Kreuzberger Chronik
November 2013 - Ausgabe 153

Literatur

Magic Hoffmann


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von Jakob Arjoumi

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Görlitzer Bahnhof! - Fred zog die Tür der U-Bahn auf, die hier über der Erde fuhr, und reihte sich in den Strom gehetzter Leute ein. Im Laufschritt ging es die Treppe runter, vorbei an Hunden und bettelnden Teenagern, bis der Strom sich in die verschiedensten Richtungen ergoß und die Leute in Häusern, Läden, Kneipen und Hinterhöfen verschwanden. Sekunden später stand Fred alleine mit den Bettlern. Er faltete den Stadtplan auseinander und sah sich nach Straßenschildern um.

»Ma ´ne Maak...?«

Ein grünhaariger Kerl in Strumpfhosen und Motorradjacke schlurfte auf Fred zu, neben ihm sabberte ein Schäferhund. Ein reiches Viertel, dieses Kreuzberg, dachte Fred, wo sich die Bettler Hunde leisten konnten. Er schüttelte den Kopf und lief los. Es war kurz nach halb acht, und der trübe Himmel begann sich zu verdunkeln.

Bald sah er, daß das Viertel alles andere als reich war. Die Häuser und Straßen waren verrottet, aus den Lokalen strömte ein zäher Geruch nach Kippen, Bier und ranzigem Fett, und alte Frauen waren mit Leiterwagen voll Brennholz unterwegs. Aber man war auch nicht wirklich arm: Immer mehr wohlgenährte Hunde kamen ihm entgegen, deren junge Besitzer zwar nur halb so gut genährt und auch sonst erbärmlich grau und verwahrlost aussahen, die sich aber aus ihrem Zustand nichts zu machen schienen. Im Gegenteil: Sie trugen einen selbstgefälligen Ernst zur Schau und wirkten stolz, als sei ihre Armut ein seltenes Handwerk. Freds Eindruck verstärkte sich, daß in Berlin gute Laune schlechtes Benehmen war.

Je näher er Annettes Adresse kam, um so renovierter wurden die Häuser, die Straßen sauberer und grünbepflanzter. Die Fußgänger sahen jetzt aus wie Studenten oder Klavierspieler, und aus den Lokalen roch es nach Essen. Als er vor dem Altbau Nummer vierzehn stehenblieb, war es dunkel geworden und hatte zu nieseln begonnen. Unten im Haus befand sich eine Bar mit verhangenen kleinen runden Fenstern wie Schiffsluken. Seltsamer Lärm drang heraus, der an das Stottern eines kaputten Kühlschrankmotors erinnerte. Oben aus den Fenstern hingen beschriftete Bettlaken: `Nie wieder´ oder `Solidarität mit´, den Rest hatte der Wind verschlagen.

Aufgeregt trat Fred in den düsteren Hausflur. Rechts an der Wand hingen Briefkästen, und Fred fand Annettes Namen neben drei anderen, die er nicht kannte. Aber wo war die Wohnung? Zwei Aufgänge links und rechts, dann ein Hof mit noch mal zwei Aufgängen an den Seiten und einem geradeaus. Kein Klingelbrett. Fred schaute im Hof in die Runde. Irgendwo tönte ein Staubsauger, und im ersten Stock lachte es hell. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als Aufgang für Aufgang hinaufzusteigen. Berlin hieß einen nicht willkommen.•

Entnommen aus Magic Hoffmann, Jakob Arjouni, Diogenes Verlag 1996, ISBN 978-3-257-05721-8,


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