Kreuzberger Chronik
März 2013 - Ausgabe 145

Kreuzberger
Trilogie vom Chamissoplatz - Teil 2:

Ich machs auch umsonst




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von Hans W. Korfmann

Titelfoto: Dieter Peters

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Er hat kein Handy. Kein Auto. Kein Internet. Er wird nicht müde, zu erzählen, dass er nicht mal eine Brille hat. Volland macht eben nicht jeden Blödsinn mit. Er hat keinen Respekt vor dem Gängigen und keinen Respekt vor Autoritäten. Ob jemand Ackermann oder Steinmeier heißt, ist ihm egal. Aber er goutiert ein gutes Essen. Einen intelligenten Satz. Ein schönes Bild. Er schätzt einen guten Musiker, unabhängig davon, ob der in der U-Bahn oder der Philharmonie spielt.

Volland sagt, was ihm gefällt. Und was ihm nicht gefällt. Das führt manchmal zu Irritationen. Wenn Volland kein Künstler wäre, würde man ihm die Tür weisen. So aber kann er, wenn die Witwe Mühlenhaupts ihren fast unberührten Teller mit Cevapcici und Kraut und Kartoffeln wieder zurück in die Küche gehen lassen will, einfach fragen: »Haben Sie etwas dagegen, wenn ich das esse?« Um später beim Essen den geladenen Gästen zu erklären, dass er etwas dagegen hat, wenn gutes Essen im Mülleimer landet.

Ernst Volland ist gut erzogen. Er achtet auf die Garderobe, hat einen höflichen Umgangston und ist stets pünktlich – auch wenn er das als eine »dumme deutsche Eigenart« im eigentlichen Kosmopoliten Volland empfindet. Er kommt aus christlichem Hause, der Vater war so katholisch, dass er beschloss, einen seiner Söhne dem Kloster zu opfern. Leider fiel die Wahl auf Ernst, und Ernst fühlte sich nicht sonderlich wohl, so »komplett eingemauert und ohne Kontakt zur Außenwelt.« Als sich nach zwei Jahren unfreiwilligen Novizentums die Lebenslust des Dreizehnjährigen auch unterhalb des Bauchnabels manifestierte, wurde er wegen mutueller Onanie – »eine damals im ganzen Kloster übliche Praxis« – von der Schule verwiesen. Noch in sieben weiteren pädagogischen Anstalten versuchte Ernst sein Glück, und obwohl er sich nirgends wohl fühlte, hielt er eines Tages das Abiturzeugnis in der Hand und ging nach Berlin, um auf einer Fabriketage am Kottbusser Tor »die etwa 176. Kommune« zu gründen.
Der Zeichner auf dem Comic-Festival, Erlangen, 1982










Man schrieb das legendäre Jahre 1968, einer seiner Mitbewohner gehörte der Bewegung 2. Juni an, einer kam gerade aus dem Knast, weil er beinahe seinen Vater erstochen hatte - und einer war ein Arbeiter, der dringend noch agitiert werden musste! Und dann war da noch Wolfgang Peter Menzel, der Kunst an der HDK studierte. Er wird am 9. März anlässlich von Vollands Ausstellungseröffnung in der Markthalle am Marheinekeplatz eine kleine Laudatio auf den Ex-Kommunarden halten.

Denn auch Volland ging an die HDK. »Ein Freund aus Wilhelmshaven hatte ein paar Sachen von mir mit nach Berlin genommen und sie seinem Professor gezeigt. Der meinte, ich könnte mir die Aufnahmeprüfung sparen, er nehme mich. Also ging ich nach Berlin.« Und das war »ein Knaller. Ich kam aus der ruhigen Provinz, und die erzählten ständig was von Revolution und Widerstand. Ich hatte von nix ne Ahnung.« Anders als der Galerist Werner Tammen, der irgendwann bei der SPD landete, hat sich Volland nie einer Partei oder einer politischen Gruppe angeschlossen. Unpolitisch war er dennoch nie. Er beschloss, »den Widerstand irgendwie mit Kunst zu unterstützen.«

Werner Tammen und Ernst Volland sind alte Freunde. »Wir können miteinander«, sagt Tammen. Aber die Kunstszene hat ihre zwei Seiten, und Volland steht auf der einen, Tammen auf der anderen. Der eine macht Kunst, der andere verkauft sie. Begonnen haben sie noch gemeinsam, in Wilhelmshaven. Ernst Volland war es, der eines Tages »im grauen VW-Käfer von Hilke – dem mit der kleinen Heckscheibe -« nach Wilhelmshaven fuhr, Werners Matratze auf dem Dach festband und den jungen Tammen nach Kreuzberg entführte.

