Kreuzberger Chronik
Juli 2013 - Ausgabe 149

Strassen, Häuser, Höfe

Mehringdamm Nummer 29


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von Werner von Westhafen

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Im Lauf der Jahre änderte die Straße dreimal ihren Namen, das Haus seine Hausnummer. Aber die Steine blieben.


Auf dem wahrscheinlich ältesten Bild des Hauses tragen die Herren noch die Hände auf dem Rücken und Melonen auf dem Kopf. Die Röcke der Frauen sind knöchellang, die hohen Frisuren unter hohen Hüten verborgen. Das Bild stammt aus einer Zeit, als sich Fußgänger augenblicklich in Pose warfen, wenn ein Fotograf auftauchte und die Kamera auf ein Haus oder ein Lokal richtete, damit die stolzen Eigentümer eine Postkarte von ihrem Besitz anfertigen konnten. Aber auch die einfachen Passanten wollten an der Unsterblichkeit teilhaben, die eine Fotografie versprach. Und so stehen sie auch auf dieser Aufnahme im Torbogen des Hauses, bleiben stehen und stützen sich auf den Gehstock, damit der Fotograf nicht nur die Familie des Eigentümers, die im dritten Stock aus dem Fenster lehnt, sondern auch sie für alle Ewigkeit festhält.

Es war eine Zeit, als selbst Kieferorthopäden noch den Ruf des Künstlers genossen. »Atelier für künstliche Zähne – Julius Ehricht« steht über der hohen Tür zum Hinterhaus. Gleich daneben offerierte in drei Schaufenstern Wilhelm Reimer ein Universum an »Papier-Schreibund Zeichen-Waaren«. Neben »Comtoir Utensilien, Contobüchern«, Formularen und Büroartikeln warten »Kurz-Leder-Waaren«, Atlanten,
Briefordner, Schulbücher, Kochbücher, Kursbücher und »Berliner Provinzial Gesangsbücher« im Sortiment. Sogar eine Leihbibliothek wurde eingerichtet, und für die Damenwelt hielten Reimer und seine Nachfahren stets einige »erlesene Kurz- und Galanteriewaren« bereit.

Es waren goldene Zeiten, vor den Stadttoren entstanden breite Straßen, prächtige Häuser und vornehme Geschäfte. Auch das Hausaus dem Jahre 1864 mit Reimers Papierladen trug einst Stuck und ausladende Fenstersimse. Es ist eines der ältesten der Gegend, immer wieder stoßen Handwerker auf unnachgiebige Feldsteine. Als das Haus die Nummer 40 erhielt, lag es an einer Straße, auf der noch Pferd und
Reiter aus dem Halleschen Stadttor hinaus nach dem Dörfchen Tempelhof eilten. Später rollten auf dem neuen Kopfsteinpflaster die ersten Automobile, und aus der Tempelhofer Straße Nummer 40 wurde noch im 1864 die Belle Alliance Straße Nummer 94.

Auch die Papierwarenhandlung, die gleich zu Beginn in das Hausvor dem Belle Alliance Platz einzog, wechselte bald den Namen. Eingewisser Ernst Kuhn übernahm 1878 das Geschäft und gründete die Firma »W. Reimer Nachf. Ernst Kuhn.« Zehn Jahre später hatte der Nachfolger mit viel Geduld und viel Papier so viel Geld erwirtschaftet, dass er auch das Haus mit der Nummer 94 von einem Mann mit dem Allerweltsnamen Müller für 85.000 Taler kaufen konnte. Noch im selben Jahr erhielt Kuhn die Genehmigung zur Errichtung eines Pferdestalles im 2. Hinterhof, denn das Geschäft expandierte, ein Fuhrpark musste eingerichtet werden. Kuhn nahm auch Spielwaren in sein Sortiment auf, und zur Weihnachtszeit mussten »Schutzleute den Käuferstrom
« vor dem Laden regeln. In den Dreißigerjahren befreite Reinhold Kuhn, der Nachfahr des Nachfahren, Haus und Laden von den vielen Zierden und ließ Neonröhren an der Hauswand aufleuchten, die nach amerikanischem Vorbild auch in dunkler Nacht von der Papierwarenhandlung kündeten. Der Stuck und die Fenstersimse fielen der modernen Sachlichkeit zum Opfer, doch immer mehr Menschen strömten
aus dem Eingang zur U-6 geradewegs in den Papierladen.

Den 2. Weltkrieg überlebte das Haus nur durch die Brandwachen. Auch der spätere Prokurist, Heinz Hausburg, der bei Kuhn in die Lehre ging und später Geschäft und Haus übernahm, hielt Wache. »Immer wieder fielen die Brandbomben durchs Dach«, aber das Schlimmste konnte verhindert werden. Lediglich der Seitenflügel wurde getroffen und musste erneuert werden. Dann richteten die Sowjets in den Büroräumen hinter dem Geschäft ein Lazarett ein, und während vorn Papierwaren verkauft wurden, wurde hinten Erste Hilfe geleistet.

Vieles änderte sich nach dem Krieg. Die Straße, einst benannt nach dem großen Sieg gegen einen kleinen Franzosen namens Napoleon, wurde nach einem deutschen Sozialdemokraten benannt: Franz Mehring. Aus der Belle Alliance Straße 94 wurde der Mehringdamm 29, und in dem Ladengeschäft der Firma Reimer Nachf. Kuhn steigen
keine unzähligen Mitarbeiter mehr auf hohen Leitern zu den Regalen bis unter die Decke, während die Kunden an der hölzernen Theke warten. Die Kunden können sich längst selbst bedienen, und das Geschäft, das 127 Jahre lang den Namen Reimer trug, heißt heute »Büroservice Müller«. Nur der alte Prokurist ist noch da. Mit 87 Jahren kehrt Heinz Hausburg noch immer täglich an seinen Schreibtisch zurück, an dem
sich schon vor ihm einst Reinhold und Ernst Kuhn über die Akten und Zahlen der Firma Reimer Nachf. Kuhn beugten.•


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