Kreuzberger Chronik
März 2013 - Ausgabe 145

Geschichten & Geschichte

Bilderrahmen aus Kreuzberg


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von Werner von Westhafen

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Künstler, Fotografen und Ferdinand Wehner waren sich einig, dass jedes Bild seinen passenden Rahmen braucht.



Heute findet man sie auf Flohmärkten und bei den Trödlern. Sie stehen zwischen alten Schränken, hängen an den Wänden, lehnen an Kleiderständern mit alten Pelzen auf der Straße: die Ovale verschnörkelter, großer Spiegelrahmen, und die Rechtecke schwerer Gemälderahmen. Wenn Interessenten die opulent verzierten, manchmal vergoldeten Rahmen in die Hand nehmen, wundern sie sich über ihr Gewicht. Sie vermuten, dass der Rahmen aus Holz ist. Doch die schmuckvollen Verzierungen sind aus Kreide, Leim und Harz zusammengemischt.
Die zuerst elastische, warme Modelliermasse wurde in Formen gewalzt und dann auf den Holzrahmen aufgeleimt. Eine Technik, die entwickelt wurde, weil das Schnitzen von Rahmen ein zeitaufwendiges Kunsthandwerk war, also eine Arbeit, die den Preis eines Spiegels oder eines Bildes um ein Vielfaches erhöhte. Noch heute preisen Trödler den alten Wandschmuck gerne mit den Worten an: »Das Gemälde können Sie vergessen – aber der Rahmen, gnäd´ge Frau, der Rahmen...« .

Ferdinand Wehner war ein erfolgreicher Rahmenmacher. Er hatte seine erste Werkstatt in der Friedrichstraße, in der Nähe des ehemaligen Belle-Alliance-Platzes. Aber Wehner war nicht nur Handwerker, er war vor allem Erfinder.
Er war ständig auf der Suche nach neuen, besseren Techniken der Rahmenherstellung, und er baute die dazugehörigen Werkzeuge und Maschinen selbst. Er erfand die metallenen, biegbaren Zierecken, mit denen er die mangelnde Passgenauigkeit an den Ecken der Rahmen perfekt kaschieren konnte. Wehner stellte ein ganzes Sortiment solcher Zierecken für die verschiedensten Rahmen zusammen, mit dem er 1896 auf der Gewerbeausstellung in Treptow an einen eigenen Stand hatte – sieben Jahre nach der Geschäftsgründung. Das war ein Erfolg.

Des Öfteren musste sich der fleißige Handwerker nach neuen und größeren Räumen umsehen. Dabei suchte er stets die Nähe zum Kanal, über den er Holz und Kreide erhielt. Er zog von der Stallschreiberstraße erst in die Oranienstraße und dann in die Ritterstraße. Als Wehner sich mit seiner kleinen Fabrik in der Sebastianstraße ansiedelte, zählte der Betrieb bereits zu den drei größten Rahmenherstellern Deutschlands. Noch viele Jahre nach dem Krieg ließ es sich der vom Erfolg beflügelte Unternehmer nicht nehmen, in Anzug und Krawatte und mit seinen schweren Sortimentkoffern unter dem Arm wie ein Vertreter auf Reisen zu gehen, um neue Geschäftspartner zu finden. »Ohne Fleiß kein Preis«, war sein Leitspruch.

Als Wehner von einer dieser Geschäftsreisen heimkehrt und plötzlich verstirbt, übernimmt seine Frau die Geschäfte. Der Erste Weltkrieg ist vorüber, die barocken Rahmen sind aus der Mode gekommen, aber die Fotografie ist auf dem Vormarsch. In allen Wohnzimmern hängen die ovalen Rahmen der Ahnengalerien, Fotografien von Großvätern und Großmüttern, Kindern und Verwandten. Fotorahmen sind für einige Jahre »der Renner« im Geschäft der Frau Wehner. Auch die Gardinenleisten, die sie ins Programm aufgenommen hat, verkaufen sich gut.

Magdalena Wehner, die stets im Schatten ihres Mannes gestanden hatte, erweist sich als ebenso talentierte und innovative Geschäftsfrau wie der Firmengründer selbst. 1932 hat sie genug Kapital angehäuft, um ein Grundstück in der Skalitzer Straße Nummer 68 zu kaufen und ein Wohnhaus, sowie ein Fabrikgebäude mit zwei Höfen zu erbauen. Die kleine Werkstatt am Belle-Alliance-Platz, in der ihr Mann einst alleine stand und arbeitete, ist zu einem großen Betrieb geworden, in dem Tischler, Glaser, Grundierer, Vergolder, Buchbinder, Rahmenmacher, sowie Kontoristen, Buchhalter und Kaufleute, Sekretärinnen, Lagerarbeiter und Fahrer arbeiten. Als sie 1965 stirbt, übernimmt die Tochter.

Die Leisten von Wehner erlangten einen internationalen Ruf. Als die Firma 1972 an mehrere Teilhaber verkauft wurde, hatte Wehner beinahe 1.000 verschiedene Eck – und Leistenmuster kreiert. Sogar Blattgold wurde bei Wehners verarbeitet, und als 1993 ein neugieriger, alter Mann hinter die bleiverglasten Fenster blickt und die verlassenen Räume in der Skalitzer Straße betritt, findet er noch kleine Säckchen mit Goldstaub in den hölzernen Regalen. Das verlassene Gebäude der Firma »F. Wehner, Kunstverlag und Rahmenherstellung«, ist eine Schatztruhe voller antiquarischer Werkzeuge, Kunstdrucke und einer komplett erhaltenen Jugendstileinrichtung. Hunderte schwerer, noch aus Leim und Kreide gefertigter Gussformen liegen in den Lagern, Model voller Blüten, Früchte und Muscheln, die später den Spiegel wie Girlanden umrahmten.

Einige dieser Formen sind jetzt im Kreuzbergmuseum und erzählen dort die Geschichte des fleißigen Handwerkers Wehner aus der Skalitzer Straße. •

Literaturnachweis: Helga Lieser, Blatt- Frucht- und Muschelwerk, in »made in Kreuzberg«, Kreuzbergmuseum, 1996

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