Kreuzberger Chronik
September 2013 - Ausgabe 151

Herr D.

Der Herr D. und die Kreuzbergerin


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von Hans W. Korfmann

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Wie hartnäckig Vorurteile sein können

Der Herr D. mochte die wasserstoffblonde Nachbarin eigentlich nicht. Sie gehörte zu jenen Menschen, die stets freundlich grüßen, wenn sie einen Bekannten auf der Straße treffen, aber schon im Moment des Abwendens wieder jene versteinerte Miene aufsetzen, mit der sie einsam und allein durchs heimische Wohnzimmer und vielleicht durchs ganze Leben gehen. Wenn sie nicht schon lange hier wohnen würde, hätte er sie für eine dieser Neukreuzbergerinnen gehalten, die neuerdings hier einzogen, weil zwielichtige Immobilienhändler von Kreuzberg schwärmten.

Der Herr D. grüßte freundlich zurück und ging weiter, aber eines Tages rief sie ihm hinterher: »Und wie haben Sie geschlafen?« Als der Herr D. sich umdrehte, blickte er in das neugierige, verschmitzt lächelnde Gesicht einer Frau, die etwas wusste, was er noch nicht wusste. Das Gesicht einer Neukreuzbergerin.

Es war noch früh am Morgen, der Herr D. überlegte, ob er vielleicht zu lange ferngesehen oder zu laut Musik gehört hatte. »Na, sind Sie denn nicht aus dem Bett gefallen bei dem Knall?«, fragte die Nachbarin. »Was für ein Knall?« – Die Nachbarin sah ihn triumphierend an. »Na, die haben doch heut Nacht den Bankautomaten aus der Post gesprengt!« Um die sensationslüsterne Nachbarin nicht zu enttäuschen, setzte der Herr D. ein erstauntes Gesicht auf. »Das hörte man doch bis hier oben. Ich dachte erst, ne Gasleitung, aber heute morgen hab ichs dann gesehen, die Polizei mit drei Autos und so...«

Der Herr D. sah in den Augen der Nachbarin Schadenfreude aufblitzen. Vielleicht war sie doch eine echte Kreuzbergerin. Da kam der Kurt, der Urkreuzberger: »Sind ja bald Zustände wie in Manhattan hier jetzt, wo die Polen hier arbeiten!« – »Stimmt!«, sagte die Nachbarin und nickte so eifrig, dass der Herr D. um ihre Halswirbel fürchtete. »Ich bin schon der letzte Deutsche im Haus.«, sagte der Kreuzberger. »Aber nich, dass Sie denken, der Rest wären Türken. Nich eener...« - Der Herr D. ging weiter. Es interessierte ihn nicht, ob Türken oder Polen oder Russen oder doch nur Deutsche die Bankautomaten sprengten.

Es interessierte ihn, wem dieser Automat gehörte. Denn als der Herr D. drei Tage später Geld holen wollte, war der Automat immer noch nicht repariert. Ebensowenig wie der Briefmarkenautomat, der schon seit Wochen defekt war. Auch zwei Monate später, als der Herr D. eines Abends in finanzielle Not geriet, klebte noch immer ein Zettel an der Sicherheitstür mit dem Hinweis, dass der Automat »aus technischen Gründen ... bis auf weiteres« nicht zur Verfügung stehe.

»Ein ziemlich dehnbarer Begriff, finden Sie nicht?« Der Herr D. sah in das Gesicht seiner Nachbarin. »Alles eine Bagage, Deutsche Post, Deutsche Bahn, Deutsche Bank – alles Gangster! Da sind mir die Polen, die Türken, die Araber alle noch lieber als diese ganzen deutschen Ackermänner...« Da verstand der Herr D., dass seine Nachbarin tatsächlich eine echte, alte Kreuzbergerin war.•


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