Kreuzberger Chronik
September 2011 - Ausgabe 130

Reportagen, Gespräche, Interviews

Kahlschlag Kreuzberg (1):
Baugrube Schwiebusser Straße



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von Hans W. Korfmann

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Es gibt Straßen, da sieht Kreuzberg aus wie in den Achtzigerjahren. Da treffen sich die Bewohner morgens beim Milchholen, gehen barfuß die Treppen hinunter auf die Straße, um Zigaretten zu holen, haben alte Sofas im Hof und Blumen in verbeulten Blecheimern. Die Hauswände sehen aus wie Leinwände und die Bäume sind auf dem Dach. Die meisten dieser Straßen liegen nördlich des Landwehrkanals. Dort, wo viele ehemals besetzte Häuser in Genossenschaften überführt und dem freien Markt der Immobilienhändler entzogen wurden.

Schätzungsweise die Hälfte jener, die damals Genossenschaften gründeten, wohnen noch heute in ihren Häusern. Das ist eine Quote, die deutlich für das Genossenschaftsmodell spricht, welches nichts mit den pseudoalternativen Genossenschaften gemein hat, die heute sogar auf den Bussen der BVG großflächig um Kundschaft werben: den »Wohnungsbaugenossenschaften«. Sie sind nichts anderes als Gruppierungen kleiner Investoren zum Zweck eines gemeinsamen Bauvorhabens. Und nicht immer bleibt es bei einem Häuschen.

Derzeit werden in Kreuzberg mehrere Großbauvorhaben verwirklicht. Während das Viktoriaquartier mit seinen großen Wohnblöcken schon weitgehend fertiggestellt ist und die Bewohner bereits allabendlich die Polizei rufen, weil der Biergarten im Viktoriapark mit seinen Sonnenschirmen, Hollywoodschaukeln und Holzbänken in den Prospekten der Immobilienverkäufer zwar hübsch, in der Realität aber viel zu laut ist, sind andere Problemzonen gerade erst am Wachsen. Hinter den modischen Bauzäunen mit ihren bunten Computeranimationen vom behaglichen Leben werden Erdmassen verschoben, Bäume gefällt, Betonriegel aufgetürmt. Der Handel mit Eigentumswohnungen ist ein so ertragreiches Geschäft, dass nicht nur einzelne Häuser, sondern ganze Viertel in rasanter Geschwindigkeit in den Berliner Himmel wachsen. So wie an der Möckernstraße, nun auch zwischen der Schwiebusser Straße und dem Columbiadamm.

Wo einst Stallungen und eine Pferdeklinik, später Schrebergärten und kleine Autowerkstätten lagen, entsteht derzeit ein Wohnblock mit etwa 250 Wohneinheiten, der sich die Schwiebusser Straße und die Friesenstraße entlang bis zum Columbiadamm hinzieht, bis zu sieben Stockwerke hoch, ohne Unterbrechung, eine homogene Wand aus Zement und Glas. Um die neuen Bewohner vor der Musik aus der Columbiahalle zu schützen, wird zudem eine weitere, 11 Meter hohe Schallschutzwand errichtet, in deren Schatten kleinere Gewerbebetriebe angesiedelt werden sollen.

Der Eingriff ins Stadtbild ist gewaltig. Denn auch bei dem vermeintlich alternativen Bau geht es um finanzielle Effizienz. Riesige Bäume und eine Schrebergartenkolonie fielen dem Projekt bereits zum Opfer. »Wir haben erhalten, was erhalten werden konnte«, sagt eine der Investorinnen, die gern etwas für die Rettung der Gärten getan hätte. »Doch wer soll das bezahlen?« Der Bund, dem die Grünflächen gehörten, hatte sie deshalb zunächst auch gar nicht im Angebot. Doch während der laufenden Verhandlungen nutzte er die Gelegenheit, sich aus der Verantwortung zu stehlen.

Foto: Dieter Peters
Der Schwarze Peter liegt nun bei den Käufern. Zu ihnen gehört Barbara Rolfes-Poneß. Sie sagt, sie hätte sich »um die Schrebergärtner bemüht«, doch die sehen das anders: »Wir haben keinen Ersatz bekommen, sondern eine finanzielle Entschädigung. Das war eine Geste, mehr nicht.« Der Schaden sei weit größer, als die Geste deutlich macht, »in diesen Gärten traf sich die Nachbarschaft, im Sommer waren hier lauter Kinderläden. Viele von den Pächtern verstanden das hier eher als einen öffentlichen Garten, und nicht als eingezäuntes Privatgrundstück.« Dieser Gemeinschaftsgeist dürfte jenen, die die Scholle jetzt beackern, gänzlich fehlen: Um das letzte verbliebene Grün in der Mitte entsteht ein unüberwindlicher Riegel aus Beton.

