Kreuzberger Chronik
Februar 2013 - Ausgabe 144

Reportagen, Gespräche, Interviews

Der Südblock


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von Michael Unfried

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Noch immer haftet dem Kotti mit seinen Junkies und Betonklötzen der Odem des Untergangs an. Doch da ist der Südblock




Nach den Zerstörungen des 2. Weltkriegs standen die meisten der großen Theater und Salons in Berlin leer. Die Kultur nistete sich in Ruinen und Kellern ein, in leer stehenden Fabriken, verfallenen Hinterhöfen, auf Brachen, die jahrzehntelang ungenutzt waren. Viele dieser Orte der Berliner Nachkriegskultur fanden sich nach dem Fall der Mauer schnell in internationalen Reiseführern wieder. Der marode Charme der hundertjährigen, oft stuckverzierten Gebäude und Räume, in denen Techno gespielt und Bier getrunken wurde, hatte bald Kultcharakter. Inzwischen sind diese Orte von professionellen Unternehmern besetzt. Die alternative Kulturszene hat sich weiter zurückgezogen, und ihre letzten Schlupfwinkel sind Bauten aus den Siebzigerjahren: schmucklose, leer stehende Quadratmeter aus Beton.

Eine der größten Wohnanglagen der Siebzigerjahre entstand am Kottbusser Tor. Mehr als 1.000 Menschen wohnen in den hohen Betonklötzen, die in zwei Halbkreisen um das ehemalige Stadttor aufgetürmt wurden. Jahrelang war in den Berliner Zeitungen vom schwierigen »Südblock mit seiner arabischen Bevölkerung« die Rede, und der Kotti wurde zum sozialen Brennpunkt ernannt und war den Städteplanern bald ein Dorn im Auge. Doch der Abriss des Wohnsilos ist teuer, und da die meisten Bewohner der Türme nur über bescheidene Einkommen verfügen und gewinnorientierte Geschäfte am Kotti nicht genügend zahlungskräftige Kundschaft anziehen, hat sich eine Vielfalt an alternativen Vereinen, Veranstaltungsorten, Cafés und Kneipen angesiedelt, die in der Stadt ihresgleichen sucht.

Kneipen wie Möbel Olfe oder das Café Kotti sind keine Treffpunkte für Touristen, sondern für Kreuzberger. Vor zwei Jahren, als ein Spielkasino sich für die leer stehenden Räumlichkeiten des Musikcafés mit dem klingenden Namen »Kotti Life« interessierte, wurde die Mieterinitiative Kotti & Co aktiv und suchte nach alternativen Nachnutzern. Die fanden sich und nannten sich schlicht »Südblock« und wollten, wie es auf der Internetseite heißt, ein »neues Stück Zuhause für alle bekennenden Kreuzberger/innen« schaffen. Hinter der langen Wintergarten- Glasfront hat sich in den vergangenen zwei Jahren ein Veranstaltungsort mit »Frühstück, Lunch, Kuchen und Imbiss«, mit Biergarten und einem Abendprogramm etabliert, in dessen schillernder Vielschichtigkeit man vergeblich nach einem gemeinsamen Nenner oder einem Konzept sucht. Alles, was hier stattfindet, scheint spontan und unausgefeilt, mitunter dilettantisch, auf jeden Fall aber genial zu sein.

Zwischen verschiedensten Partys und Tanzveranstaltungen, der »Flittchenbar«, der »Creamcakeparty« oder der »Queerblock Silberhochzeit«, finden Lesungen statt, werden Filme gezeigt, Kleinkunst präsentiert und Karaoke-Sessions inszeniert. Beim Kadinlar Matinesi, einer 70er-Jahre Matinee, demonstrieren Frauen auf den Tischen ihre Koch- und ihre Tanzkünste, und beim Salon Salaam werden Haare gefärbt, gezupft und geschnitten. Natürlich wird aus dem Kaffeesatz gelesen, und es werden die Karten gelegt. Besonders gut besucht ist das Gazino Südblock mit Raki und Meze, Schnaps und kleinen Speisen, Bauchtanz und Livemusik. In der Vergangenheit gehörten diese kleinen Veranstaltungen zum Stadtbild Istanbuls und Izmirs, und in Berlin heuerten die Einwanderer der Siebzigerjahre Schiffe von der Reederei Riedel, um ihre Gazinos an Deck zu veranstalten. Deshalb trifft sich, wenn Sanat Günesi – die »Sonne der Kunst« – zum Gazino einlädt, ein durchaus buntes Publikum, von den Einwanderern der ersten Stunde bis zu den jüngsten Enkelkindern.

