Kreuzberger Chronik
Dez. 2013/Jan. 2014 - Ausgabe 154

Kreuzberger
Vincenzo Salatino

Ich habe es nie bereut, nach Berlin gekommen zu sein


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von Hans W. Korfmann

Fotos: Wolfgang Krolow

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Es war ein kalter Tag, als Vincenzo und Domenico in das Flugzeug stiegen. Die beiden Schulfreunde aus Noci, einem großen Dorf in Apulien, hatten keine Lust, ein Jahr lang der italienischen Armee und dem Vaterland zu dienen, sie wollten lieber gleich mit dem Leben beginnen. Sie waren gerade 18 Jahre alt geworden, hatten ihre Ausbildung als Werkzeugmacher an der Schule in Putignano abgeschlossen, und eine deutsche Firma namens AEG-Telefunken suchte dringend noch einige Männer für die Drehbank. Vincenzo und Domenico waren die einzigen aus der Klasse, die das verlockende Angebot annahmen, alle anderen konnten sich nur schwer trennen von den kleinen Piazzas und Bars, von den großen sonntäglichen Mittagstischen im Kreise der Familie und Freunde. Apulien ist reich, »alles Olivenöl, alle diese guten Trauben« kommen aus Apulien. Wenn es in Berlin guten Löwenzahn und Mangold gibt, dann kommt er aus Apulien. Noch heute, jeden Sommer, kehrt Vincenzo zurück in die Heimat und trifft sich mit seinen Freunden, den vier Brüdern und all den anderen Verwandten. Der bald hundertjährige Vater macht die Pasta noch immer wie damals, und auch die Mutter kocht noch so wunderbar wie in jenen Tagen, als der kleine Vincenzo sich auf die Zehenspitzen stellen musste, um in den Topf zu schauen. »Die Italiener aßen zuhause, es gab keine Restaurants, nur kleine Bars«, die zum Glas Wein vielleicht einen kleinen Teller Friselle mit Tomaten und Olivenöl auf den Tisch stellten. Und auch von diesen kleinen Lokalen gab es nur wenige, denn es war nur eine bestimmte Anzahl an Lokalen pro Einwohner erlaubt, die Konzessionen zum Betrieb eines Restaurants oder einer Bar wurden von Generation zu Generation weitervererbt.

Foto: Wolfgang Krolow
Heute gibt es viele Bars und Restaurants. Aber die »Familie« ist für die Italiener noch immer das wichtigste, alles andere »kommt danach.« Die Familie und die guten Freunde. Alte Freunde wie Domenico. Auch er ist in Berlin geblieben. Manchmal bringt er wilden Broccoli, den Vincenzo bei ihm bestellt hat. Vierzig Jahre ist es jetzt her, dass die beiden auf dem Flughafen in Tempelhof landeten, an einem grauen, kalten Novembertag des Jahres 1973, aber »in dem Augenblick, als ich meinen Fuß auf den Boden von Tempelhof gesetzt habe, wusste ich, dass ich angekommen bin. Dass ich mein Ziel erreicht habe. Ich habe es nicht einen Tag bereut, hierher gekommen zu sein.«

Die Siebzigerjahre waren die guten Jahre. Am Flughafen begrüßte ein Dolmetscher die Italiener, ein Landsmann, der schon viele Jahre bei AEG und Telefunken im Wedding arbeitete, und der sie in ein Wohnheim hinter dem Halleschen Tor brachte. Vincenzo teilte sich mit dem Freund ein Zimmer, auch nebenan waren lauter Italiener, aber in der großen Küche vermischten sich dann die Kulturen, da waren Griechen, Türken, Jugoslawen, lauter junge Leute. »Die Stimmung war gut, es gab Wein und Bier und Fleisch, wir haben viel gelacht. Aber, wenn wir unsere Koteletts machten, verließen die Türken aus unerfindlichen Gründen die Küche. Es dauerte eine Weile, bis wir verstanden, dass sie kein Schweinefleisch aßen.«

Es dauerte auch eine ganze Weile, bis Vincenzo und die anderen Italiener in der U-Bahn auf dem Weg vom Halleschen Tor in den Wedding verstanden, dass sie auf einer Insel lebten. »In Italien dachte man, die Mauer sei eine Grenze im Osten Deutschlands. Erst die leeren Bahnhöfe mit den Grenz-Soldaten machten ihnen klar, dass sie auf einer kleinen westdeutschen Insel inmitten der DDR lebten.

Enzo, wie die Berliner ihn alle nannten, machte das nichts aus. Enzo war ohnehin ein überzeugter Antifaschist. Die ersten Italiener, die er nicht an der Drehbank, sondern auf der Straße kennenlernte, liefen ihm auf der Ersten-Mai-Demo in der Karl-Marx-Straße über den Weg. Es handelte sich um eine Delegation der KPI. Auch die Deutschen, mit denen Enzo und Domenico im Leierkasten, im Delirium und im Yorckschlösschen Freundschaften schlossen, waren ebenso überzeugte Antikapitalisten wie überzeugte Biertrinker. Deutsch übte er an der Volkshochschule, wo er lernte, dass »Vastehste« nichts zu tun hatte mit »Faschiste«, und dass er sich nicht ständig vor den Deutschen zu verteidigen brauchte. Enzo fühlte sich schnell heimisch in Berlin.

