Kreuzberger Chronik
Oktober 2013 - Ausgabe 152

Geschichten & Geschichte

Kirsanows Berliner Zeitung


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von Werner von Westhafen

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Er war ein Bauernsohn und hatte drei Jahre als Korrespondent gearbeitet, als man ihn dazu berief, in Berlin eine Zeitung herauszugeben.



Die letzten Bomben waren gefallen, Hitler hatte sich längst in seinen Bunker zurückgezogen und eine Woche zuvor erschossen, als am 8. Mai in einem kleinen Offizierskasino im unscheinbaren Karlshorst Generalfeldmarschall Wilhelm Keitel die bedingungslose Kapitulation unterschrieb und endlich das Ende des Krieges besiegelte.

Damit war für Strategen und Offiziere, die Verantwortlichen des Massenmordes, der Krieg zu Ende. Doch in der Bevölkerung nahm das Leiden kein Ende. Die Stadt lag in Trümmern, die Wohnungen waren zerstört, die Zivilisten starben vor Hunger, selbst der umstrittene Panzerbär, Berlins letzte Publikation, hatte den Druckbetrieb eingestellt. Kinos und Restaurants waren geschlossen, der öffentliche Nahverkehr stillgelegt, das Telefonnetz zusammengebrochen. Als am 21. Mai, 13 Tage nach dem beurkundeten Ende des Krieges, die erste Zeitung in den Ruinen erschien, stillte sie weder den Hunger, noch machte sie den Menschen in Berlin wieder warm. Aber sie gab ihnen Hoffnung. Die erste Ausgabe der »Berliner Zeitung« war nur ein mageres Blatt von 4 Seiten, aber sie wurde den Zeitungsverkäufern, die zwischen Schutt und Trümmern standen und »Die Berliner Zeitung!« riefen, aus den Händen gerissen. Das Blatt wurde zum Symbol für die Rückkehr in die Normalität, und sie verkündete dies auch gleich breit und fett auf ihrer ersten Seite: Berlin lebt auf!

Gedruckt wurde die Erstausgabe unweit des legendären Zeitungsviertels in einer kleinen Druckerei in Kreuzberg, die den Krieg unbeschadet überstanden hatte. Es war die Druckerei von Otto Meusel in der Urbanstraße Nummer 71. Dort wurde seit einer Woche bereits die Tägliche Rundschau gedruckt, ein in einer Aufklage von 150.000 Exemplaren erscheinende Organ der sowjetischen Besatzer, das sich im Untertitel als »Frontzeitung für die deutsche Bevölkerung« bezeichnete. Es diente den Sowjets weniger zur Verbreitung ihrer Ideologie, sondern als Medium zur Veröffentlichung ihrer Reglements und Anweisungen.

Da die Besatzer mit Widerstand in der Bevölkerung rechnen mussten, entschlossen sie sich zur Herausgabe eines zweiten, weniger ideologisch gefärbten und scheinbar echt deutschen Lokalblattes, das den Titel der »Berliner Zeitung« tragen sollte, und dessen Herausgeber sich erst in der zweiten Ausgabe als die »Front-Politverwaltung für die Berliner Bevölkerung« zu erkennen gab. Am 18. Mai erteilte man einem gewissen Alexander Wladimirowitsch Kirsanow den Befehl, in Berlin eine neue Zeitung herauszugeben. Der Bauernsohn hatte zwar als Korrespondent der sowjetischen Nachrichtenagentur TASS gearbeitet, war aber gerade erst in Berlin eingetroffen und mit der Konzeption einer Zeitung komplett überfordert, zumal er nicht mehr als 48 Stunden Zeit hatte. Denn die Besatzer hatten es denkbar eilig: Die erste Ausgabe der neuen Berliner Zeitung sollte nämlich schon am 20. Mai erscheinen.

Es gelang dem Bauernsohn, noch 24 Stunden herauszuschlagen, in einem Hotelzimmer in der Nähe eine provisorische Redaktion einzurichten und in der Nacht zum 21. Mai auf Otto Meusels Druckmaschinen tatsächlich die erste Ausgabe der Berliner Zeitung drucken zu lassen. Seit dem 31. Mai 1945 fungierte er im Impressum als Chefredakteur, obwohl er die Redaktion nur selten betrat und längst mit dem Aufbau einer Nachrichtenagentur befasst war.

Die Titelseite der Berliner Zeitung am 21. Mai 1945

Der wichtigste Mann in der Redaktion war Rudolf Herrnstadt, der einst für das legendäre Berliner Tageblatt geschrieben hatte und 1936 ins sowjetische Exil gegangen war. Er hatte einen Stab aus engagierten Redakteuren zusammengestellt und war von der Urbanstraße in die alte Feuerwache in der Lindenstraße gezogen. Er gab der neuen Zeitung ihr Gesicht und schuf den Eindruck eines unabhängigen Lokalblattes - auch wenn allgemein bekannt war, dass in allen vier Besatzungszonen jegliche Presse der Zensur durch die Militärs unterworfen war. Die Berliner Zeitung aber schien sich auf freundlich-hilfsbereite Art den vom Krieg verstörten Berlinern zuzuwenden, berichtete in ihrer Erstausgabe über die Gründungsversammlung des Magistrats, bei der auch Heinz Rühmann hinter das Rednerpult getreten war, oder über die Wiederaufnahme des U-Bahn-Verkehrs oder die Reparaturarbeiten am Gaswerk in Schöneberg. Und Egon Bahr berichtete schon in den ersten Ausgaben von Laubenpiepern und Friedensbier, als wäre die Welt längst schon wieder in Ordnung.

Das optimistische Berliner Blatt wurde ein Erfolg, und mit dem allmählichen Aufschwung der Stadt schwang sich auch das Blatt zu respektablen Auflagenhöhen hinauf. Die ersten Kleinanzeigen erschienen, der Humor kam zurück, »die Sorgen des Kleinen Mannes« gerieten allmählich in Vergessenheit. Bestand »die Berliner« im Mai noch aus vier Seiten in einer Auflage von 100.000 Exemplaren, so waren es Anfang 1946 schon 400.000 Exemplare mit vielen Seiten. In 7 Monaten hatte das Blatt seinen Eignern 500.000 Reichsmark eingebracht. Für Zeitungsverleger schienen goldene Zeiten anzubrechen.

Bereits am 10. Juni 1945 hatten die sowjetischen Besatzer mit dem »Befehl Nr. 2« die Gründung deutscher Parteien und zugleich die Herausgabe von Zeitungen erlaubt. Schon drei Tage später erschien die kommunistische Deutsche Volkszeitung, nach und nach folgten die Zeitungen von SPD und CDU, Das Volk, und die Neue Zeit, sowie der Kurier und am 27. September der große Konkurrent der Berliner Zeitung: Der Berliner Tagesspiegel.

Schon im Juli 1945 aber wurde Kreuzberg an die USA übergeben. Da »die Berliner« noch immer unter russischer Federführung stand, zog die Redaktion in die Jerusalemer Straße, die zur sowjetischen Zone gehörte. Auch die Druckerei wurde bald gewechselt. Otto Meusel gab nicht auf, auch wenn er 1956 keine Nachrichten mehr für die Hauptstadt, sondern nur noch das »Mitteilungsblatt des deutschen Bundes zur Bekämpfung der Tabakgefahren e. V.« druckte. •







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