Kreuzberger Chronik
Juli 2013 - Ausgabe 149

Geschäfte

Der Duft von Papier


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von Manuela Krause

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Nicht jeder Kunde im Schreibwarenladen am Mehringdamm möchte etwas kaufen. Der Ort weckt Kindheitserinnerungen.



Es gibt Geschäfte, die man auch mit geschlossenen Augen wiedererkennen kann. Der Laden von Herrn Müller am Mehringdamm ist so ein Ort. Der unverkennbare Duft von Papier mit holziger, süßlich warmer Note schwebt im Raum.

»Riech ma. Riechste det ? Herrlich, wa!« Petra arbeitet seit 26 Jahren hier. Sie kam als junges Mädchen in das alte Schreibwarengeschäft, hat ihre Ausbildung hier gemacht und ist für immer geblieben. Und den Duft von Papier liebt sie über alles. »Det hab ick schon als Kind jeliebt. Da bin ick nach der Schule zum Hertie in die Schreibwarenabteilung. Nur, weil det so jut jerochen hat.« Auch Claudia ist schon seit über zwanzig Jahren im Geschäft, sie kam gleich nach der Wende: »Damals wehte hier noch ein anderer Wind. Es gab noch keine Selbstbedienung. Nee, die Kunden ham sich in Sessel jesetzt und dann durften wa bedienen. Dit war toll. Wir hatten Spaß und die Kunden och«. Einige der Kunden haben dem Laden und den alten Sitten bis heute die Treue gehalten. Sie halten tapfer an den alten Bräuchen fest und weigern sich schlichtweg, irgendetwas im Laden selbst aus dem Regal zu nehmen. Obwohl es keine Sessel mehr gibt, in denen sie auf die fachkundigen und freundlichen Damen warten können.

»Und die kommen nicht nur aus dem Kiez. Die kommen aus Spandau oder Moabit, weil sie wissen, dass es hier Artikel gibt, die gibt es eben nur noch bei uns!« Dirk Müller sagt das nicht ohne Stolz und zeigt auf die juristisch geprüften Profi-Verträge und die Vordrucke von Formularen. Manche Kunden kommen allerdings nur aus Nostalgie: »Die ham mal hier jearbeitet oder jewohnt und nu wolln sie nochma kieken oder ne Brise Papier schnuppern«. Oder sie kommen, um mal wieder mit Petra zu plaudern. Der Verkäuferin wird so einiges anvertraut. Petra ist schließlich eine echte Berlinerin, sie redet gern und viel, genau wie Kollegin Claudia. Ohne die beiden Verkäuferinnen wäre das Schreibwarengeschäft nur ein namenloses Schreibwarengeschäft mit Radiergummis und Bleistiften. So aber ist es »Reimer, Nachfolger Kuhn« – auch wenn es seit dem Anbruch des 21. Jahrhunderts schon etwas moderner »Büroservice Müller« heißt.

Das Sortiment ist vielfältig, vom Radiergummi bis hin zum Zirkel findet der Schreibende und Zeichnende in den Regalen der drei Verkaufsräume des Herrn Müller alles, was er für seine Arbeit braucht. Und darüber hinaus Bastelmaterial, Geschenkartikel und kleine Souvenirs für vorüberflanierende Touristen. Schließlich befindet sich auf der anderen Seite des Damms neuerdings ein Hostel.

Doch auch ohne Touristen ist das Publikum bunt: Ein elegant gekleideter Mittvierziger mit silbrigem Haar und Brille erkundigt sich nach Seidenpapier, ein untersetzter Mann im schmuddeligen Arbeitsoverall braucht dringend noch eine Geburtstagskarte für seinen Kollegen, und ein lässig gekleideter Intellektueller mit Hermann-Hesse-Brille und Brecht-Mütze erkundigt sich nach Klarsichthüllen und Mengenrabatt. Eine alte Frau im blümchenbedruckten Kittelkleid mit Krücke und Plastikbeutel ist auf der Suche nach einer schwarzen Mine für ihren Kugelschreiber. Sie hatte mal so einen Kugelschreiber hier im Laden gekauft. Wann genau das war, kann sie nicht sagen. Auch das Modell des Kugelschreibers will ihr nicht mehr einfallen. Sie hat schließlich auch so viele verschiedene Kugelschreiber.... Als man ihr nicht helfen kann, ist sie enttäuscht und will gleich einen neuen Kugelschreiber kaufen. Petra rät ihr, lieber mit ihrem Kugelschreiber persönlich vorbeizukommen. Das käme sie viel günstiger. Zufrieden humpelt die alte Dame zur Tür hinaus.

Auch Dirk Müller, der das Geschäft vor einigen Jahren übernommen hat, kennt den Geruch von Papier aus frühester Kindheit. Zuerst spielte er in den Räumen des Schreibwarenladens seiner Eltern in Neukölln, dann wurde er Lehrling im heimischen Laden. Am Ende landete er bei »Reimer Nachf. Kuhn« im Außendienst. Nur manchmal half er im Laden aus, aber eines Tages wurde er ins Büro zitiert und gefragt, ob er übernehmen wolle. Der Vorschlag kam unerwartet für den jungen Mann, aber 2002 hat der Kaufmannssohn das Geschäft übernommen.

Noch heute, wenn sich Müller am Telefon meldet, gibt es Kunden, die erstaunt fragen: »Ist da nicht Reimer?« Dann schmunzelt Müller und sagt: »Doch doch, hier ist Reimer!« Müller hat es nicht bereut, das Geschäft zu übernehmen. Seine einzige Sorge gilt dem Nachwuchs. Es scheint, als hätte heutzutage niemand Interesse daran, eine Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann in einem Schreibwarenladen zu machen. »Der Beruf ist aus der Mode gekommen.« Aber vielleicht will ja seine Tochter später mal bei ihm im Laden lernen. Denn den Geruch von Papier, den wird auch sie nicht vergessen haben, wenn sie eines Tages mit ihrer Schule fertig ist. •


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