Kreuzberger Chronik
April 2014 - Ausgabe 157

Geschäfte

Toku Satu


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von Achim Fried

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Es war eines der ersten seiner Art. Heute ist es eines der letzten. Toku Satu, ein »Indienladen« aus den Siebzigerjahren.

Marianne Trnka war mit dem Velo Solex 5000 Kilometer durch ganz Europa gefahren, sie war mit dem Hilfsmotor in Amsterdam und in London gewesen. Aber bis nach Indien, »das wäre schon ein Wagnis gewesen.« Und zuviel Wagnis wollte sie nicht. Selbst ein Flugzeug war ihr noch zu abenteuerlich.

Also musste sie auf der Suche nach einem Geschenk für ihren vor-vor-vor-vorherigen Freund in die Bergmannstraße fahren. Denn in der Bergmannstraße befand sich zwischen all den Trödlern und kleinen Geschäften im Souterrain ein kleiner Laden, in dem Bärbel Schulze alles das verkaufte, was sie in einem Koffer von ihren Reisen nach Indien, Vietnam oder Kambodscha mitbrachte an Kleidern, Tüchern, Schmuck, Räucherwerk, Pfeifen und Chillums. Die junge Frau reiste nicht, um einzukaufen, sie kaufte ein, um damit das Reisen zu finanzieren. Sie hatte nie daran gedacht, einen Laden zu eröffnen – es ergab sich eben so.


Foto: Dieter Peters
Der Name Toku Satu kommt aus Indonesien und bedeutet »Lädchen Eins«, und der kleine Indienladen in der Bergmannstraße war tatsächlich einer der ersten Indienläden in Berlin. Marianne stand noch immer zwischen den wundervollen Dingen aus den fernen Welten, in die sie selbst nicht reisen konnte, da fragte Bärbel sie: »Kennst du nicht jemanden, der den Laden übernehmen will? Ich will auswandern, nach Neuseeland.«

Bärbel Schulze ist noch immer in Neuseeland, und Marianne Trnka ist noch immer in der Bergmannstraße. Seit 34 Jahren verkauft sie in der Nummer 13 Silberschmuck aus dem indischen Dschaipur mit Achaten, Granaten, Mondsteinen, Türkisen; Batiktücher mit Schmetterlingen und Sonnen, und Bücher voller fernöstlicher Lebensweisheiten. Alles ist noch wie in den Siebzigern. Nur die kleinen Fläschchen mit Patchouli stehen nicht mehr im Regal.

Marianne Trnka ist gerne Verkäuferin. Schon als Kind händigte sie ihren Spielkameraden Spielgeld aus, damit sie in »ihren Laden« kamen und ihr die kleinen Kunstwerke aus Ästen und Gräsern für ein paar Kiesel abkauften. »Ich wollte immer Verkäuferin werden!«, sagt Marianne, aber zunächst musste sie eine Lehre als Buchhändlerin machen, dann einige Jahre lang in einer Bibliothek in Würzburg sitzen, im berühmt-berüchtigten Kreuzberger Delirium kochen, im Kreuzberger Damenchor singen, bis sie endlich Verkäuferin werden konnte. Sie hat die Entscheidung nie bereut. »Das ist der schönste Beruf der Welt! Ich habe mich jeden Morgen wieder auf meine Arbeit gefreut.«

Die schönsten Tage im Leben der Verkäuferin aber sind jene, an denen sie selbst zur Kundin wird. Wenn sie mit Mercedes-Helmut, ihrem alten Freund und Lebensgefährten, zum Einkaufen fährt. Sie ist zwar nicht ganz so lange unterwegs wie Bärbel Schulze, aber der Besuch beim Großhändler, der in einer alten Schnapsbrennerei über drei Etagen Waren aus dem fernen Osten lagert, ist für sie jedes Mal »ein Feiertag.« Ähnlich wie die Vorgängerin, die in den Siebzigern die halbe Welt bereiste, um sich nach schönen Dingen umzusehen, beweist auch Marianne Trnka das nötige Fingerspitzengefühl bei der Auswahl. Es ist kein Zufall, es ist ein Erfolg, wenn sie jede zweite Kundin beim Namen kennt und jede dritte mit einer Umarmung begrüßt. Es ist kein Zufall, wenn die langjährigen Stammkunden die Hände über dem Kopf zusammenschlagen, wenn sie hören, dass Marianne das kleine Lädchen Nr. 1 vielleicht einmal abgeben wird, um in Pension zu gehen. Wenn sie plötzlich in ihrem Laden stehen und sagen: »Ich werde nie wieder etwas zum Anziehen finden, wenn du zumachst!« Marianne Trnka hat nicht nur indische Gewänder der Größe S im Regal, die Kleider sind im Laufe der Jahre irgendwie gewachsen.


Foto: Dieter Peters
Aber auch junge Mädchen werden das kleine Lädchen vermissen. Mädchen, die mit zwölf oder spätestens mit vierzehn nach der Schule immer wieder staunend das Wunderland von Toku Satu betreten, das bewohnt wird von lauter freundlichen, hölzernen Gestalten: von hölzernen Giraffen, Elefanten, ganzen Scharen hölzerner Katzen in allen Größen und Farben. Das Toku Satu ist wie eine Arche Noah voller Schildkröten, Tukane, Eulen und Hähne, es ist beseelt von kleinen, freundlichen Geistern und Feen, die mit bloßem Busen und ausgebreiteten Armen unter der niedrigen Decke des Schatzkästchens in der Bergmannstraße dahinschweben. Alle, die seit vielen Jahren immer wiederkommen, brauchen diese kleinen Döschen und Schächtelchen, diese Schmuckschatullen voller Ringe - alter Silberringe, Holzringe, Kupferringe, fast alle aus Indien. All diese »Hängrumchen und Staublinchen«, die kein Mensch wirklich braucht, »die aber doch so unheimlich gut tun.«

Deshalb muss das Toku Satu wohl in der Bergmannstraße bleiben. Und wenn es eines Tages doch einmal schließen sollte: Es würde bald schon wiedergeboren werden. Das ist so in Indien. •


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