Kreuzberger Chronik
Oktober 2013 - Ausgabe 152

Strassen, Häuser, Höfe

Die Reichenberger Straße


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von Werner von Westhafen

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Sie ist eine der schmuddeligsten, aber auch der längsten Straßen Kreuzbergs. Jetzt eröffnen auch hier mehr und mehr Cafés.



Als die Visionen des Stadtplaners James Hobrecht endlich zu Papier gebracht waren und Stück für Stück zur pflastersteinernen Wirklichkeit Berlins wurden, lag das Jahrhundertbauwerk des Luisenstädtischen Kanals im kulturellen Zentrum der Luisenstadt. Die Boulevards und Trottoirs an seinen Seiten, die Plätze und schmiedeeisernen Brücken waren eine Zierde, deren Glanz von den vornehmen Ufern der Seine zu kommen schien.

Eine der bedeutendsten Straßen, die damals entstanden, war die Reichenberger Straße. Sie durchquerte das heutige Kreuzberg auf zwei Kilometer Länge von Westen nach Osten und schuf eine geradlinige Verbindung vom Elisabeth-Ufer am Luisenstädtischen Kanal bis zum Görlitzer Ufer am Landwehrkanal. Zwanzig Jahre nach der feierlichen Eröffnung der Schiffspassage wurde die Straße nach dem Ort Reichenberg benannt, der in Tschechien liegt, jedoch einst von deutschen Siedlern gegründet worden und im 19. Jahrhundert zum Zentrum der böhmischen Textilverarbeitung aufgestiegen war, weshalb die Preußen das Städtchen nie ganz aus den Augen verloren.

Die im Krieg beinahe unzerstört gebliebene, heute dennoch unscheinbare und schmucklose Straße sollte einst wohl eine der schön- sten werden. Davon ist heute wenig zu sehen, doch Dieter Kramer, der Herausgeber einer Sammlung antiker Postkarten aus Kreuzberg, erkennt in ihr eine typische Berliner Straße und ein Beispiel für die berühmte Kreuzberger Mischung aus Lebens- und Arbeitsraum. Er schreibt: »Die Reichenberger Straße gilt als Musterbeispiel eines urbanen Boulevards: breite Bürgersteige, Radwege, die teilweise mit Hecken vom Gehweg abgetrennt sind, Straßenbäume, zahlreiche kleine Läden im Erdgeschoss, im Blockinneren noch zahlreiche Betriebe.«

Ein großer Boulevard aber, wie er dem Stadtplaner Hobrecht während seiner Zeichenstunden womöglich vor Augen stand, wurde die Reichenberger Straße nie. Obwohl auch sie von einer ganzen Reihe von Cafés und Restaurants flankiert wurde und sich sogar ein Theater in der Straße etablierte. Der große Saal des Luisen-Theaters in der Reichenberger Straße 34 mit seinen Balkonen, der eher hohen als breiten Bühne und den hölzernen Sitzreihen ähnelte eher einem Kirchenschiff. Nur die pompösen Lüster und die langen, schweren Vorhänge wiesen darauf hin, dass hier Lustspiele und Operetten, wie die von den »Drei Paar Schuhen«, uraufgeführt wurden. Das Stück von Jean Gilbert, in dem es um die drei wichtigsten Dinge im Leben ging - das Geld, die Liebe und Ruhm und Erfolg einer schönen Sängerin - verhalf weder dem kleinen Theater noch der Reichenberger Straße zu Weltruhm. Das Luisen-Theater blieb Zeit seiner Existenz trotz der prachtvollen Ausstattung des Festsaales und der schicken Postkarten, die von hier aus in alle Welt versandt wurden, ähnlich wie das Schilllertheater oder das Carl-Weiß-Theater eine jener unspektakulären »Bühnen für weniger bemittelte Stände«. Auch dem Betreiber brachte das Theater nicht viel Glück, weshalb er sich eines Tages zum Verkauf entschloss. So wurde aus dem Theater ein Lichtspielhaus, die Schauspieler standen auf der Straße und protestierten beim Ministerium. Aber ihr Protest verhallte ebenso schnell wie die Proteste der Studenten in den Siebzigerjahren, die in den engen Hinterhöfen der Reichenberger günstige Quartiere gefunden hatten.

Im Grunde fehlte der Straße nichts zum großen Boulevard. Die Bürgersteige waren breit genug zum Flanieren, und zwischen den Restaurants, Cafés und dem Theater verkehrte die »Große Berliner Pferdeeisenbahn«, die in der nahe gelegenen Manteuffelstraße seit 1875 ein Depot mit Garagen, Remisen und Pferdeställen besaß. 1896 fuhr auf ihrer Tour von der Lindenstraße zur Glogauer Straße eine der ersten hell erleuchteten, elektrisch betriebenen Straßenbahnen durch die Reichenberger Straße. Noch heute erinnert an der Manteuffelstraße die Weiche eines Straßenbahngleises, umgeben von einem Kreis aus Hufeisen, an die historische Verkehrszentrale.

Die Reminiszenz im Straßenpflaster ist Teil eines Kunstprojektes, das nach dem Fall der Mauer ins Leben gerufen wurde, um das Image der Schmuddelstraße etwas aufzupolieren. 15 solcher Mosaike hatten »links und rechts der Reichenberger Straße« im Pflaster des Trottoirs entstehen und Spuren in die Vergangenheit aufzeigen sollen. Verschiedene Künstler schufen Straßenbilder von spielenden Kindern, wiesen mit einer schwarz-weißen Klavier-Tastatur auf die dortige Klavierfabrik von Carl Bechstein oder mit einer Friedenstaube auf das nahe gelegene St. Marien-Krankenhaus hin. Die Worte »Brot, Käse, Butter, Milch« sollen an die Bäcker, Metzger, Milch- und Gemüseläden erinnern, in denen einst alles Lebensnotwendige in der Straße verkauft wurde. Ins Pflaster eingelassene Werkzeugschlüssel und Maschinenteile sind eine leise Reminiszenz an die glorreiche Gründerzeit und die anschließende Arbeiterbewegung, die auch in der Reichenberger Straße mit ihren Produktionsstätten in den Hinterhöfen ihre Spuren hinterlassen hat.

Von der künstlerischen Gestaltung des Straßenpflasters ist heute nicht mehr viel zu sehen. Die Zeit ist vorangeschritten, die Preise für die kleinen Hinterhofwohnungen in der Reichenberger Straße haben sich längst verdoppelt. In der Nummer 63a brachten es die »Kiezrebellen« 2010 mit ihrem Protest gegen die steigenden Mieten immerhin noch bis in den Tagesspiegel.

Inzwischen ist es friedlich geworden. Und in der wenig attraktiven Straße eröffnen nach und nach Cafés und Restaurants, in denen Immobilienhändler Espresso trinken und Kuchen essen. Ein Biosupermarkt ist in der Straße eingezogen, und vielleicht wird ja auch bald wieder ein Theater eröffnen. Vielleicht wird die Reichenberger Straße dann eines Tages doch noch zum richtigen Boulevard. •


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