nachdem die Maschinen viele Arbeiten erledigen, aufgekommen sein.« Damals gab es nur Arbeit, und die Arbeit hinter dem Tresen war eine gute Arbeit. Damals, in den Zeiten der alten Kneipen. •


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