Kreuzberger Chronik
Juli 2013 - Ausgabe 149

Mein liebster Feind

letzter Brief


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von Katja Neumann

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Mein lieber Herr Frings, ich nehme Ihr Angebot, unsere Brieffeindschaft an dieser Stelle zu beenden, selbstverständlich dankend an. Auch ich habe das Gefühl, dass eine Fortführung dieser Korrespondenz letztendlich zu nichts anderem als einer Manifestierung Ihrer Vorurteile gegen Fahrradfahrer führen würde. Während ich in unseren ersten Briefen immerhin noch ein »Ja - aber« von Ihnen lesen konnte und Sie mich mit »Liebe Frau Neumann« ansprachen, verhöhnen Sie mich doch inzwischen nur noch als fahrradfahrende Demokratin.

Ich werde aber deshalb weder von meinem hohen alten Stahlross heruntersteigen, noch werde ich mich der Diktatur meiner Launen unterwerfen wie Sie. Ich werde von ganzem Herzen Demokratin bleiben, auch wenn die politischen Parteien dieses und anderer Länder den Begriff der Demokratie inzwischen so weit ad Absurdum führen, dass sogar alternde Juristen ihn inzwischen als Schimpfwort missbrauchen. Liebster Brieffeind - ich hoffe, Du gestattest mir am Ende unseres Disputes ein vertrauliches »Du« -: Glaubst Du im Ernst, dass es gut ist, wenn Du Dich über Menschen lustig machst, die etwas mehr Ruhe in der Stadt suchen. Die etwas dagegen haben, wenn das Tempelhofer Feld auch noch mit Eigentumswohnungen bebaut werden soll. Die etwas dagegen haben, wenn es keine Mietwohnungen mehr gibt. Die etwas dagegen haben, wenn nur Produkte großer Pharmakonzerne in den Apotheken liegen. Glaubst Du im Ernst, dass der Fahrradfahrer den Kürzeren zieht, wenn er mit einem Autofahrer kollidiert, und dass es unter den Autofahrern und den Fußgängern nicht genau die gleichen Idioten gibt wie unter den Fahrradfahrern?

Nein, das glaubst nicht einmal Du im Ernst. Und wenn einer von uns beiden hier der postpubertäre oder prosenile »Neinsager« ist, der

-ich zitiere - »nur um des Protestes Willen protestiert«, dann bist Du das. Du nämlich bist, im Gegensatz zu harmoniesüchtigen Demokratinnen, immer auf der Suche nach den Widersprüchen. Du musst immer und überall Einspruch einlegen, koste es, was es wolle, koste es am Ende vielleicht sogar das Urteil der Vernunft. Aber vielleicht - und damit möchte ich, bevor ich zu privat werde, lieber wieder zum respektierlichen »Sie« zurück - vielleicht ist das ja so eine Berufskrankheit, sehr geehrter Herr Anwalt.

Gestatten Sie mir aber, mein liebster Feind, am Ende noch das Geständnis, dass mich unsere kleine Brieffeindschaft manchmal doch auch ein wenig amüsiert hat. Die Vorstellung aber, tatsächlich eines Tages Ihre versehentlich ausgesprochene Einladung anzunehmen und mit Ihnen in einem dieser langweiligen Cafés in der Bergmannstraße zu sitzen und freundlich über die schöne Welt zu plaudern, ist mir ein Greuel. Nehmen Sie´s mir nicht übel, aber ich glaube, ich werde mir einen neuen Brieffeind suchen.

Ihre treulose Demokratin Katja Neumann

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