Kreuzberger Chronik
März 2013 - Ausgabe 145

Reportagen, Gespräche, Interviews

Willi Mühlenhaupt in der Markthalle


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von Michael Unfried

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Eine große Ausstellung über Willi Mühlenhaupt gab es noch nie. Jetzt soll er in die Markthalle kommen. Doch es fehlen Bilder.


Drei Jahre ist es her, als auf der Galerie der Markthalle am Marheinekeplatz die erste Ausstellung gezeigt wurde. Es handelte sich um Karikaturen von Klaus Stuttmann, der seit vielen Jahren unweit der Markthalle wohnt. Community Impulse war der Initiator dieser Ausstellung, eine Initiative, die von den Kiezbeobachtern mit Skepsis und Misstrauen empfangen wurde. Insbesondere am stets kompromisslosen John Colton, dem unermüdlichen Netzwerker und Kopf der Initiative, schieden sich die Geister. Nicht ohne Ironie schrieb auch die Kreuzberger Chronik von einer Gruppe nach eigenen Worten »kreativer Menschen« und deren Wimpelketten, die von Fenster zu Fenster über die Straße gespannt wurden, um die Nachbarn einander näher zu bringen.

»Die suchen nur eine Plattform zur Selbstdarstellung«, lästerte man im Wasserturm. Doch nach Lichtfest, Wimpelketten und Lampionwettbewerb kam die erste große Ausstellung, und zur Eröffnung erschien der Kreuzberger Bürgermeister persönlich. Denn Stuttmann, der seit den Siebzigerjahren in Kreuzberg lebt und seit vielen Jahren als Karikaturist für den Tagesspiegel arbeitet, von dem in Hannover eine Retrospektive gezeigt wurde und dessen Karikaturen es immerhin bis in die Tagesschau der ARD geschafft hatten, war in Kreuzberg fast noch ein Unbekannter. Colton organisierte die längst überfällige erste größere Ausstellung in dessen Heimatviertel, und sie wurde ein Erfolg.

Es folgten zahlreiche weitere Ausstellungen mit dem Fotografen Wolfgang Krolow, dem Satiremagazin Titanic, dessen Verlag seit geraumer Zeit ebenfalls in Kreuzberg sitzt, oder der Zeichnerin Vio Mütter, einer weiteren Kreuzbergerin, die seit Jahren Comics für Kinder aus Kreuzberg zeichnet. Genial war die Ausstellung des Cartoonisten und Autors Gerhard Seyfried, und auch die Retrospektive mit dem Titel »Augenblicke«, die Schwarz-Weiß-Fotografien verschiedener Fotografen aus dem Kreuzberg der Siebzigerjahre zeigte, zog Tausende Besucher an. Die Arbeit von Colton und seinem Team ist beeindruckend. Das haben spätestens seit dem Browse Fotofestival im Sommer 2011 mit internationalen Fotografen und Ausstellungen in verschiedensten Kreuzberger Lokalitäten auch die anfänglichen Skeptiker bemerkt.

Als im April 2011 der wohl bekannteste Kreuzberger Maler auf der Galerie der Markthalle ausgestellt wurde, kam sogar der Regierende Bürgermeister angereist. Begleitet von einer kleinen Kreuzberger Protestaktion gegen deren Verkauf von Miethäusern wurde »Kurtchen« Mühlenhaupt präsentiert. Die Witwe erzählte aus dem Leben des Malers und Antiquitätenhändlers, wobei auch der Name des Bruders fiel: Willi Mühlenhaupt. Auf dem Büchertisch lag ein kleines Bändchen mit Bildern des Bruders Willi.


Als Colton das kleine Büchlein sah, war schnell klar, dass eine seiner nächsten Ausstellungen eine über Willi Mühlenhaupt werden musste. Seitdem hat sich der Ire auf die Suche gemacht nach Kreuzbergern, die irgendwo noch einen von Willis berühmten Hampelmännern oder ein Bild von ihm an der Wand oder in der Schublade haben. »Das ist ein Akt der Solidarität mit Willi. Die Leute haben die Bilder damals doch alle fast geschenkt bekommen. Und jetzt wollen einige von denen die nicht mal verleihen. Aber ich werde diese Ausstellung dann trotzdem machen. Wenn nicht genügend Bilder zusammenkommen, dann bleiben die Wände eben leer.« John Colton wäre nicht John Colton, wenn er diese Drohung nicht auch wahrmachen würde.

Colton möchte Willi Mühlenhaupt ehren. Denn Willi, dessen Hampelmänner manchmal in den Kreuzberger Schaufenstern der 60er-Jahre hingen, und der seine Bilder – so wie damals üblich unter den Kreuzberger Malern und Lebenskünstlern – bei Schlumm in der Solmsstraße gegen Leisten für Rahmen eintauschte, und der sie im Leierkasten und anderen Kneipen gegen Bier und Korn eintauschte, hatte stets im Schatten des großen Kurt gestanden. Dabei hatte Willi seinen ganz eigenen Stil. Auch wenn Kurt es war, der den Bruder seinerzeit vor der Depression rettete, indem er ihm einen Pinsel und Farben in die Hand drückte.

