Kreuzberger Chronik
Mai 2013 - Ausgabe 147

Mein liebster Feind

19. Brief


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von Katja Neumann

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Mein lieber Herr Frings, jetzt reicht es mir langsam mit Ihren Unterstellungen. Ich zitiere aus Ihrem letzten Brief, in dem Sie behaupten, es ginge mir nur um meinen eigenen Vorteil: »Heiliger Sankt Florian, verschon mein Haus, zünd andere an!«

Lieber Herr Frings, nehmen Sie doch zur Kenntnis: Ich bin mit Leib und Seele Demokratin. Ich bin, auch wenn ich mir hin und wieder erlaube, mit dem Fahrrad auf dem Gehweg zu fahren, kein Verkehrsrowdy. Ich bin auch kein chaotischer Anarchist und ewiggestriger Romantiker, nur weil ich etwas gegen die Bauwut von Bauunternehmern habe. Ich bin die letzte, die sich aufregen würde, wenn vor ihrer Nase – also vor meinem Haus, meinem Balkon, meinem Wohnzimmerfenster - eine Tankstelle abgerissen und ein Wohnhaus an die Stelle gesetzt wird. Auch wenn das meinen Weitblick beschränken würde.

Aber ich habe etwas dagegen, wenn eine in vielen Jahren gewachsene Stadtlandschaft zerstört wird. Wenn ein einmaliges Biotop wie das des Tempelhofer Feldes, wenn eine von den Bewohnern einer Stadt so geliebte Fläche von zehnstöckigen Hochhäusern umstellt werden soll, nur damit einige wenige daran verdienen.

Geben Sie zu, dass der von Ihnen zitierte Kolumnist im Tagesspiegel Recht hat, wenn er schreibt, dass es noch immer Platz genug zum Bauen gibt. Nicht nur am Stadtrand, auch in der Innenstadt gibt es Brachen, Leerstand und unattraktive und uneffektive Bausubstanzen aus den Nachkriegsjahren, die man abreißen kann. Machen Sie doch mal einen Spaziergang zum Breitscheidplatz.

Es gibt Platz genug. Aber der Senat möchte das Tempelhofer Feld gerne verkaufen. Er hat es erworben, um es gewinnbringend weiterzuverkaufen. So wie Taekker & Co. Und die senatseigenen Gartenbauer und Stadtplaner möchten bauen, weil sie Geschäfte machen wollen. Und auch die beauftragten Architekten und Baufirmen möchten möglichst schnell möglichst viel Geld verdienen. Es sind diese kurzsichtigen finanziellen Interessen einiger weniger, die dazu führen, dass eine so einmalige Stadtlandschaft wie die des Tempelhofer Feldes für immer von der Berliner Landkarte verschwindet.

Und wenn der Senat das Volksbegehren gegen eine Bebauung des Tempelhofer Feldes, das in nur sechs Wochen immerhin 33.382 Berliner unterschrieben haben, mit der Begründung ablehnt, das Volksbegehren entspräche nicht den Plänen des Senats, dann muss sich doch jeder aufrichtige Demokrat fragen, was dieses Instrument eines Volksbegehrens noch soll. Und wie weit es mit der Demokratie gekommen ist.

Diese Entscheidung des Senates zeigt einmal mehr, mit welcher Verachtung und Arroganz die Senatoren und ihre Handlanger über die Wünsche und Anliegen ihrer Bürger hinweggehen.

Ihre aufrichtige Demokratin Katja Neumann


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