Kreuzberger Chronik
Februar 2013 - Ausgabe 144

Mein liebster Feind

16. Brief


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von Kajo Frings

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Werte und liebste Feindin: Wenn das Berliner Herbstgrau in das Berliner Wintergrau changiert, ist man über jeden Lichtstrahl froh, egal wie traurig der Anlass ist. Seit einem Monat brennt abends eine rote Kerze vor der alten Primel, in der Norbert seine Kuchen buk. Vor einiger Zeit hatte er seinen Laden aufgegeben und damit womöglich auch das, was ihn am Leben hielt. Eine Nachricht neben der Kerze verkündete, dass Norbert verstorben sei und im engsten Familienkreis beerdigt werde. In kürzester Zeit hingen dort geschriebene, getippte, gemalte Zettel. Auf einem stand: »Viele …wollen sich von NORBERT verabschieden, weiß die Familie das?« Seit ein paar Tagen hängt eine neue Benachrichtigung dort, durch die jeder Nachbar, jede Nachbarin erfährt, wo Norberts letzte Ruhestätte zu finden ist. Doch ja, das ist gelebte Nachbarschaft, die uns darauf vorbereitet, diese Nachbarschaft irgendwann verlassen zu müssen.

Und gestern früh, als ich den Mehringdamm entlang spazierte, sah ich, dass auch das Pussy-Cat geht. Der auf die Scheibe gesprühte Spruch klang wie eine Grabinschrift: »So sie geht, wo sie gern bliebe, ach - Kreuzberg, meine große Liebe«

Zugegeben, ich bin grade etwas melancholisch. Ich sehe schon, Frau Neumann, wie Sie mir in Ihrem nächsten Brief raten, einige dieser dicken roten Kerzen bei den Kindern im Vorderhaus zu deponieren, damit sie in 2 oder 20 Jahren davon künden können, dass dieser seltsame zauselige, gelegentlich melancholische Alte… -

Aber bis dahin ist noch etwas Zeit. Kürzlich sah ich bei Tim Raue in der Rudi- Dutschke-Straße am Nebentisch Gert von Paczensky, von dem ich mich 1961 politisieren ließ. Ich hab dann sein Geburtsjahr gegoogelt und dachte, ja, das ist doch mal ein Lebensziel: Auch mit 86 Jahren noch bei Tim Raue sitzen und essen und trinken. Da habe ich also noch einiges vor. Vielleicht lade ich Sie dann auch einmal ein, liebe Frau Neumann. Aber bis dahin trinken wir erst mal Kakao im Wiener Konditorei Kaffeehaus – im Ärztehaus in der Bergmannstraße. Die sind echt mutig, mitten in Kreuzberg Plüschsessel und Sachertorte, nachdem die beiden Vormieter schon Pleite gingen. Vielleicht hätten sie eine Chance, wenn sie eine Lautsprecheranlage einbauen und die Ärzte dort ihre Patienten ausrufen lassen: »Die Lunge zum Röntgen«, oder »Halawa« oder »Zenne, doktor«. Dort könnte ein Kaffeehaus mit Multikulticharakter entstehen.

Meine Nachbarin fragte mich letztlich beim Weihnachtssingen, ob wir nicht gemeinsam für den nächsten Marathon trainieren sollten. Und da fiel mir auf, dass eines der Lieder sich als Hymne für die demnächst anstehende kiezübergreifende Nachbarschaftsbewegung eignen könnte: »Es ist für uns eine Zeit angekommen, die bringt uns eine große Freud, übers Tempelhofer Feld ziehen wir….«


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