Während im restlichen Kreuzberg nur noch von »Multikulti gesprochen« und einmal im Jahr der Beweis mit einem internationalen Umzug angetreten wird, treffen sich am Kotti tatsächlich noch die Kulturen. Zwischen Tunten, Lesben und aus allen Winkeln der Welt angereisten Berlinern, zwischen arabischen, türkischen, griechischen Tänzerinnen und Tänzern und Technofreaks taucht mitunter sogar der Kreuzberger Bürgermeister Franz Schulz auf, um auf einer Talkshow im Südblock darüber zu debattieren, ob das Wohnen in Kreuzberg schon ein unbezahlbarer Luxus ist.
von links nach rechts: Dirkan, Pünktchen und Felicitas#Ie#
Foto: Privatarchiv


Auch sonst zeigt sich der Südblock in seinem charmelosen Ambiente zwischen nackten Betonpfeilern und grün-lackiertem Estrich, den man über die Terrakottafliesen des Vorgängers goss, politisch korrekt. Ausgegrenzt wird niemand. Das beweist schon die All-Gender-Toilette mit ihren blauen Kacheln, ihrer blauen Beleuchtung und den Bullaugen in der Toilettentür, in der man sich augenblicklich nicht mehr als Mann oder Frau, als Lesbe oder Schwuler, sondern als Fisch im Aquarium fühlt. Auf der nächtlichen Tanzfläche vermischen sich orientalische Klänge mit Techno, neben Kopftüchern und knöchellangen Stoffbahnen tanzen Turmfrisuren und Miniröcke.


Im Südblock gehört jeder dazu, der Englisch-Professor ebenso wie der Hartz-IV-Empfänger. Für Letzteren kommt Mittwochmorgens um zehn, wenn der Tag im Südblock für manche mit einem üppigen Frühstücksangebot beginnt, Andreas Wallbaum mit seinem Hartzer Roller am Kotti vorgefahren. Der ehemalige Berater beim Jobcenter tourt seit 2007 mit seinem motorisierten Dreirad durch die Stadt, um die mittellosen Berliner durch das Papierlabyrinth der Formulare und Paragrafen zu lotsen, denen Hartz-VI Empfänger oft derart hilflos gegenüberstehen, dass sie auf die staatliche Unterstützung lieber ganz verzichten. Die kostenlose Hartz-IV-Beratung war die erste regelmäßige Veranstaltung des Südblocks. Sie fand schon statt, als der Südblock noch eine einzige Baustelle war. Heute ist der Südblock für Andreas Wallbaum alias Dr. Hartz so etwas wie »der zentrale Beratungshotspot des Hartzer Rollers«. Hier werden auf »kleinstem Raum größte Alltagsprobleme« gelöst.

Natürlich muss auch die Kottiqueen, die jeweils am letzten Freitag eines Monats im Südblock gekürt wird, politisch korrekt sein. Gewählt werden »verehrungswürdige Persönlichkeiten«, welche »außerordentliche Verdienste... zum Wohle des Kotti in ihrem Lebenswerk verzeichnen können.«

Die kleine Show, die ohne die Vorlage der dramatischen Castingshows des Fernsehens womöglich nicht entstanden wäre, beginnt am späten Abend mit dem Kotti-Queen-Song. Auf einer mit vierzig Rollen Alufolie, viel Gold und Glitzer drapierten Bühne nehmen die drei Auserwählten auf den drei Thronen Platz. Sedlemeir heißt der Moderator oder die Moderatorin, die mit ihrem phallusartigen Mikrophon auf die drei zu kürenden Damen oder Herren zugeht. Welches Geschlecht sich unter den glitzernden Gewändern der Südblocker verbirgt, ist selten eindeutig.

Foto: Privatarchiv
Sedlemeir ist es, die nach der Vorstellung der drei Kiezaktivisten die acht Fragen des finalen Kotti-Quiz´ stellt. Nach wem wurde das Rauch-Haus benannt? Wann fusionierten Kreuzberg und Friedrichshain? Wie nennt der Volksmund den Durchgang vom Kotti zur Dresdner? Das wissen sie alle, Pünktchen, Dirkan oder Felicitas. Wie aber der Mann vom Kotti hieß, der jahrelang mit seinen zwei Matratzen unter der Hochbahntrasse wohnte, und der vor einigen Jahren dort erfror, das wusste leider schon niemand der drei zu Kürenden mehr.

Dass keiner der Nominierten Ingo kannte, ist unbedeutend. Es gewinnt ohnehin keiner bei der Show vom Südblock, es werden immer alle drei Kandidaten zur Queen gekürt, »Endausscheidungen, Votings oder ähnliche Demütigungen« werden konsequent vermieden. Pünktchen, die phantastisch ausstaffierte, kottibekannte Transe, die sich nicht allein mit Schönsein begnügt, sondern politisch stets aktiv ist, wird ebenso zur Queen ernannt wie Dirkan, der schon im »Esso« Türkischunterricht für Deutsche anbot und das heute im Südblock auch tut, und der, um die bilateralen Beziehungen zwischen der Türkei und Berlin zu verbessern, einen Schüleraustausch zwischen Kreuzberg und Istanbul organisierte. Und wie Felicitas, die es schon vor dreißig Jahren schaffte, die Eltern türkischer Mädchen davon zu überzeugen, dass das Tragen eines Bikinis im Schwimmbad in Deutschland noch immer kein Verbrechen sei.

Und wenn danach bis zum frühen Morgen am Kotti getanzt wird, dann nicht ohne Grund. Alle, die hier dabei waren, spüren, dass dieser Ort ein besonderer ist. Ein Ort, den man feiern muss. Jeden Tag und jede Nacht aufs Neue. •



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