Kreuzberg ist Vollands wichtigste Zwischenstation. »Ich wohne in Steglitz, dem langweiligsten Bezirk Europas! Der einzige Vorteil ist, dass niemand zufällig vorbeikommt. Und meine Freundin wohnt in Prenzlauer Berg, wo natürlich ständig zufällig jemand vorbeikommt und stört.« Irgendwo dazwischen aber liegt Kreuzberg, und in einem Hinterhof in der Zossener Straße befindet sich die Agentur Voller Ernst. Dort hat Volland sein Telefon und seinen Internetanschluss. Er ist jeden Tag dort. Eigentlich ist er ein Kreuzberger. Der Unterschied zwischen ihm und den echten Kreuzbergern war schon früher, dass Volland gegen Mitternacht den Heidelberger Krug verließ, um die letzte Bahn zu erwischen. »Während die andern bis vier Uhr morgens dort herumsaßen und weiterquatschten.«

Volland ist, so wie die meisten legendären Kreuzberger der Siebziger, kein passionierter Frühaufsteher. Aber er stand früh genug auf, um gemeinsam mit Heinz Krimmer die Agentur Voller Ernst ins Leben zu rufen, die inzwischen die weltweit »größte Sammlung« komischer Fotografie archiviert. Voller Ernst, weil Volland »eigentlich ein sehr ernsthafter Mensch« ist. Seine von der Heinrich Böll Stiftung geförderte Ausstellung »Eingebrannte Bilder« zum Beispiel zeigt berühmte Fotografien oft tragischer, geschichtsträchtiger Momente: Da liegen die erschossenen Benno Ohnesorg und Che Guevara, da kniet Brandt, da springt der Soldat mit der Kalaschnikow als einer der letzten über den Stacheldraht der Berliner Mauer. Es sind berühmte Bilder, bis zur Unkenntlichkeit verunschärft und verändert. So wie das Bild von Anne Frank, deren Augen nur noch riesige, schwarze Löcher sind. Sie ist die Personifikation des Todes. Volland bewahrt diese wichtigen Bilder vor dem Vergessen, indem er sie verändert, indem er noch einmal, Jahre danach, die Neugierde im Betrachter weckt, der rätselnd davor steht und sich fragt, ob er dieses Bild nicht schon einmal irgendwo gesehen hat. So brennt er sie ins »kollektive menschliche Gedächtnis.«

Als die Neue Gesellschaft für Bildende Kunst erkannte, dass Volland kein Spaßmacher war, sondern dass dieser Mann es ernst meinte, beschloss sie, den Nachwuchskünstler auszustellen. Volland aber wollte seine Bilder nicht einigen wenigen Kunstinteressierten in muffigen Räumen zeigen, sondern unter freiem Himmel für alle Berliner ausstellen. Also wurden verschiedenste Genehmigungen eingeholt und mehrere Plakatwände mit den Werken Vollands vor der Gedächtniskirche zu einer riesigen Ausstellungsfläche zusammengeschoben. Am 3. Juni 1981 sprach Otto Schily zur Eröffnung der Ausstellung am Breitscheidplatz, aber drei Tage später übermalte die Polizei Vollands Arbeiten großflächig mit weißer Farbe, da Mitglieder der Jüdischen Gemeinde ein Hakenkreuz erkannt hatten. Dreimal musste die Ausstellung wieder aufgebaut werden, doch die Hochschule der Künste und die Neue Gesellschaft verhielten sich still.