Foto: Wolfgang Krolow
Auch, als die AEG die beiden jungen Männer nach zwei Jahren wieder entlassen musste, dachte er nicht ernsthaft darüber nach, zurück nach Italien zu gehen. Enzo landete bei Siemens und machte seine »Erfahrungen mit dem Großkapitalismus, weniger Geld, mehr Arbeit, Schichtbetrieb....« Schon nach wenigen Monaten hatte er die Nase voll, ebenso wie einige andere junge Männer, die er in einer Kneipe namens »La Bettola« in Schöneberg kennengelernt hatte: Giacomo, Gianfranco, Piero, Ettore und Peter, der Irländer. Und da es die Zeit der Kneipenkollektive war, und da man in Berlin - ganz anders als in Italien - offensichtlich so viele Lokale eröffnen konnte wie man wollte, beschlossen sie, gemeinsam ein Restaurant zu betreiben. Und da es in Kreuzberg 61 nur zwei andere italienische Lokale gab, nämlich das Zagato mit dem verrückten Rennfahrer am Marheinekeplatz und das Colosseum drei Stufen hinauf in der Gneisenaustraße, war die Osteria No. 1 in der Kreuzbergstraße bald ein gut gehendes Lokal.

»Aber Geld verdienen, das war nicht das wichtigste. Wir wollten einen Treffpunkt,« und das wurde es auch. Die Osteria war bald stadtbekannt, sie war der Treffpunkt der Linken und Alternativen, der Philosophen und aller möglichen Künstler. In der Osteria verkehrten damals viele von jenen, die bis heute mit Kreuzberg eng verbunden sind, Galeristen wie Werner Tammen und Künstler wie Ernst Volland, Fotografen wie Wolfgang Krolow, intellektuelle Boulespieler und Autoren wie Eckhard Siepmann. In der Osteria Uno in der Kreuzbergstraße wurde Geschichte geschrieben, hier traf sich Cohn-Bendit mit Gleichgesinnten und formierte die Grünen, hier wurde das Tempodrom gegründet, hier trafen sich Theatermacher um Dario Fo und 1978 auch die Teilnehmer des Tunix-Kongresses, auf der sich erstmals eine Tageszeitung namens taz vorstellte. Hier trafen sich in den Siebzigern und Achtzigern die Revoluzzer und all jene, die es gerne gewesen wären. Von den etablierten Politikern aber traute sich keiner in die Kreuzbergstraße, und die Zeiten, als schwarz lackierte Daimler vorrollten und Minister Steinmeier und Kanzler Schröder in der schmuddeligen Kreuzbergstraße zu Mittag aßen, waren noch außer Sichtweite. Das alles kam viel später, und das alles interessiert Vincenzo Salatino heute so wenig wie damals.

Foto: Wolfgang Krolow
Zehn Jahre lang blieb er in der Osteria. Aber er ging danach nicht, so wie die meisten anderen aus dem Kollektiv, zurück nach Irland oder nach Italien. Er blieb in Berlin. Er kellnerte, kochte, unterhielt sich mit seinen Gästen, kreierte die Bar Centrale und die Trattoria da Enzo. Immer wieder sorgte er für ein bisschen Süden mitten in Berlin. Und irgendwann kam er dann an den Chamissoplatz, stand vor der Kneipe, die Chamisso hieß, und die einmal Mario gehört hatte, in einer Zeit, als der Chamissoplatz »fast so etwas wie eine Piazza« war. Als sich bei Mario die Verrückten des Viertels trafen und bis zum morgen am Tresen standen und philosophierten, tranken, stritten, küssten, aßen, rauchten, politisierten und revolutionierten. Heute ist der Chamissoplatz vor allem »ein Spielplatz«. Eine richtige Piazza, die ist »voller Menschen, Bars, Geschäfte«, Frisöre, Tauben, Frauen, Kinder, Katzen, Bettler und Betrunkene. Der Chamissoplatz ist anders.

Dennoch wurde aus dem »Chamisso« eines Tages das »Da Enzo«, ein kleines Lokal mit einer unkomplizierten, guten Küche. Ein Lokal für den Feierabend mit quadratischen Tischen und einem Wirt, der gern mit seinen Gästen am Tisch sitzt, um über den Tag oder die Politik oder das Essen oder Italien zu plaudern. Manche von denen, die abends dort sitzen, die saßen schon in der Kreuzbergstraße bei ihm, 1977, als sich sechs Freunde überlegten, ein Lokal aufzumachen. Um einen Treffpunkt zu haben, so etwas wie eine kleine italienische Piazza mitten in der großen Stadt Berlin. •


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