Vielleicht hat Barbara Rolfes-Poneß das alles nicht so gewollt. Die engagierte Stadtplanerin war einst in Mietervereinigungen organisiert und wurde 2005 damit beauftragt, auch den Einwanderern aus der Türkei die Vorteile genossenschaftlichen Wohnens näher zu bringen, damit diese nach dem Verkauf der senatseigenen Häuser nicht auf der Straße standen. Auch jetzt, sagt Rolfes-Poneß, ginge es ihr darum, Wohnraum zu schaffen. Doch »die Zeiten haben sich geändert, seit dieses Schild dort am rostigen Zaun hing: Zu Verkaufen.«

Rolfes-Poneß wohnt ganz in der Nähe, sie hat dieses Schild immer wieder gesehen. 2009 hat sie gemeinsam mit drei anderen Kollegen – »alle aus Kreuzberg!« – das Gelände zwischen Columbiadamm und Schwiebusser Straße gekauft, bar bezahlt und das Bauprojekt SQF getauft – Stadtquartier Friesenstraße. Nur eine kleine Ecke am Columbiadamm fiel an einen anderen Investor, der das SQC ins Leben rief: das Stadtquartier Columbiadamm.

Foto: Dieter Peters
Rolfes-Poneß und ihre Kollegen haben den Boden in elf verschiedene Baugrundstücke parzelliert und verschiedenen Baugruppen zum Verkauf angeboten. »Ich hatte gehofft, dass sich einige echte Genossenschaften gründen würden, aber die Zeiten haben sich eben geändert. Die ganzen Förderungen für die Genossenschaftsgründungen sind weggefallen, und wenn man früher eine Einlage von 250 Euro pro Quadratmeter zahlte, sind es heute schon 500.« Hinzu kommt, dass es den jungen Leuten, die jetzt in ein derartiges Gemeinschaftsprojekt einsteigen, nicht mehr um einen sicheren Wohnsitz geht. Sie sind an Eigentum interessiert. Deshalb kommt das Genossenschaftsmodell für sie nicht in Frage. Sie wollen ihre Wohnungen jederzeit wieder verkaufen können, wenn sie einen Job in München oder Shanghai bekommen. Und zwar zum Marktwert. »Bei den Genossenschaften bekämen sie nur jenen Betrag zurück, den sie einmal eingebracht haben. Meist noch unverzinst.«

Die Zeiten haben sich eben geändert. Die Stadtplanerin, die mit ihren Nachbarn 2002 selbst noch eine Genossenschaft gründete und ein Haus an der Schwiebusser Straße erwarb, steht am Fenster und blickt auf die Zementwände ihrer eigenen Baustelle gleich gegenüber. Es wird zunehmend schattiger in der Straße, auch in den Wohnungen ihrer Nachbarn und Freunde. Wo einst noch der Blick ins Grüne ging, stößt er jetzt auf die Betonwand. »Auch bei mir wird es dunkler. Der Unterschied ist: Ich habe auch Vorteile davon. Im Gegensatz zu den ganzen anderen.«

Sie wusste, dass sie sich Feinde machen würde mit dem Großprojekt. »Viele grüßen nicht mehr«, einer hat sie als »Spekulantenschwein« betitelt. Aber Rolfes-Poneß will kein Spekulantenschwein sein, »das ist ein reines Geschäft. Da steckt Arbeit drin. Wenn jeder, der Geschäfte macht, ein Schwein ist, dann hört‘s bei mir auf.«

