Kreuzberger Chronik
September 2011 - Ausgabe 130

Geschäfte

Das Geschäft mit dem Fisch


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von Edith Siepmann

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Die wunderbare Welt des richtig guten Kinderspielzeugs ist endlich auch in Kreuzberg angekommen

Es gab einmal am östlichen Marheinekeplatz eine etwas schäbige Post mit unwirschen Schalterbeamten, vor denen sich samstagnachmittags lange alkoholgeschwängerte Schlangen geldbedürftiger, unausgeschlafener Kreuzberger bildeten. Eines Tages wurde der große Gründerzeitbau verkauft und zu einem weiß strahlenden Geschäftsgebäude runderneuert. Die gelbgraue Post wanderte um die Ecke, mutierte zum Finanz-Dienstlei-stungs-Center mit angeschlossenem Postservice und machte schicken, ökologisch korrekten Läden Platz. Seit April diesen Jahres bietet zwischen Biosupermarkt und Yoghurteis ein sich verspielt »rasselfisch« nennender Kinderausstatter das Beste für die kleinen Racker und ihre Mamas und Papas an.

»Ist das süüüß!«, ruft die junge Frau mit dem runden Bauch der werdenden Großmutter zu. Diese nickt zustimmend, jedoch nicht ganz so »hin und weg« wie ihre Tochter, die sich einen blassweißen Frotteewaschlappen in Form eines Entenkopfes mit Knopfaugen über die Hand stülpt. Möglicherweise fehlt der Großmutter für die richtige Begeisterung ein gewisser Hormonpegel.

Oma schaut sich also lieber den praktischen Baumwoll-Body von Kidscase für läppische 26 Euro an. Im hinteren der beiden hohen und lang gestreckten Raumteile, die innenarchitektonisch an eine Mischung aus Rohbau und japanischer Betonästhetik erinnern, demonstriert eine freundliche Verkäuferin mit einem Plastikdummy geduldig einem jungen Papa, wie er das Kind am besten in den Tragbeutel rein bekommt. Der rasselfisch ist nämlich kein Geschäft für Muttis, sondern ein Geschäft für die ganze Kleinfamilie. »papas«, wie sie auf der internetsite immer wieder genannt werden, werden hier genauso in die Kaufverantwortung genommen wie die »mamas«. Und natürlich auch die Omas und Opas, die Tanten und Onkels, die den aufstrebenden Jungunternehmern gern noch einmal unter die Arme greifen. Die Kunden stammen ohnehin meist aus der »Generation Erben«. Junge Familien mit Trend zum Zweitkind, die sich im hippen Kreuzberg niedergelassen haben und es sich leisten können, einen schnittigen Bugaboo-Buggy für knappe 799 Euro unter ihr Neugeborenes zu schieben. rasselfisch bietet eben viele Kinderwagen an. Meist sind es flotte Dreiräder, mit denen sich die mamas und papas, bei allen Tendenzen zum Rückzug in die kleine heile Welt der sanierten Kreuzberger Altbauwohnung, doch ihre Fitness erhalten wollen. »papas, hier kommt eure erlösung:«, liest man da auf der website, die aus Designgründen streng in Kleinschreibung gehalten ist: »höhenverstellbare, genietete griffstange, frei drehbares frontrad, offene teleskopfederung und ganz viel vruuuummmmmm...« bietet der easy walker »sky plus«. Oder doch lieber den »urban jungle«? Gerade war man noch ein Clubber, und jetzt auf einmal Papa. Dieser Identitätswechsel muss abgefedert werden.

Die nette, unaufdringliche Verkäuferin erklärt auf Nachfrage, dass rasselfisch, selbst ein Onlineshop mit neun im Bundesgebiet verteilten Läden, mit einem Angebot aus gutem Design und natürlichen, nachhaltigen Materialien wie Holz und Stoff geradezu den Antipoden zum Internetversand Toys‘R‘Us mit seinem pinken Plastikkram im gleichen Hause darstellt. Tatsächlich wirken viele der Waren schön, praktisch und schlicht gut. Keine Teddy- und Häschenaufdrucke, keine riesigen Markenlogos, einfache Farben. Springseile mit dickem Griff und schwerer Schnur, Gummibälle ohne Aufdruck, Sandspielzeug aus Metall und aus dem Erzgebirge. Vieles erinnert an Zeiten, als die jungen Eltern noch gar nicht geboren waren: hier eine französische Kautschukgiraffe aus den 60ern, da ein kleines Retro-Kindergartentäschchen aus den 50ern. »Diese Blumenstecker aus den 70ern, die hatte ich doch auch mal, oder?«

Es muss eine unausgegorene Mischung aus Sehnsucht nach der guten, alten Kindheit einerseits, und einem gewissen Hang zum Perfektionismus andererseits sein, die junge Eltern am Anfang des 21. Jahrhunderts dazu bringt, 214 Euro für eine Design-Klassiker-Garderobe oder 39 Euro für ein Papphaus auszugeben, das sie noch selber anmalen müssen. In den 90er-Jahren nahmen die aufgeklärten Eltern dafür einen großen Karton. In den 90er-Jahren holte man sich Buggys und Kinderkleidung vom Flohmarkt oder aus den SecondHand-Läden, von denen es an jeder Ecke einen gab. Oder man bekam sie von Freunden geschenkt, deren Kinder schon aus ihren Kleidern herausgewachsen waren. In den 90ern hatten die Eltern also entweder weniger Geld, oder sie neigten weniger zum Perfektionismus und nahmen die Aufzucht der Kinder gelassener.

Foto: Dieter Peters
Draußen auf dem Marheinekeplatz sind die Bänke noch immer besetzt von den letzten Trinkern, die geblieben sind aus alten Zeiten. Daneben sitzen türkische Großmütter, die auf ihre Enkel aufpassen. Früher taumelten und kugelten die Kinder über die Drehscheibe und turnten an Reckstangen, aber die meisten der Spielgeräte wurden abgebaut. Sie waren marode, und der Bezirk hat »kein Geld mehr«. Geblieben ist der Sandkasten. Da spielen die Kinder der Kreuzberger Ureinwohner mit ihren quietschbunten Woolworth-Förmchen aus Plastik für 1,50 noch einträchtig neben den Kindern der Neukreuzberger mit ihren edlen Metallförmchen aus dem Erzgebirge. Ob es immer so bunt und friedlich bleiben wird, ist allerdings ungewiss. •

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