Kreuzberger Chronik
September 2011 - Ausgabe 130

Kreuzberger
Gerd Böttcher

Golf ist mein Leben


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von Hans W. Korfmann

Titelfoto: Dieter Peters

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Wenn Gerd Böttcher so über das Leben nachdenkt, dann sieht er manchmal aus, als könne er jeden Moment losheulen. Zwar gibt es vieles, worüber er heute lachen kann, Anekdoten, die er mit Witz und viel Geschick erzählt, aber es gibt auch Niederlagen, die er bis heute nicht verarbeitet hat. Zum Beispiel die aus dem Jahr 1978. Er wohnte noch in Babelsberg und verdiente als Lagerist im Karl Marx Werk gerade mal 600 Mark, als er abends in die Milchbar im Rathaus von Babelsberg kam und ihm plötzlich alle zujubelten. Sie glaubten, Gerd hätte den Fünfer mit Zusatzzahl gehabt. Tatsächlich waren die ersten Fünf alle richtig gewesen, doch Gerd Böttcher hatte als letzte Zahl die 13 angekreuzt. »Aber es kam die 12!«, sagt Böttcher und hat eine Träne im Auge, »Und die Zusatzzahl war die 14!« Böttcher kann es nicht fassen, dass er gleich zweimal so knapp daneben getippt hat. Knapp neben das Glück.

Weil die 4.463 Ostmark, die der Fünfer einbrachte, nicht ganz reichten zum Glücklichsein, spielt Böttcher heute noch. Und wenn er es aus irgendeinem Grund einmal versäumt, seinen Lottoschein abzugeben, dann schaltet er den Fernseher tagelang nicht ein und liest auch keine Zeitungen mehr. »Ich ziehe das Unglück irgendwie an.«

Als Gerd Böttcher kurz vor der polnischen Grenze bemerkte, dass er seinen Ausweis vergessen hatte, meinten die Freunde, er solle sich nicht so anstellen und im Kofferraum verstecken. Prompt öffneten die Grenzer die Blechhaube des Trabant und beschuldigten ihn der versuchten Republikflucht. Sie legten eine Stasiakte für ihn an und ließen ihn observieren – durch einen Freund, den alle »Gerda« nannten, weil er die längsten Haare von ganz Babelsberg hatte.

1975, als jede Nacht zwei seiner Freunde unweit der Glienicker Brücke die 500 Meter in die Freiheit schwammen, schien die Freiheit auch für Gerd in greifbarer Nähe zu sein. Doch an jenem Mittwoch, an dem er an die Reihe kommen sollte, »da war das Loch im Zaun plötzlich zu«, weil der Peter Rebinger am Abend seine Kleider am Ufer hatte liegen lassen. Jetzt patrouillierten die Grenzer dort. Auch der Plan, sich mit einem Drahtseil von der Bernauer Straße in die Freiheit abzuseilen, scheiterte. Wenige Tage vor der geplanten Flucht hörte Böttcher im Radio, dass sich zwei Männer aus einem Fenster in der Bernauer Straße mit einem Stahlseil abgeseilt hatten. Und 1988, als sie in Kaiserslautern seinen Vater beerdigten, den man mit 31 Messerstichen ermordet hatte, ließen sie ihn nicht einmal zu dessen Beerdigung in die Bundesrepublik ausreisen. »Da glaubten die ja immer noch, sie könnten uns halten.« Und als sie ihm dann im August 1989 plötzlich erlaubten, zum 80. Geburtstag seiner Großmutter nach Kaiserslautern zu reisen, da war das auch kein großer Glückstreffer mehr: Wenig später öffneten sie die Mauer für alle. Gerd Böttcher hatte wieder knapp daneben gelegen.

Schon der Vater hatte das Unglück angezogen. Zwar hatte er, als Gerd Böttcher 1954 in Babelsberg geboren wurde, bereits einen profitablen Nebenjob bei den Amerikanern und trug mit seinen Brüdern die Schlägertaschen der amerikanischen Golfer über den Platz am Wannsee. Jeder dieser Caddies verdiente 5 Dollar am Tag, die Golfer sprachen von der Böttcherbande, die bald selbst die Bälle über den Rasen fliegen ließ. Doch das alles machte die Nachbarn neidisch und die Stasi aufmerksam.1956 flüchtete der Vater deshalb mit der ganzen Familie nach Kaiserslautern, nahm einen Job bei Mannesmann an und spielte fortan auf dem Golfplatz der Airbase in Rammstein. Doch schon vier Jahre später trennten sich die Eltern, und die Mutter zog mit den Kindern zurück nach Babelsberg. Sie konnte anscheinend ohne die DDR nicht leben. Der kleine Gerd aber, so schien es, wollte in der DDR nicht leben. Er wurde krank, das Herz wurde schwach. Und Gerd, bis dahin ein gut genährter »Wonneproppen« und ein »Knopfauge«, wurde im »Flüchtlingslager« zum »Spargeltarzan«.

