Kreuzberger Chronik
Februar 2013 - Ausgabe 144

Geschichten & Geschichte

Lüderitz & Bauer


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von Werner von Westhafen

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Zwei junge Männer kamen in die Stadt, um ihr Glück zu machen. 1888 gründeten sie die Firma, die es heute noch gibt.












Es gibt Leser, denen zerfledderte Paperbacks ebensoviel bedeuten wie ledergebundene Sonderausgaben. Ihnen geht es um den Inhalt eines Buches, nicht um die äußere Form. Daneben gibt es Menschen, die der Form zuliebe gern den Inhalt opfern. Ein schönes Buch aber ist eine gelungene Symbiose von Form und Inhalt. Eine gut gestaltete Zeitungsseite, aufgemacht mit einem interessanten Bild, einer treffenden Überschrift und einem geschmackvollen Schriftsatz, zieht eher die Aufmerksamkeit der Leser auf sich als etwa die schlampig gesetzten Bleiwüsten der Flugblätter in den Siebzigern.

Lüderitz & Bauer binden seit 1888 Bücher, und sie haben es sich zur Aufgabe gemacht, »dem Inhalt des Buches die Form zu geben, die ihm gebührt.« Als sie anlässlich der Gewerbeausstellung 1896 ihre Buchbindekunst einer breiten Öffentlichkeit vorstellen, versteht die Bevölkerung, dass die Buchbinderei kein kunstvolles Handwerk mehr ist. Die beiden Buchbinder haben den gesamten Maschinenpark in einen Pavillon auf das Ausstellungsgelände in Treptow gebracht, und Weltneuheiten wie die automatische Falzmaschine, die beheizbaren Tiegeldruckpressen zum Prägen von Schriften und Ornamenten auf den Buchrücken, die Fadenheftmaschine, die Drahtbuchheftmaschine, die Schnellschneidemaschine und Pappenkreissäge machen jedem klar, dass auch für die Bücher längst das industrielle Zeitalter begonnen hat. Fünfzehn Jahre später, als die beiden Firmengründer in der Wilhelmstraße Nr. 118 für 2 Millionen Goldmark das »Buchgewerbehaus« errichten lassen – einer der ersten Stahlskelettbauten Berlins überhaupt - ist der Maschinenpark auf 220 Hilfsmaschinen angewachsen – allesamt angetrieben von drei oder vier Dampfmaschinen und langen Transmissionsriemen. Vierhundert Drucker, Setzer und Hilfsarbeiter arbeiten in zwei Schichten Tag und Nacht. Lüderitz und Bauer haben ihr Glück gemacht.

Begonnen hat die Geschichte in der Contobücher-Fabrik von Carl Kühn und Söhne in der Breiten Straße, wo sich die beiden Buchbindergesellen kennen lernten. Josef Bauer, der Sohn eines Försters aus Schlesien, und Ernst Lüderitz, der Sohn eines Mühlenwirts und Bäckers aus Werder, waren in die große Stadt gekommen, um es weiter zu bringen als die Väter. In der Contobücher-Fabrik lernen sie ihr Handwerk, pressen Siegel für die königliche Verwaltung,
In der Fadenhefterei, 1912Fahrkarten für die Preußische Eisenbahn, und Kontobücher für die rasant anwachsende Zahl der Geschäfte und Betriebe in der Stadt. 1888 fühlen sich die jungen Männer berufen, eine Geschäftsbücherfabrik in der Leipziger Straße zu übernehmen. Beseelt von jugendlichem Optimismus haben sich die beiden Geld von der Verwandtschaft geliehen und fahren nach Leipzig, um die teuersten und modernsten Maschinen in die neue Metropole zu bringen.

Das Geschäft floriert, bis der Erste Weltkrieg kommt. Statt teurer Bücher wurden nun einfache Kladden für die Soldaten an der Front gedruckt. Die folgende Inflation kostet das Unternehmen beinahe das gesamte Kapital, und so kommt es nach 35 erfolgreichen Jahren doch noch zum Streit der alten Freunde. Die Firma wird an Guido Hackebeil verkauft, doch Bauer ist so schlau, mit dem neuen Eigentümer eine sichere Anstellung auszuhandeln, und nach sieben Jahren kauft der schlaue Josef die Firma wieder zurück.

Doch viel Glück hat er zunächst nicht damit. Die Nazis üben zunehmend Druck auf den Buchmacher aus, Josef Bauer wird, wie Martin Düspohl schreibt, zum »Betriebsführer«, und die Belegschaft zur »Gefolgschaft«. Dann beginnt der Krieg, im Keller, wo sich die Lager befanden, werden Luftschutzräume eingerichtet, Leder darf nicht mehr verarbeitet werden, die Angestellten wandern nach und nach an die Front ab. Beim großen Luftangriff am 3. Februar 1945 (Vgl. Kreuzberger Nr. 12, 95 u. 131) wird die Hälfte des stattlichen Gebäudes an der Wilhelmstraße zerstört, auch die eindrucksvolle Jugendstilfassade ist dem Krieg zum Opfer gefallen. Im Herbst 1945 räumen die Sowjets sämtliche verbliebenen Maschinen aus dem Haus und transportieren die reiche Kriegsbeute nach Russland.

Josef Bauer aber gibt nicht auf. Etwa zwanzig Hinterbliebene beginnen aus den letzten noch aufzufindenden Maschinenteilen mit viel Liebe und Geduld eine neue Buchbindemaschine zusammenzubauen. Und da Bücher in der Nachkriegszeit Mangelware waren, konnte sich das bald siebzig Jahre alte Unternehmen noch einmal aus den Trümmern befreien. Als 1961 die Mauer errichtet wird, verliert das Unternehmen abermals zwanzig hoch qualifizierte Mitarbeiter, die jenseits der Mauer lebten. Doch auch diesen Schicksalsschlag kann die Buchbinderei verwinden, und so gibt es die Buchbinderei Lüderitz & Bauer nun bereits seit 131 Jahren. Ebenso wie die kleinformatigen, mit Klammern gehefteten Schulhefte mit Linien oder Karos, die Josef Bauer und Ernst Lüderitz sich einst patentieren ließen. Sie stecken noch heute in Rucksäcken der Schülerinnen und Schüler. •






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