Kreuzberger Chronik
Mai 2013 - Ausgabe 147

Geschäfte

Blumen auf dem Friedhof


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von Horst Unsold

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Nicht alle, die zu Frau Rothe kommen, wollen Blumen für die Gräber. Viele kaufen auf dem Friedhof Kräuter für den Balkon.

Manchmal ist der Blumenladen am Eingang zum Friedhof so etwas wie ein Café. Dann kommen die Stammkunden kurz mal herein, um »Guten Tag« zu sagen und der Frau hinter der Ladentheke zu erzählen, was gerade schon wieder passiert. Weil man die Rita Rothe eben schon so gut und so viele Jahre lang kennt. Und wenn man gar nichts zu erzählen hat, dann redet man eben über das Wetter.
Foto: Cornelia Schmidt


Das Wetter war im März ein ergiebiges Thema im Blumenladen der Frau Rothe. Denn normalerweise schien im März, wenn sie nach den dunklen Wintermonaten Januar und Februar ihren kleinen Laden wieder eröffnete, oft schon die Sonne auf ihre Blümchen und brachte die Stiefmütterchen, den Ginster und auch das Vergissmeinnicht zum glühen, da standen vor dem kleinen Häuschen auf der Terrasse schon bunt blühende Blumentöpfchen. »Aber dieses Jahr hab ich alles wieder eingepackt. Jetzt ist es fast April, und wir haben immer noch minus zehn Grad in der Nacht.«

Viel Kundschaft hat die Gärtnerin in diesem März noch nicht gesehen. Aber der alte Herr, der regelmäßig seine Frau auf dem Friedhof besucht, schaut auch regelmäßig bei Frau Rothe vorbei. Auch er spricht vom Winter: »Mann, Mann, Mann... , ist das doch noch mal Winter geworden, was! Ganz schön kalt...« – »Naja, Sie sind ja warm angezogen«, nickt Frau Rothe. »Und Sie bleiben ja nicht so lang...« - »Nenee, sobald es anfängt zu kitzeln, mach ich mich auf den Heimweg. Ich mein, ich hab ja noch so ne alte Russenmütze, die hätt´ ich heute fast aufgesetzt.« Und dann erzählt er noch von den Unterhosen, und dass seine Frau die alten Dinger nie wegwarf, und dass er es dann auch nicht mehr übers Herz brachte, sich neue zu kaufen, und dass er diese alten Dinger nun immer noch trägt, wenn er zu ihr auf den Friedhof geht.

Das sind die Geschichten, die Frau Rothe hört, wenn ihre Kundschaft auf den Friedhof zu den Gräbern geht. Auch die Frau Schwieger kommt fast jeden Tag und schaut kurz zu ihr rein, wenn sie zu ihrem Mann geht, sagt »Guten Tag« und plaudert ein bisschen. Dann stellt sie ihre Tasche bei der Gärtnerin in die Ecke, damit sie die nicht irgendwo auf dem Friedhof vergisst, und geht zum Grab ihres Mannes. Und wenn der Schnee dann endlich einmal weggetaut ist, dann kauft sie von der Frau Rothe ein paar Blümchen, um das Grab ihres Liebsten ein bisschen sommerlicher zu gestalten.

Natürlich sind nicht alle Geschichten, die Frau Rothe von den Friedhofsbesuchern hört, so friedlicher Natur. Es kommt immer wieder vor, dass sie mit den Tränen kämpfen muss. Wenn zum Beispiel jemand, der sonst nur Blumen für den Balkon und Tulpen fürs Wohnzimmer kaufte, plötzlich einen Kranz braucht. Wenn jemand, der bislang Küchenkräuter und Sonnenblumen kaufte, plötzlich Blumen für ein Grab braucht.

Aber Frau Rothe kennt das Leben auf dem Friedhof. Sie ist seit über zwanzig Jahren auf den Gottesackern der Bergmannstraße, und sie hat bei einem Friedhofsgärtner ihre Lehre gemacht, wo sie nicht nur das Binden, das Umtopfen, das Beschneiden lernte, sondern auch das Gespräch mit den Menschen. Die Gabe der Rede war auch schon in der Brunnenstraße im Wedding von Vorteil, wo sie ihren ersten Laden hatte. »Aber das war eher langweilig«, da kam kaum einer vorbei. Also sagte sie zu ihrem Mann: »Komm, wir gehen auf den Friedhof, da ist immer was los!«

Aber auf dem Friedhof war es nicht mehr so wie damals, als sie noch zur Lehre ging. Die Bestattungsunternehmer hatten ihre eigenen Blumenlieferanten, ein blühendes Geschäft war es auch in der Bergmannstraße nicht.

Gott sei Dank hatte die Blumenhändlerin einen Großkunden gewinnen können. Um auf ihren kleinen Laden aufmerksam zu machen, hatte sie in der Zeitung inseriert und allen »Frohe Ostern« gewünscht. Auf das nette Inserat hin meldete sich der Kaufhof vom Alexanderplatz bei ihr, bedankte sich für die Osterwünsche und bestellte auch gleich ein paar Blumen fürs Jubiläum. Noch heute lässt der Großkunde bei feierlichen Anlässen seine Blumen vom Kreuzberg kommen.
Foto: Cornelia Schmidt
Ansonsten aber war das Leben auf dem Friedhof in den ersten Jahren äußerst friedlich. Und der Laden selbst war noch »ziemlich brunzelig«, überall hingen die Stromleitungen, der Putz fiel von den Wänden. Erst, nachdem Wolfgang alles neu verputzt und gestrichen und neue Fenster eingesetzt hatte, wurde es allmählich gemütlicher. Und Ende der 90er-Jahre wurde es dann auch etwas lebhafter auf dem Friedhof, immer mehr Spaziergänger tauchten auf, Leute mit Decken unter dem Arm, die den Friedhof mit seinem Vogelgezwitscher, den alten Bäumen und schattigen Bänken als Erholungsort nutzten. So entdeckten allmählich auch jene Kreuzberger den kleinen Blumenladen, die keine Toten zu beklagen hatten. Und so kam es, dass Frau Rothe allmählich mehr und mehr Küchenkräuter, Balkon- und Zimmerpflanzen in ihr Sortiment aufnahm.

Inzwischen ist sie ein fester Bestandteil des Friedhofes. Wenn es Frühling wird, kommen die Kindergärten mit ihren Kindern vorbei, um ihre Gärten zu bepflanzen. Und »dann hat jedes Kind ein Blümchen in der Hand«. Auch andere Kinder kommen schnell mal zu Frau Rothe herein und schauen, ob sie wieder den Karton mit Maoam auf der Theke stehen hat. Es hat sich unter den Kindern herumgesprochen, dass es hier Süßes umsonst gibt.

So versammelt Frau Rothe in ihrem Blumenladen die ganz Alten und die ganz Jungen. Und wenn die ganz Jungen irgendwann dann doch einmal zu den ganz Alten gehören sollten, dann werden sie ihren Kindern und Enkelkindern vielleicht von der Frau Rothe auf dem Friedhof erzählen, die immer einen Karton voller Süßigkeiten für sie hatte.•

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