Kreuzberger Chronik
Mai 2013 - Ausgabe 147

Essen, Trinken, Rauchen

Das Wiener Caffeehaus


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von Hans W. Korfmann

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Farblich ist alles wunderbar aufeinander abgestimmt im Kaffeehaus. Das dunkle Parkett passt zur Decke, die Tönung der Wände zum Parkett, die weinroten Krawatten der Kellner zu den weinroten Vorhängen vor den Fenstern. Ansonsten sind die Kellner schwarz, vom Schuh bis zum Haarschnitt, und sie buckeln auch ein wenig wie die Pinguine, wenn sie an den Tisch des einzigen Gastes treten.

»Eine Melange«, nuschelt der Gast.

»Wie bitte?«, fragt der Kellner.

»Der junge Mann möchte einen Milchkaffee!«, übersetzt die Kellnerin dem deutschen Kellner.

»Eine Melange, sehr wohl. Sonst noch ein Wunsch der gnädige Herr?«

Der gnädige Herr muss lächeln: »Das ist ja wie in den österreichischen Heimatfilmen bei Ihnen. Wenn man hier nicht im Innenhof dieses hässlichen Zementklotzes sitzen würde, dann könnte man tatsächlich glauben, man wäre mitten in Wien.«

In diesem Moment betritt eine junge Frau den langen, leeren Saal. Alles ist gedämpft im Wiener Caffeehaus, das Licht, die Töne der klassischen Musik, die aus kleinen Lautsprechern leise wie Schnee von der Decke rieseln. Kaum hat die junge Frau ihr Handy auf den Kaffeehaustisch gelegt, beginnt es zu trompeten. Eine jazzige Fanfare dringt aus dem Smartphonelautsprecher und mischt sich unter die Klassik. Der Kellner, der noch immer am Tisch des gnädigen Herrn steht, schaut zu der jungen Dame hinüber. »Hier, bitte schön, ist unsere Speisekarte...«, sagt er und reicht dem Gast eine Kladde, auf der steht: »Wiener Conditorei Caffeehaus«

Der gnädige Herr denkt gerade darüber nach, warum ausgerechnet in der ehemaligen K&K-Monarchie das »K« aus dem »Kaffeehaus« verloren gegangen ist, und warum man so verschwenderisch mit dem »e« umgeht, da bringt der Kellner eine lauwarme Melange.

»Darf es vielleicht ein Frühstück sein, der gnädige Herr?«

Aber der Gast kann sich nicht entscheiden. Er liest: »Holländisches Frühstück, Französisches Frühstück, Englisches Frühstück, Italienisches Frühstück, Fitness-Frühstück, Lachsfrühstück und dann endlich, ganz am Ende und zum stolzen Preis von 15,90 das Wiener Schlemmerfrühstück.

Auch sonst ist die Karte eher international als österreichisch-national. Es gibt Himmel und Erde aus Westfalen, Spätzle aus Schwaben, Ochsenbäckle aus Brandenburg. Und natürlich die Klassiker: Wiener Schnitzel, Kaiserschmarrn und Apfelstrudel. Aber keine Marillenknödel. Kein Marillenschnaps. Nicht einmal einen österreichischen Rotwein haben die Österreicher auf ihrer Karte. Die Weine im »Wiener Caffeehaus« kommen aus Hessen, der Pfalz und Chile, aus Italien, Frankreich oder Spanien. •


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