Kreuzberger Chronik
November 2013 - Ausgabe 153

Geschichten & Geschichte

Ulrich Bergers Schauplatztheater


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von Hans W. Korfmann

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Als Immobilienhändler Kitas und Künstler aus den leerstehenden Fabriketagen vertrieben, musste auch das Schauplatz-Theater aufgeben.

Das Schauplatz-Theater war nicht nur irgendeines dieser vielen Off-Theater, die in den 80ern in Hinterhöfen, Fabrik-etagen, Kellern und leer stehenden Geschäftswohnungen der vom feindlichen Osten eingeschlossenen Stadt eröffneten. Die beiden Theatermacher Christoph Stein und Ulrich Berger waren auch nicht zwei dieser üblichen Verrückten, die plötzlich auf die Idee kamen, Theater zu machen. Das Schauplatz-Theater war etwas besonderes. Ulrich Berger hatte bei Felsenstein gelernt und Volontariate an verschiedensten Theaterbühnen absolviert. Er hatte am Tag des Mauerbaus mit seiner Theatergruppe im Hafen von Trelleborg vor Anker gelegen und überlegt, ob er nicht schnell noch ins Hafenbecken und in die Freiheit springen sollte. Er sprang nicht, und die DDR brachte ihm kein Glück. Mehrfach reichte der begabte Querkopf und Magister der Physik und Philosophie Themen für seine Doktorarbeit ein, doch alle wurden abgelehnt. Er wagte die Flucht, wurde in einem ungarischen Maisfeld von den Scheinwerfern eines Mähdreschers angestrahlt, doch er schlug sich durch und gründete Ende der Achtziger in der Dieffenbachstraße in Kreuzberg ein kleines Theater, das nie viel Aufsehen erregen konnte. Sein erstes Stück war Rameaus Neffe. Es war auch das letzte, das sie spielten. Als der Mietvertrag auslief, war es vorbei mit dem Schauplatz-Theater. Man schrieb das Jahr 1998.

Wären da nicht die Zeitungsausschnitte mit Theaterkritiken an den Scheiben gewesen, dann hätte man den Schauplatz in der Dieffenbachstraße Nr. 15 mit den stets zugezogenen schwarzen Vorhängen in den Schaufenstern für ein zwielichtiges Lokal halten können. Trat man ein, glaubte man sich in einem überdimensionalen, etwas zu dunkel geratenen Blumenladen. Gummibäume, Lilien und Juccapalmen strebten dem Licht der Glühbirnen entgegen und gediehen in der Höhle des Kleinkunsttheaters bis unter die Decke. Ein goldener Käfig dazwischen, darin baumelte ein ausgestopftes Huhn an einer Schlinge. Nur die Büste auf dem Sockel, das Klavier und Scheinwerfer über einer Bühne sprachen dafür, dass es sich hier um ein Theater handelte. Auch die mittelalterlichen Rüschenhemden, Federhüte, perlenbestickten Kostüme und die Perücke am Kleiderständer neben den Jeansjacken und Jacketts legten nahe, dass dieser Schauplatz mehr als das überdimensionierte Wohnzimmer eines Spinners war.

Als Ulrich Berger seine schon damals unbezahlbare Dachetage in der Waldemarstraße räumte und mit seinen Pflanzen, seiner Katze und den Büchern in die Dieffenbachstraße zog, glaubte er, es handele sich um ein Provisorium. Doch es vergingen zehn Jahre. Die kleine Küche im Hinterzimmer, das Bücherregal mit Voltaires und Diderots gesammelten Werken, die Zeitung auf dem Tisch und die schnurrende Katze auf dem Diwan waren eindeutige Indizien dafür, dass Stein und Berger in der Dieffe nicht nur Theater spielten, sondern auch lebten.

»Irgendwie ist das Leben ja sowieso ein ewiges Provisorium!« Und dass die Pflanzen und die Katze »das alles so mitgemacht haben, ist mir ein Rätsel. Aber Lebensbegleiter von Künstlern müssen eben flexibel sein!«, sagte Berger, der stets seinen Humor behielt, auch wenn er laut und ausgiebig schimpfen konnte - so lange, bis sein Schädel die Farbe einer überreifen Tomate hatte. Lachen, auch wenn er irgendwie kein Glück hatte. »Das Dümmste überhaupt war, dass ich 1984 die Wohnung im Haus Huth am Potsdamer Platz aufgegeben habe. Die waren damals schon ständig am Bauen, ich hatte das Gefühl, dass das nie aufhört.« Fünf Jahre später fiel die Mauer, der Potsdamer Platz wurde zur größten Baustelle Europas, »und das Haus Huth war das einzige Mietshaus auf dem ganzen Areal. Ich darf gar nicht daran denken, was ich da für eine Ablöse bekommen hätte!«

Das Theater, in dem nur selten Theater gespielt wurde, war beliebt. Wiglaf Droste, Dr. Seltsam, Klaus Nothnagel und andere verwegene Gestalten aus dem Umkreis der taz-Redaktion luden Anfang der Neunziger zur Höhnenden Wochenschau in das Theater. Die Veranstaltung wurde Kult. Immer beliebter wurden die Abende eines kleinen Kreuzberger Literatenkreises, der sich montags hinter den schwarzen Vorhängen traf. Was als intimer Kreis bleichgesichtiger Intellektueller begann, wurde zu einer Art Literarischem Quartett mit großem Unterhaltungswert. Die Wortgefechte der Literaten, die unvergesslichen Auftritte untalentierter Nachwuchsdichter, die über Liebe und Tod dichteten und nach harscher Kritik heulend aus dem Theater flüchteten, sorgten für Furore. Das Theater war voll, Stein und Berger wurden hinterm Theatertresen zu professionellen Barkeepern.

Nicht nur das Publikum, auch die Literaten hörten bis spät in die Nacht hinein zu, wenn Berger wissenschaftliche Vorträge hielt über Schnecken und Kombucha, Goethe beschimpfte, Sokrates widerlegte und statt dessen kichernd Marquis de Sade´s Philosophie im Boudoir empfahl. Er zitierte seitenweise Faust, sang aus Opern und erklärte die Quantentheorie. Er tratschte über die Feten bei Adorno und kicherte, bis die Brille beschlug, wenn er an den Verschleiß von Jünglingen in diversen Künstlerkreisen dachte. Er war mehr als nur ein schwuler, versoffener, verrückter Off-Theater-Impresario. Er war ein Genie.

Oft dämmerte der Tag, wenn Ulrich Berger etwas müde, aber gut gelaunt die Aschenbecher auf den Tischen im Theater abräumte und die Tür noch einmal öffnete, um die Rauchschwaden der intellektuellen Kettenraucher herauszulassen. Berger selbst rauchte am Ende nur noch mit einer edlen Zigarettenspitze, der Husten ließ ihm keine Ruhe. »Ich glaube, ich hab Lungenkrebs«, sagte er und lachte, bis sein Schädel so rot war wie eine überreife Tomate. Er wusste nicht, dass er Recht behalten sollte. 2006, an einem kalten Januarmorgen, folgte dem Glücklosen eine kleine Gemeinde ehrlich Trauernder ans Grab auf dem Luisenstädtischen Friedhof. •





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