Wie es dazu kam, und wie dieses Leben des Willi Mühlenhaupt sich anfühlte, hat Stephanie Jäckel im Februar vor 13 Jahren in der Kreuzberger Chronik in einem kurzen, aber wunderbaren Text von den zwei Leben des Willi Mühlenhaupt beschrieben:

»Das erste Leben beginnt 1907 in einem Kaff an der Oder und endet 1958 unter einer Tempelhofer Brücke. Die Jugend war unstet, 1909 stirbt Willis Mutter, er kommt ins Heim, dann wieder zurück zur Familie, lebt mal in Minden, mal in Prag, seit 1923 in Berlin. Seine Schulzeit ist beendet, als er den Ranzen in einen Kanal wirft. Auch im Beruf hält er es nie lange aus. Für ein paar Jahre ist er Sattler, dann Futtermeister, Schaffner, Kammerjäger, Portier und Straßenfeger. Er heiratet die Tochter des Oberstraßenfegers Schiberowski, und als diese stirbt, will auch er nicht mehr leben. Er geht zum Teltowkanal, um sich zu ertränken, doch das Wasser stinkt so sehr, daß er noch am Ufer ohnmächtig wird. Sein jüngerer Bruder, zu diesem Zeitpunkt schon ein bekannter Maler, findet ihn zufällig und nimmt ihn mit nach Hause.

Hier beginnt das zweite Leben des Willi Mühlenhaupt. Geschickt lenkt der Bruder den Lebensmüden mit verschiedenen Arbeiten ab. Naheliegend, daß er es auch mit Pinsel und Farben versucht: »Mal mal wat!« - und Willi malt. Als das erste Bild für 30 Mark verkauft wird, ist Willi aus dem Gröbsten raus. »Da hab ick mir jefreut, und da hab ick so bei mir jedacht: mal ick weita.« «

Und weil die kleinen Menschen, die er in seine phantastischen Kreuzberger Landschaften malt - durch die durchaus einmal ein Saurier oder ein Lama spazieren kann, immer wie der Hampelmann aussahen, mit dem er in der Kindheit gespielt hatte, beginnt er, bewegliche Figuren aus Holz und Kunststoff auszusägen und bunt anzumalen. Eine regelrechte Serienproduktion beginnt, ..., er schnitzt Hampelmänner, Hampelväter und –mütter, Hampelkinder und Hampeltiere. Überall in der Wohnung liegen Beine, Arme und Ohren zum Trocknen aus. Wenn er keine Lust mehr hat, macht er die Hampelwesen nicht fertig, sondern signiert ihre losen Glieder und verhökert sie. Ob das dann Kunst ist, interessiert ihn nicht.

Auch als Sammler seine Bilder kaufen, bleibt er der unbekümmerte Bastler. Kommt längere Zeit kein Käufer, verschenkt er die Bilder an Nachbarn, kommt dann wieder einer, verlangt er viel zu niedrige Preise. Als ihm im Winter 1961 das Brennholz ausgeht, leiht er sich kein Geld, sondern verfeuert 50 Bilder. Einem Kunden, der kurz danach vorbeischaut, erklärt er: »Da kommste zu spät, ick hab alles verbrannt, denn ick brauch viel Wärme.«

Anders als Kurt, der sich mit Hut und Bart schmückte und schnell zum Kreuzberger Boheme stilisierte, blieb Willi einfach immer nur Willi. Er malte, er bastelte, aber er verkaufte nichts. Es war Kurt, der Willis Arbeiten verkaufte, »zu Zahlen hatte Willi halt keine Beziehung, und damit auch keine Beziehung zum Geld.«
Während Kurt gut verdiente, lebte Willi von der Hand in den Mund. Und während die Bilder Kurts in Katalogen aufgelistet und in umfangreichen Sammlungen und in Museen archiviert werden, sind die Arbeiten Willis noch immer weit verstreut. Deshalb hat John Colton sich in den Kopf gesetzt, die kleinen Kunstwerke, die heute in Kneipen und Wohnzimmern einiger weniger Sammler ein tristes Dasein führen, ans Tageslicht zu holen. Colton möchte dem Mann mit den bunten Bildern im Kopf zu seiner ersten, großen Ausstellung verhelfen. Er möchte diese bunten, phantastischen, verspielten Kunstwerke vor dem Vergessen bewahren, indem er sie auf die Galerie in der Marheinekehalle hebt.

Denn wirklich erfolgreich war der glücklose Maler der Hampelmänner nie. Obwohl er, vielleicht mehr noch als der Trödler und Kneipier Kurt, mit Herz und Seele Künstler war. Einer, in dessen Augen alles, was er sah, zu einer neuen, ganz anderen Welt zusammenschmolz.
Einer phantastischen Welt mit Sauriern, Hochhäusern, Boxkämpfern, Fußballern, Hunden, Automobilen – und vielen, vielen Hampelmännern. Einer Welt, in der für das alles ein Platz war. Vielleicht werden bis zum Herbst genügend Bilder zusammengekommen sein, damit in der Marheinekemarkthalle endlich eine Ausstellung eröffnet werden kann, die die ganze Genialität dieses fast schon vergessenen Willi Mühlenhaupt zeigt. •









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