Doch Gerd wird wieder gesund, er geht zur Schule, lernt, wie die anderen auch, aber weil er in der Filmstadt Babelsberg wohnt, bekommt er eines Tages eine Komparsenrolle. Es war ein Film über Marx und Engels, »Der Mohr und die Raben von London«. Der schmächtige Junge ist wie geschaffen für die Rolle eines dieser Fabrikkinder, die den ganzen Tag Hanf bürsten müssen. Ein Leben später steht Gerd Böttcher wieder vor der Kamera. Der Film heißt »Good bye Lenin« und erzählt die Geschichte einer Mutter, die ohne die DDR nicht leben kann. Gerd Böttcher hätte eine der Hauptrollen gestanden, aber er läuft nur mit einer Torte durchs Bild. Immer wieder schlüpft Böttcher in die Rolle des kleinen Mannes, die Agentur in der Gneisenaustraße verkauft ihn als Feuerwehrmann, als Zuhörer im Gerichtssaal, als Polizist mit Pickelhaube oder als Patient im Krankenhaus. In einem Tatort spricht er den bislang einzigen Filmtext seines Lebens, einen Satz, den er auch im wahren Leben oft sprach: »Bitte ein Bier.«

Im Film als Kellner - und als realer Frauenschwarm Foto: Privat
Über hundertmal war der kleine Mann zu sehen, in Filmen und in Serien wie »Gute Zeiten, Schlechte Zeiten« oder »Streit um Vier«. Die Rolle des Kellners ist ihm auf den Leib geschrieben, seit er im Sommer 1979 mit Putte Neumann nach Usedom trampte und zwei süße Kellnerinnen kennen lernte, bei denen sie schliefen und aßen und erfuhren, wie viel Geld in der Gastronomie zu verdienen war. Also ließen sie die Mädchen wieder allein, fuhren heim und kündigten. Gerd Böttcher verdiente plötzlich 2.300 Mark im Monat, arbeitete als Springer in verschiedenen Gaststätten, bis er in die Seerose kam, dieses hübsche Lokal am See mit lauter hübschen Kellnerinnen, »alle unter 21 und trinkfreudig«. Und alle mit einem Faible für diesen schwarzhaarigen Gerd. Gerd Böttcher zog nicht nur das Unglück an, sondern auch die Frauen. Doch dann verlobte er sich mit einer Sechzehnjährigen – was auch kein wirkliches und vor allem kein ewiges Glück war: • Eines Nachts exportierte ein Wessi die Braut nach Westdeutschland.

Gerd Böttcher vergaß die Treue. Nur der Kellnerrolle blieb er treu, bis zum Ende der DDR. Danach kellnerte er vor allem in Filmen. Die kleinen Gagen dienten der Aufstockung des Arbeitslosengeldes, das zum Schicksal so vieler DDR-Bürger geworden war. Heute tritt er nicht einmal mehr als Filmkellner auf. Die Filmteams nehmen keine Hartz IV-Empfänger mehr, die Kommunikation mit den Jobcentern ist zu kompliziert, und die Komparsen sind unzuverlässiger geworden, seit ihnen ein Großteil ihres Lohnes gleich wieder abgezogen wird. Seit dem ersten Januar des neuen Jahrtausends ist Böttcher arbeitslos. Er sagt: »Zwischen 2000 und heute habe ich durch die Einführung des Euros und der Hartz IV-Maßnahmen 50 Prozent meiner Lebensqualität eingebüßt.«

Foto: Privat
Er hätte nicht viel mehr gehabt zum Glücklichsein als seine Glückszahlen, auf die er noch immer hofft. Wenn er nicht eines Tages mit dem Auto an einem Golfplatz vorbeigekommen wäre und angehalten hätte. Wenn da nicht das Erbe der Böttcherbande wäre. Erst spät, sehr spät ist Böttcher in die Fußstapfen seines Vaters und seiner fünf Onkel gestiegen, aber heute ist er einer der Marschalls auf dem Golfplatz von Großbeeren. Fließend spricht er die Sprache der Golfer, spricht vom »Fairway«, vom »Bunker«, vom »zeitweiligen Wasser«, vom »Flight« und der »Pitchgabel«. Er hat ein »Handicap von 14«, das heißt, er braucht im Durchschnitt nur 14 Schläge mehr als die Profis, um mit der weißen Kugel ans Ziel zu kommen. Er hat seine Erfolge auf dem Rasen, ist dreifacher Seniorenmeister, und er ist, gemeinsam mit fünf Mitspielern, »Berliner Meister der Betriebsmannschaften« geworden. Selbst die feinen Herren vom Golfclub Berlin Wannsee – von jenen gestriegelten Wiesen, auf denen einst sein Vater noch die Schlägertaschen der Amerikaner trug – grüßen ihn jetzt.

Und deshalb ist das Leben von Gerd Böttcher trotz des permanenten Pechs nie aus den Angeln geraten. Deshalb bügelt er abends noch immer seine Hemden, legt die Hose zurecht und steht morgens um 6 am Bahnhof, um den nächsten Zug nach Großbeeren zu nehmen. Er ist der einzige Golfer im Zug, aber Golf ist sein Leben. Wenn er den Schläger in der Hand fühlt, wenn die Bälle geradlinig und unaufhaltsam in den Himmel aufsteigen, dann schaut er ihnen nach und hat einen seltsamen Glanz in den Augen. Einen Glanz aus einer anderen Welt. Einer Welt, die nichts mehr zu tun hat mit der kleinen Hinterhofwohnung in Kreuzberg oder dem Karl Marx Werk in Babelsberg. Einer Welt ohne Grenzbeamte, Flüchtlingslager und ohne kleine Kugeln, auf denen die verdammte 13 steht. •


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