Kreuzberger Chronik
Oktober 2011 - Ausgabe 131

Strassen, Häuser, Höfe

Die Friedrichstraße 235


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von Werner von Westhafen

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Adelbert von Chamisso saß gerne rauchend vor seinem Gartenhäuschen. Und erfand finstere Geschichten.

Nur eine kleine Gedenktafel erinnert an die letzte Wohnstätte jenes Dichters, der sich schon Anfang des 19. Jahrhunderts gern mit Pfeife porträtieren ließ – lange, bevor von Rauchwölkchen umschwebte Literaten wie Max Frisch oder Günter Grass in Mode kamen. Adalbert von Chamisso war ein echter Raucher, ohne Pfeife hätte er die lange Reise mit dem Sohn des russischen Dichters von Kotzebue einmal rund um die Welt vermutlich niemals angetreten, und E.T.A. Hoffmann hätte ihm nicht diese kleine Karikatur widmen können, die den Freund rauchend auf einer kleinen Jolle inmitten der eisigen Beringsee zeichnete.

Das Gartenhaus am Rand der Stadt, inmitten einer Landschaft aus Gärten und Wiesen, in dem der rauchende Dichter seine letzten Jahre verbrachte, gibt es nicht mehr. Ebenso wenig wie die Häuser der Kollegen Julius Eduard Hitzig oder Ludwig Tieck, die in der Friedrichstraße 208 und der Friedrichstraße 242 (Vgl. Kreuzberger Chronik Nr. 128) wohnten. Es ist kein Zufall, dass sich die Literaten vom Trubel des Stadtlebens entfernten und in den kleinen Häusern am ruhigen Stadtrand niederließen, wo sie an ihren literarischen Abenden der Phantasie freien Lauf lassen konnten. Inspiriert von Dichtern der phantastischen Literatur wie Edgar Allen Poe oder Lord Byron entstanden unter dem Sternenhimmel vor dem Halleschen Tor literarische Figuren, die bis heute überlebt haben: Chamisso erfand mit Peter Schlemihl einen Mann ohne Schatten, während Hoffmann die Geschichte vom Mann mit dem verlorenen Spiegelbild erzählte, die in die Sammlung der »Abenteuer einer Silvesternacht«, und damit in eines der berühmtesten Bücher Hoffmanns aufgenommen wurde. Friedrich de la Motte Fouqué, ein »begeisterter Zechbruder Hoffmanns« und ebenso phantasiebegabt wie die berühmten Kollegen, erdichtete das »Galgenmännlein«, ein kleines, in ein Glas geschlossenes Teufelchen.

Charles Adelaide de Chamissot de Boncourt, der Adelsspross aus einem Schloss in der Champagne, war sowohl Wissenschaftler als auch ein Abenteurer, und er fühlte sich wohl in dieser Gesellschaft der Dichter, in deren Welt Realität und Phantasie ständig miteinander verschmolzen. In einer autobiographischen Notiz schreibt Chamisso: »Ich hatte auf einer Reise Hut, Mantelsack, Handschuhe, Schnupftuch und mein ganzes bewegliches Gut verloren; Foqué frug, ob ich nicht auch meinen Schatten verloren habe, und wir malten uns das Unglück aus. Ein ander Mal ward in einem Buche von Lafontaine geblättert, wo ein sehr gefälliger Mann in einer Gesellschaft allerlei aus der Tasche zog, was eben gefordert wurde – ich meinte, wenn man dem Kerl ein gut Wort gäbe, zöge er noch Pferd und Wagen aus der Tasche. Nun war der Schlemihl fertig, und wie ich einmal auf dem Lande Langeweile und Muße hatte, fing ich an zu schreiben.«

Ob Chamisso mit dem »Lande« die Gartenlandschaft zwischen Kochstraße und Halleschem Tor gemeint hat, oder ob er sich zum Schreiben noch weiter aufs Land zurückzog, ist nicht überliefert. Sicher ist, dass Chamisso mit Rücksicht auf seine Nachbarn in der Friedrichstraße nicht der Freikörperkultur huldigte, der er auf seinen Reisen in den Dschungeln der Karibik begegnet war. Die Literaten, die es vorzogen, im Geiste zu reisen -anstatt auf der Suche nach der Nordwest-Passage die See zu befahren - hielten die nudistischen Anwandlungen des Weltumseglers zunächst für einen Scherz. Doch »es war ihm voller Ernst«, wie einer seiner Freunde schreibt, »als er gegen Hitzig den Wunsch aussprach, an heißen Sommertagen in eigenem Garten nackt, mit der Pfeife im Munde, spazieren zu könne, ohne dadurch Anstoß zu erregen, und er wäre wohl auch der Mann gewesen dies durchzuführen, hätte er auf dem Lande statt in einer volkreichen Stadt gewohnt.«

Charles Adelaide de Chamissot, jener Franzose, der sich ein Leben lang fremd fühlte in Deutschland, war kein Spaßvogel. »Er war ein liebenswürdiger Mann«, schrieb einst Friedrich Hebbel über ihn, »aber er erzählte am liebsten grausame Geschichten.« Chamisso besaß, trotz eines durch die Wissenschaft geschärften Intellekts und einer professionellen Sachlichkeit, einen gewissen Hang zur Dramatik. Noch wenige Wochen vor seinem Tod brachte er ein melancholisches Flugblattgedicht über eine arme Waschfrau in Umlauf, eine Art Spendenaufruf. Immerhin gelang es ihm, etwa 150 Reichstaler zu sammeln, weshalb das Gedicht heute als Vorläufer der »sozialkritischen deutschen Lyrik« gilt.

Das Gartenhäuschen
Auch Chamissos Meisterwerk über den Mann ohne Schatten ist keine komische, sondern eine traurige Geschichte. Ein altes Volkslied vom Schlemihl endet mit den Zeilen, »er hat seine Seele verlor´n. Danach hat man niemals mehr von ihm gehört, und niemand weiß mehr, daß er einst gebor´n.«

Fast wäre es dem Verfasser ähnlich ergangen. Immerhin tragen heute einige Fuchsschwanz- und Nachtkerzengewächse und eine winzige Insel in der fernen Beringsee seinen Namen. Auch in Kreuzberg erinnert noch ein kleiner Platz an den fremden Dichter mit der Pfeife, der 1838 am Lungenkrebs starb: der Chamissoplatz. •


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