Da wurde Ernst noch ernster. Er beschloss, es der Kunstszene heimzuzahlen. Er wollte der Kunstgemeinde, die allem huldigte, was einen Namen hatte und Geld versprach, den Spiegel vorhalten. Also erfand er die Kunstfigur Blaise Vincent, einen in Berlin noch unbekannten, im Heimatland aber bereits prämierten Franzosen, den es nach Berlin verschlagen hatte. Mit seiner Idee ging er zu Tammen und Krolow am Chamissoplatz, malte einige Tage in der Backstube am Werk des fiktiven Vincent, erfand mit Tammen eine Vita für den Künstler und veranstaltete am 12. März 1983 die Vernissage in Tammens Galerie: »Blaise Vincent, Frische Malerei«. In Anlehnung an die damaligen »Jungen Wilden«.

»Da der Tagesspiegel gleich eine halbe Seite über den Maler mit dem klingenden Namen brachte, war es bei der Vernissage rappelvoll.« Der Aufstieg Vincents war unaufhaltbar. Die Drei vom Chamissoplatz wurden den Geist, den sie gerufen hatten, nicht mehr los. Ein junger Mann musste Vincent mimen, saß bei Diskussionen Bier trinkend und schweigend daneben, wenn die Sachverständigen dozierten. Als eine Journalistin darauf bestand, das Atelier Vincents zu besuchen, schaffte Volland ein paar Bilder in die Wohnung des Doubles. Damit der falsche Franzose, der eigentlich aus Jugoslawien kam, nicht zu viel Falsches erzählen konnte, sollte Werner Tammen nach 15 Minuten zufällig in der Wohnung auftauchen. Doch der hatte einen Zahnarzttermin und verspätete sich. »Als er endlich auftauchte, hatten Vincent und die Journalistin schon zwei Joints geraucht und verstanden sich auch ohne viele Worte prächtig.«
Ein halbes Jahr später, als ein bekannter Galerist Volland fragte, ob er ihm diesen Vincent nicht für eine Ausstellung vermitteln könnte, flog der ganze Schwindel auf. »Der stand plötzlich in der Galerie und drohte mit Polizei und Anzeigen und Geldstrafen. Daraufhin haben wir dann eine Ausstellung am Chamissoplatz organisiert, in der wir die ganze Geschichte dokumentierten und als satirische Aktion darstellten. « Auch diese Ausstellung wurde ein Erfolg.

All diese Ausstellungen und Geschichten trugen dazu bei, dass der Chamissoplatz allmählich den Ruf des Kreuzberger Montparnasse genoß. »Wir tranken, standen nächtelang am Tresen und quatschten, aber wir hatten dabei immer ein gewisses intellektuelles Niveau.« Nachmittags spielten sie - ganz so wie die Franzosen - Boule. Seit Uwe Müller und Ernst Volland 1985 mit Wolfgang Krolow und einigen seiner Fotografien nach Montpellier zu einer Ausstellung gefahren und mit ein paar Boulekugeln im Gepäck wieder heimgekehrt waren. Noch heute rollen »am Mäuerchen am Platz die Kugeln.« »Geld spielte damals keine Rolle, für keinen von uns«. Nicht einmal für Werner Tammen. Obwohl der natürlich ans Geld denken musste.

Der handelte mit Kunst, war ein Verkäufer. Aber eigentlich, sagt Volland, »war er viel zu nett für dieses Haifischbecken der Kunstszene. Sonst wäre er reich geworden.« Dass Volland nicht reich wurde, war klar. Volland sagte schon immer: »Ich mach´s auch umsonst!«Volland kann einige Anekdoten erzählen aus der Kunstszene. Geschichten wie die vom alten Schulfreund, den er nach dreißig Jahren auf einer Ausstellung tatsächlich an der Nasenspitze wiedererkennt. Volland ist Künstler geworden, der Freund ein erfolgreicher Galerist. Leider einer, der keine Zeit mehr hat für alte Schulfreunde und Erinnerungen, und der sich schnell entschuldigt, um mit zwei hübschen Damen an der Seite einen potentiellen Käufer zum Kauf zu bewegen.

Siebzig dieser Geschichten hat er schon aufgeschrieben, humorvoll, entlarvend und sensibel. Volland kommt aus katholischem Hause. Er sagt, was er meint, aber er sagt es höflich. Egal, ob er schreibt, malt oder spricht. Er sagt es mit einem leisen, freundlichen Humor. Ohne Bitterkeit. Auch wenn es ihm eigentlich sehr ernst ist. •







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