Aber Geschäfte sind eben Geschäfte, und Sozialprojekte sind Sozialprojekte. Und auch, wenn Rolfes-Poneß eine alte Kreuzbergerin ist und immer wieder betont, dass sie das an keinem anderen Ort gemacht hätte »als hier in Kreuzberg vor meiner Wohnung«, behält die Sache einen bitteren Beigeschmack. Sie fügt hinzu: »Es gab ja hier eine starke Nachfrage nach diesen Wohnprojekten.« Sie weiß, dass auch dieses Argument schwach ist, die »Nachfrage« wäre auch für jeden anderen Bauunternehmer ein Motiv, und sie ergänzt: »Die Leute kamen ja zu mir. Ich wollte das für den Kiez machen! Das ist kein Ufo hier. Wir haben nicht in Scout 24 inseriert, die Interessenten kamen alle aus der Nachbarschaft. Da wurde in den Schulen und Kinderläden drüber gesprochen. Wir haben nicht einmal einen Vertrieb«. Andere sehen das anders: »Na wunderbar! Die braucht nicht mal einen Vertrieb, um ihre Wohnungen zu vertickern. Das läuft alles ganz von allein. Die lässt ein paar Kinder Bilder von einem Bagger auf der Baustelle malen, klebt die an ihren Bauzaun, und schon wollen alle da einziehen. Ist doch Wahnsinn.«

Der Mann, der das sagt, sitzt im Restaurant Castel Montecroce und trinkt ein Bier in der Abendsonne. Bald wird er keine Sonne mehr auf der Terrasse haben. Die Sonne wird dann die Terrassen der neuen Eigenheimler bescheinen. Aber dem Biertrinker kann das egal sein. Er muss wahrscheinlich ohnehin bald ausziehen, sein Haus ist verkauft worden. An Investoren aus Dänemark. 18 Jahre wohnte er dort, und »wollte da eigentlich auch bleiben. Ich finde doch eh nichts mehr hier in der Gegend. Nicht für einen Preis, den ich zahlen kann.« Barbara Rolfes-Poneß weiß, was die anderen denken. Sie weiß auch,
Foto: Dieter Peters
dass seit der Schließung des Flughafens die Quadratmeterpreise in den umliegenden Wohnvierteln nach oben geschnellt sind. Auch die Mitglieder der Baugemeinschaften in der Schwiebusser Straße müssen mindestens 2.200 Euro für das eigene 100x100 Zentimeter große-Stück Eigentum bezahlen. »Hier im Viertel werden noch viele Begehrlichkeiten entstehen«, sagt sie und denkt an das Kraftverkehrsamt mit seinen historischen Bauten gleich gegenüber. Auch das steht auf der Verkaufsliste. Die Gegend wird immer teurer, und immer rentabler.

Die zukünftigen Bewohner des Friesenquartiers stört das alles nicht. Sie haben Arbeit und Geld, sind jung und auch dynamisch. Die Baugruppen nennen sich »Friesbees GBR« oder »Bascet GBR« oder »7 up GBR«. Doch es sind nicht nur junge Einwandererfamilien, nicht lauter sportliche Väter, es sind tatsächlich auch einige alteingesessene Kreuzbergerinnen und Kreuzberger dabei. »Das ist interessant«, sagt Rolfes-Poneß, »dass sich immer mehr ältere Leute für diese Bauprojekte interessieren. Meistens sind es Frauen, die mal eine Lebensversicherung abgeschlossen und jetzt Geld übrig haben.« Für sie scheint eine eigene Wohnung in einem Haus mit jungen Leuten eine Alternative zur unsicheren Mietwohnung oder dem Altersheim zu sein.

Doch die heute 65jährigen mit ihren sicheren Renten und unangetasteten Sparbüchern sind nicht der Kreuzberger Durchschnitt. Ebenso undurchschnittlich sind die geplanten Wohnungen. Im Stadtquartier Columbiadamm entstehen luxuriöse Terrassenwohnungen, die stufenweise wie eine Treppe bis zur Traufhöhe ansteigen. Die kleinen Wohnungen, Maisonetten und Penthäuser sind ab 217.000 Euro zu haben, doch dem Investitionsvolumen sind kaum Grenzen gesetzt, die größeren Exemplare sind schon eine halbe Million teuer.

»Wir wollten etwas für den Kiez tun«, sagt Barbara Rolfes-Poneß. Aber sie sagt auch: »Die Zeiten haben sich eben geändert.« Und in diesen Zeiten entstehen eben keine dieser Wohnungen mehr, wie sie nach dem Krieg entstanden sind: Wohnungen für Menschen, die Wohnungen brauchten. In diesen Zeiten entstehen Wohnungen für Menschen, die alle eigentlich Wohnungen haben. •

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